Das neue Buch von Friedrich Ani ist der dritte Kriminalroman, den der meiner Meinung nach beste deutsche Kriminalautor mit seinem Kriminalkommissar Polonius Fischer aus dem Münchner Dezernat 111 vorlegt, in dem schon seine berühmte andere Romanfigur Tabor Süden arbeitete.
Früher war er ein Mönch, der irgendwann seine Kutte ablegte und sich bei der Polizei bewarb. Seiner in diesem Buch schwer verletzten Lebensgefährtin Ann Kristin ( sie arbeitet als Taxifahrein und ist von vier Männern nur so zum Spaß brutal zusammengeschlagen worden und liegt im Koma) beschreibt er diese Zeit zum ersten Mal ( und damit auch dem Leser der bisherigen Bücher):
"Aber ich war nicht anwesend in mir. Und niemand, der nicht in sich selbst anwesend ist, ist anwesend in der Welt. Ich stellte mich bloß dar. Kannst du dir den Schrecken vorstellen, die einen Menschen heimsucht, wenn er eines Nachts sein wahres Empfinden und Denken begreift ? Dieses Ausmaß von Gottesferne ist ungeheuerlich. Das ist, als hätte dich jemand im Weltall ausgesetzt und dein Atem bestünde aus Nägeln, und jeder Atemzug reißt noch tiefere Wunden in deine Einsamkeit. Das Schweigen Gottes, also das Schweigen der Liebe brachte mich fast um. Ich hörte auf zu essen, zu trinken, ich hörte auf zu beten, ich verließ meine Zelle nicht mehr."
Es ist diese tiefe Reflexionsarbeit, die auch das vorliegende Buch von Ani auszeichnet, und es hinter der Oberfläche zu einer anstrengenden, stellenweise quälenden Lektüre macht, die einen nicht unbeteiligt lassen kann. Er mutet auch mit dem neuen Fall seinen Lesern nichts anderes zu, als die ungeschönte, grausame und sinnlose Wirklichkeit. Auch in Totsein verjährt nicht" gibt es Textpassagen, bei deren Lektüre man über die Kälte der Menschen, die dort beschrieben wird, verzweifeln und laut aufschreien könnte. Und doch gibt es auch immer wieder wunderbare Stellen, Lieder der Hoffnung sozusagen, doch sie werden nicht zu Ende gesungen. Sie enden dissonant, weil die Welt so ist.
Der Fall, um den es dieses Mal geht, basiert auf einem realen Fall, dem Verschwinden der kleine Peggy aus Oberfranken im Jahr 2001.
Im Buch heißt das Mädchen Scarlett und es fehlt seit sechs Jahren von ihm jede Spur. Jonathan, geistig zurückgeblieben, wurde wegen Mordes an dem Mädchen zu lebenslanger Haft verurteilt, obwohl es keine Leiche gab und der junge Mann später sein Geständnis widerrufen hat. Bis zum höchsten bundesdeutschen Gericht wurde das Urteil bestätigt.
Nun, 2008, glaubt ein ehemaliger Mitschüler von Scarlett, diese auf dem Münchner Marienplatz gesehen zu haben und schreibt Polonius Fischer einen Brief. Der greift, -wie gesagt, seine Frau wurde gerade lebensgefährlich verletzt-, diesen Fall wieder auf, ermittelt gegen den Willen seiner Vorgesetzten, und er entdeckt die schwersten Ermittlungsfehler und Vertuschungen.
Friedrich Ani schreibt einfach brillant, er zwingt seinen Leser zur Auseinandersetzung mit einer harten, einer brutalen und ungerechten Realität. Und er hört nicht auf, an die Menschlichkeit, an die Liebe (an Gott? ) zu glauben, auch wenn er seine Zweifel so heftig äußert, dass es schmerzt. Ja , seine Bücher sind keine leichte und angenehme Lektüre, sie tun weh, sind harter Lebenskampf. Dennoch möchte man gerne mehr davon haben. Nach dem ersten Buch der neuen Reihe um Polonius Fischer schrieb und dachte ich noch, sie würde auch zehn Bände umfassen, wie die um Tabor Süden. Doch Friedrich Ani will seinen ehemaligen Mönch verlassen. Er vermisst seine Vermissten, wie er sagt, und wird im nächsten Roman Tabor Süden wieder auferstehen lassen, der in Köln nach einer langen Tätigkeit als Kellner nun bei einer Detektei angeheuert hat und außerhalb der Polizeistrukturen als Freelancer agiert.
Traurig über den Verlust von Polonius Fischer, der mir mit seinem Tiefgang ans Herz gewachsen war, freue ich mich schon jetzt auf das neue Buch.