Wir wissen von den Nazi-Greueln. Wir wissen von den Drangsalierungen, von den Verfolgungen, von der Vernichtungsmaschinerie. Wir wissen inzwischen sehr viel. Und doch gibt es immer noch unbekannte Aspekte, die uns immer wieder erstaunen und noch mehr erschrecken. Wir kennen z.B. Geschichten von Künstlern, deren Karriere vom NS-Regime zerstört wurde. Vor relativ kurzem wurde erst das Schicksal der „Comedian Harmonists" (D/A 1997) dank der Verfilmung von Joseph Vilsmaier einer breiteren Öffentlichkeit wieder bekannt gemacht. Einen Schritt weiter ins Grauen führt uns nun die wirklich gelungene Dokumentation von Volker Kühn. Sie führt uns nämlich direkt ins KZ und erzählt uns von Künstlern, die noch an der Schwelle zum Tod um ihr Leben spielten.
Von der SS zunächst verboten, dann geduldet, später befohlen - in vielen Konzentrationslagern gab es exzellentes Kabarett und Jazzbands. Kein Wunder - die Meister ihres Faches waren hier eingesperrt. Sie spielten um ihr Leben, machten anderen Mut - und wurden doch ermordet. Fritz Grünbaum, Kurt Gerron, Dora Gerson oder Willy Rosen, um nur einige zu nennen. „Totentanz - Kabarett im KZ" ist eine gelungene multimediale Dokumentation über diese (bis dato mir zumindest unbekannten) Schicksale, bestehend aus einer DVD (Dokumentarfilm), einer CD (Sketche und Lieder - darunter auch „Die Moorsoldaten" oder die „Dreigroschenoper-Moritat") und einem 52-seitigen Booklet.
Besonders „berühmt" war das KZ Westerbork in den Niederlande. Dieses Durchgangslager, aus dem mehr als hunderttausend Juden aus Holland nach Osten abtransportiert wurden, wurde für einige Zeit zur heimlichen Kabarett-Metropole Europas. Der Lagerkommandant, SS-Führer Gemmeker, war nämlich ein Kleinkunst-Fan. Was benötigt wurde, wurde besorgt: Grammphon-Anlagen, Kostüme, Requisiten. Filmaufnahmen aus dem Lager beweisen die Professionalität der Bühnen.
Gemmeker prügelte nicht, er „lächelte" seine Juden nach Auschwitz, so ein Kommentar. Gespielt wurde immer, wenn Züge in die Vernichtungslager nach Auschwitz oder Sobibor gingen. In den ersten Reihen saßen die Nazis, hinten die Leute, die am nächsten Tag abtransportiert wurden. Und oben auf der Bühne spielten die Künstler - und alle lachten. Einmal sang Kabarettchef Max Ehrlich am Ende der Vorstellung: „Immer langsam, immer langsam, immer mit Gemütlichkeit. Es ist noch nicht soweit, wir haben noch lange Zeit."
Wahrscheinlich plagten die Schauspieler, Kabarettisten und Sänger auch Schuldgefühle. Einerseits beruhigten sie ihre Leidensgenossen, machten ihnen (falsche) Hoffnung und gaben ihnen einen Hauch von Normaliät zurück, andererseits spielten sie ihren Schergen und Henkern somit in die Hände. Hätten sie sich verweigert, wären sie wohl sofort den selben Weg in die Gaskammer gegangen (welchen später viele von ihnen sowieso durchleiden mussten).
Jedes einzelne Schicksal ist erschütternd - besonders berührt hat mich aber vor allem das Schicksal von Kurt Gerron. Das Multitalent (Schauspieler, Regisseur, Kabarettist) war in den 1920ern durch zahlreiche Spielfilme („Der blaue Engel", „Die Drei von der Tankstelle", „Bomben auf Monte Carlo") und durch seine Kabarettauftritte bekannt geworden. 1933 floh er vor den Nazis in Ausland, wo er sich nach einer Irrfahrt 1935 im trügerisch sicheren Holland niederließ, das 1940 von Nazi-Deutschland okkupiert wurde. Nach seiner Inhaftierung im KZ Westerbork wurde er 1944 nach Theresienstadt deportiert, das als irreführendes Vorzeige-Ghetto für das Rote Kreuz diente und in dem Juden eine inszenierte „menschenwürdige" Existenz führten. Auf Befehl drehte Gerron dort den SS-Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt". Dass er, um des Überlebens willen, sich von den Nazis einspannen ließ, dürften ihm viele Mitgefangene nachgetragen haben. Schließlich wurde auch er nach Auschwitz gebracht und vergast. Eine Mitgefangene beobachtete, wie Gerron am Bahnsteig vor einem SS-Offizier niederkniete und um sein Leben bettelte - eben mit dem Verweis, dass er doch diesen Film für den Führer gedreht habe. Bilde ich es mir nur ein, oder ist so etwas wie Genugtuung aus der Stimme der Überlebenden zu hören? Augenzeugen berichteten, dass Gerron von der SS gezwungen wurde, die Dreigroschen-Moritat auf dem Weg in die Gaskammer zu singen.
Schlimm wird es, wenn man sich die CD anhört. Die Lieder bzw. Sketches sind harmlos humorvoll bis hin zu höchstgradig politisch-bissig. Die Aufnahmen stammen größtenteils von 1928 bis 1945 - also angefangen von vor der Machtübernahme Hitlers bis hin zu den letzten Tagen in den KZs. Und während man wirklich herzhaft schmunzelt, kann man im Booklet die Biografien der Künstler nachlesen. Wem gelang die Flucht, wer wurde vergast oder verschwand überhaupt spurlos? Als besonders krasses Beispiel nenne ich nur mal das Willi Rosen-Potpourri, das von dem niederländischen Gesangsduo Johnny und Jones 1944 im KZ Westerbork aufgenommen wurde. Da fallen Textzeilen wie „Mir ist heut' so nach Glücklichsein und nach 'nem Rendezvous" - und nur Monate später sterben die beiden Musiker an Entkräftung. Da entsteht im Zuhörer eine kalte, bittere Wut.