Kurier 30.09.1999
Der Standard 02./03.10.1999
Format 04.10.1999
Produktbeschreibungen
Kurzbeschreibung
John Naisbitt und sein Team haben diese Gesellschaft studiert, erforscht. - Bringt uns die Gentechnologie das Ende aller Krankheiten oder nur den hinausgeschobenen Tod? - Erschafft der Mensch in Zukunft Designerbabys wie Designerkleidung? - Wir können uns fast alles kaufen, aber wie entkommen wir gleichzeitig dem übertriebenen Konsumzwang? - Was macht Produkte wie den iMac von Apple, Swatch-Uhren oder den VW New Beetle so erfolgreich? - Wohin führt uns eine Generation, die von Gewalt in Videos, elektronischen Spielen und dem Fernsehen geprägt ist?
John Naisbitt rüttelt an Traditionen und stellt all jene Fragen, die jeder Mensch in den nächsten Jahren für sich beantworten muß.
Der Verlag über das Buch
Über den Autor
Auszug aus High Tech, High Touch. von John Naisbitt. Copyright © 1999. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Nach all den Recherchen, nach Dutzenden Interviews mit führenden Persönlichkeiten aus Kunst und Wirtschaft, mit Forschern und Theologen und nach sorgfältiger Betrachtung unseres eigenen Lebens zeichnete sich eine Handvoll klar umrissener - wenn auch beunruhigender - Reaktionen des Menschen auf Technologie ab. Wir glauben, daß diese Reaktionen einen Rahmen abgeben, eine Reihe von Merkmalen oder "Symptomen" die unsere Gesellschaft als eine technologieverseuchte erkennbar machen. In dieser technologieverseuchten Gesellschaft treffen wir sechs bezeichnende Symptome des Menschen in seinem Umgang mit Technologie an:
1. Wir fürchten und verherrlichen die Technologie. 2. Wir suchen eine schnelle Lösung. 3. Wir verwischen den Unterschied zwischen echt und unecht. 4. Wir akzeptieren Gewalt als etwas Normales, Alltägliches. 5. Wir lieben Technologie wie ein Spielzeug. 6. Wir führen ein entfremdetes, orientierungsloses Leben. Wir hoffen, daß Sie durch die klare Definition dieser Symptome die Rolle der Technologie in Ihrem Leben besser verstehen lernen. Wir hoffen, daß Sie genug Abstand gewinnen können, um Technologie als das zu erkennen, was sie ist - überwältigend, verführerisch, aufregend -, und um die Kraft aufzubringen, ihrem Sirenengesang zu widerstehen.
Symptom 1: Wir fürchten und verherrlichen die Technologie
Wird Technologie die Menschheit retten oder vernichten? Die Debatte darüber ist so alt wie die Menschheit selbst. Sie bricht regelmäßig und mit Heftigkeit aufs neue aus und hat sich seit den Anfängen der industriellen Revolution, als ludditische Maschinenstürmer wegen der Zerstörung von Textilfabriken hingerichtet wurden, wenig geändert. So kraß formuliert, wirkt die Polarisierung in bezug auf Technologie beinahe absurd, und doch beweisen Extrempositionen den blinden Glauben und die Ängste, die wir in die Technologie hineinprojizieren, und ihre kulturelle Verherrlichung. Vor 1.000 Jahren, gegen Ende des ersten Jahrtausends, fürchteten die Menschen, daß der Zorn Gottes mit Tod und Zerstörung über die Erde kommen könnte. Zum Ende dieses Jahrtausends brechen diese Ängste wiederum hervor, in einem technologischen Armageddon mit dem Namen Jahr-2000-Umstellung. Einige befürchten, daß die Computertechnologie sich selbständig machen und wie der allmächtige Zorn Gottes Chaos über die Menschheit bringen könnte - Flugzeuge fallen vom Himmel, Raketen werden unkontrolliert abgefeuert, die Weltwirtschaft bricht zusammen, überall versagt die Technologie. Manche Leute haben sich sogar gutausgestattete, bombensichere Bunker oder einen abgelegenen Unterschlupf angelegt, als wäre die Technologie an sich eine unkontrollierbare Macht, die in der Lage ist, ungeheure Katastrophen und Massenvernichtung auszulösen.
