Dieses Buch war mein erstes dieser Art. Also mein erstes richtiges "Bergsteiger-Buch". Aufgrund der guten Bewertungen und des gehobenen Preises habe ich mich für dieses Buch entschieden.
Vielleicht waren meine Erwartungen aus diesem Grund etwas zu hoch.
Jedenfalls war ich wohl ziemlich ungeduldig, denn ich stellte fest, dass sich die ersten 40 Seiten noch nicht mal um diejenige Everest-Expedition drehen, bei der "es" passieren sollte. Dann beschreibt Lincoln erst einmal die Vorbereitungen und die Hinreise. Der Aufstieg auf den Gipfel wird nicht allzu ausführlich beschrieben; er scheint jedenfalls unproblematisch und geradezu 'locker' gewesen zu sein, allerdings bekommt der Leser die ständige Präsenz des Todes in der dortigen Gegend sehr deutlich zu spüren. Bergsteiger gehen dort über Leichen, um auf den Gipfel zu kommen; im wahrsten Sinne des Wortes.
Dann, erst in den späteren Kapiteln passiert es; Lincoln Hall erleidet plötzlich ein Höhenhirnödem, beginnt wild zu halluzinieren und wird den Sherpas und sich selbst zu einer lebensbedrohlichen Last. Nachdem Lincoln später eindeutig als tot erkannt wird, müssen die Sherpas ihn, um ihr eigenes Leben zu retten, zurücklassen.
Lincolns Verstand lässt ihn mit den verschiedensten Spielereien die Nacht durchhalten.
Als er in der Früh von zwei Bergsteigern LEBEND entdeckt wird, staunen sie nicht schlecht.
Lincoln Hall schildert neben besagter Präsenz des Todes sehr gut seine Rolle als Familienvater und auch die Perspektive aus der die Familie ein solches Drama durchlebt, wenn sie zu Hause bangen ' von Falschmeldungen der Medien hin- und hergerissen.
Was außerdem positiv auffällt ist, dass er sehr objektiv bleibt; frei von Vorurteilen, unbeeinflusst von Meinungen. So wird die Geschichte weder pathetisch-heldenhaft noch wie ein simpler Bericht erzählt. Vielmehr schafft es Hall, Klarheit in die Dramen zu bringen, die sich am Mount Everest abspielen; er schildert, warum David Sharp wirklich zurückgelassen wurde, und warum man an ihm vorbeiging, während die Medien diese Geschichte aus einer sensationsgeilen und nicht fundierten Sicht beschreiben ' 'von herzlosen, egoistischen Bergsteigern'.
Dem Leser wird klar, was die Medien aus solchen Geschichten machen; Interviews werden umgeschnitten um alles dramatischer zu machen, Vorurteile werden geschaffen und letzten Endes weiß niemand mehr, was sich wirklich am Everest abspielt.
Das waren die äußerst positiven Aspekte des Buchs. Was mir allerdings fehlte, war ein gewisser Pathos; zwar ist mir klar, dass Hall objektiv bleiben wollte, aber ich vermisse einfach den inneren Monolog des Überlebenskampfes und auch die 'Faszination Everest'. Das Hauptthema des Buches, seine Nacht in der Todeszone, beschränkt sich auf wenige Kapitel, auch wenn mir klar ist, dass er sich wohl nicht mehr so gut daran erinnern konnte. Aber ich hätte mir erhofft, dass nach der Unklarheit, die Aufklärung folgt, also 'was wirklich passierte'. Zwar erwähnt er durchaus, was wirklich geschah, allerdings nur oberflächlich.
Manchmal kommt man mit den Lagern und den Namen auch etwas durcheinander, und muss noch einmal nachlesen. Als ich später im Internet recherchierte, sah ich, dass es auch Fotos von der Stelle gab, wo er übernachtete. Diese hätte er ins Buch mit einbringen sollen, damit sich der Leser klar wird, an welch unglaublichem Ort, nämlich wenige Meter vor einem tausende Meter tiefen Abgrund, dieser Mann die Nacht verbracht hat, denn die Sprache ist dazu einfach nicht bildhaft genug. Ich empfehle, sich ein paar Videos/Interviews von Lincoln Hall im Internet anzusehen. Diese helfen dabei, sich die ganze Geschichte viel besser vorstellen zu können und ein klareres Bild davon zu haben.
Ich werde das Buch sicher noch ein zweites Mal lesen und kann es auch weiterempfehlen.
Man sollte seine Erwartungen nur nicht allzu hoch stecken