Am Anfang wähnt man sich bei - Herrn Lehmann von Sven Regener oder, das fand ich eh noch besser, bei Tom Liehrs Idiotentest. Der übliche Tollpatsch, der nicht älter wird, hier schon jenseits der fünfzig, der durch die Katastrophen der Großstadt (mal zur Abwechslung aber charmant: Gelsenkirchen) wankt, mehr oder weniger trunken, ehe (so gut wie) - und arbeitslos, doch literarisch und satirisch nicht untalentiert. Seit Jahren lebt er von kleinen 2:30 Minütern, die übliche Länge für Radiosketche und schiebt seinen großen Wurf, seinen großen Roman, seit Jahren vor sich her. Wie gesagt, die Beschreibungen seiner bizarren Erlebnisse mit ausgeflippten Intellektuellen, mehr oder weniger zufällig in deren Fänge geraten, eine lebens- und sexhungrige Freundin (allerdings liebenswert charakterisiert), kaputte Mutterbeziehung und so allerlei Katastrophen, machen bis zum Ende des ersten Drittels (bei 239 Seiten) noch keinen unbedingt lesenswerten Roman. Das ändert sich, als er ernsthaft an Krebs erkrankt, alleine die Umstände dieser Entdeckung, und die lange Reise im Kampf gegen den Krebs, das ist eine ganz große Nummer. Die Rückschläge, die Kebsstation, die Lakonie, das ist bewegend. Hier wird seine Beziehung zu seiner Freundin Insa, die er als Aushilfslehrer in ihrer Klasse kennen gelernt hat, und die in all den Jahren, trotz des großen Altersunterschiedes nicht voneinander loskommen, immer wieder hart auf die Probe gestellt. Szenerien im Krankenhaus wie man sie nicht besser notieren kann, der - durch ein Loch im Kehlkopf Raucher-, die Kumpelhaftigkeit der Chemotherapiebrüder, das ist beklemmend und stark geschrieben. Wie gesagt, etwas durcheinander am Anfang, dann nimmt das Buch Fahrt auf und wird zu einem ganz wichtigen Buch und nimmt vor allem eins: Illusion. Denn das Buch ist auch eine Abrechnung mit den heute so modernen Sterbehelfern" die den Tod immer wieder mystifizieren wollen (Zitat: Und lebst du, seit du die Diagnose hast, nicht viel intensiver?) und ihn mit irgendwelchen heiligen Gedichten oder Singsang, Topfschlagen oder bachblütend, willkommen heißen. Der Tod ist und bleibt, und grade wenn es um Krebs geht, eine grausame, schreckliche, auszehrende Frage an einen Gott, eben der Ruf, der in der Regel ungehört verhallt. Trotzdem, man bringt sich nicht um nach dem Buch; nicht nur deshalb, weil man diese Diagnose (noch) nicht hat, sondern, weil es soviel bittere Selbstironie enthält und zeigt, das man nie den Lebensmut verlieren sollte. Respekt vor diesem Autor.