Der militärisch-interaktive Komplex
"Doom wird Wirklichkeit!" schrieb einer von den beiden Terroristen von Littleton, ehe das Morden an der Columbine High School begann. Am 20. April 1999 gingen die beiden Schüler (für den Augenblick) in die Geschichte ein, als sie das schlimmste Schulmassaker in der amerikanischen Geschichte anrichteten. In einer fünfstündigen Besetzung töteten sie zwölf Klassenkameraden, einen Lehrer und sich selbst - und verletzten 23 andere zum Teil schwer. "Bei dem, was sie taten, ging es nicht um Wut oder Haß", sagte ihre Freundin Brooks Brown. "Es ging darum, daß sie nur im Augenblick lebten, wie wenn sie in einem Videospiel wären." Während amerikanische Militäraktionen Videospielen ähneln, werden wir im eigenen Land Zeugen eines anderen Krieges: Die Soldaten darin sind Kinder, die Schlachtfelder Schulen, und die Schlacht selbst erinnert an die brutalen elektronischen Spiele, die es für das Militär und zur Unterhaltung für unsere Kinder zu kaufen gibt. Der militärisch-industrielle Komplex, vor dem Präsident Eisenhower uns gewarnt hat, entwickelt sich zu einem militärisch-interaktiven Komplex, mit tückischen Folgen für unsere Kinder und unsere Gesellschaft.
15 Minuten für jedermann
Heute will jeder ein Star sein, besonders unsere Kinder. In einer Umfrage unter High-School-Schülern antworteten zwei Drittel der Kinder auf die Frage, was sie einmal werden wollten, wenn sie erwachsen seien: "Berühmt." Kinder, die so viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, wollen auch auf diesen Bildschirmen sein. Wer im wachsenden Trubel einer modernen Welt auffallen will, muß den Skandal suchen: Madonna, Dennis Rodman, Marilyn Manson, Howard Stern und Jesse "The Mind" Ventura haben ihre Karrieren durch Verstöße gegen übliche Normen vorangetrieben, genau wie Fernsehsender ihre Einschaltquoten durch "Schockumentationen" hochzutreiben versucht haben. Will man seine 15 Minuten Ruhm haben, muß man extrem sein. Wenn ein Kind ein anderes in einer Seitengasse erschießt, bleibt dieser Vorfall in den Abendnachrichten unerwähnt. Aber wenn ein Junge seine Klassenkameraden mit einem falschen Feueralarm aufscheucht und dann aus einer halbautomatischen Waffe Garben in die Menge schießt, vier Kinder und einen Lehrer tötet und Dutzende andere verletzt, dann kommt er damit auf das Titelbild von "Time", in die landesweiten Fernsehnachrichten, in alle Zeitungen des Landes und kriegt vielleicht obendrein einen Buch- und einen Filmvertrag.
In einigen Ländern wurde bereits eine Grenze gezogen; man lehnt es ab, Kapitalverbrechen in Presse oder Fernsehen plattzutreten. In Norwegen oder Schweden ist es journalistische Gepflogenheit, Namen und Fotos von Gewalttätern zurückzuhalten und "von einer Identifizierung Abstand zu nehmen, es sei denn, dies wäre notwendig, um den Erfordernissen einer fairen und gerechten Berichterstattung zu entsprechen". Während die ursprüngliche Absicht dieses journalistischen Ethikkodex' darin bestand, den Persönlichkeitsschutz von Kriminellen sicherzustellen, ist das Ergebnis dieser Grundregel, daß es in diesen Ländern keine kriminellen Idole oder Nachahmungstäter gibt. Die Gesichter und Namen der beiden Jungen von Littleton jedoch prangten schon weniger als acht Stunden nach Beginn des Massakers groß auf dem Fernsehschirm, in Zeitungen und Zeitschriften - und stachelten viele Schüler im ganzen Land dazu auf, die Taten der beiden Terroristen nachzumachen:
- In Colorado Springs wurden vier High-School-Schüler wegen Hausfriedensbruch festgenommen, nachdem sie in Trenchcoats mit schwarzen Masken zur Schule gekommen waren. - In Prosser, Washington, wurde ein Schüler festgenommen, nachdem er gedroht hatte, seine High-School in die Luft zu sprengen.