Zunächst war ich von der Kombination Arne Dahl und Till Hagen recht angetan. Misterioso, Rosenrot und Böses Blut (abgesehen vom Ende) brachten spannende Unterhaltung und überzeugende Personenstudien des Ermittlerteams. Mit Tiefer schmerz und Falsche Opfer fing Dahl dann an, die Realität aus den Augen zu verlieren und versuchte, sich jedes Mal selbst zu übertreffen. Von da an reichte es nicht mehr einfach, Themen wie Kinderpornografie oder untergetauchte Altnazis aufzugreifen, sie mussten miteinander kombiniert werden.
In sofern ist Totenmesse immerhin wieder ein kleiner Lichtblick: Der Größenwahn ist vorübergehend gebändigt, Dahl konzentriert sich auf einen Haupthandlungsstrang - dieser ist aber wohlwollend formuliert an den Haaren herbeigezogen. Beispiele gefällig? Die Exfrau eines Ermittlers wird bei einem Banküberfall als Geisel genommen. Ein anderer ersteigert einen alten Schreibtisch, in dem genau das fehlende Puzzleteil der Ermittlungen (in einem supergeheimen Geheimfach) versteckt ist. Ein dritter Polizist gondelt das ganze Buch über durch Griechenland und Italien, um dann im Venediger Showdown den bitterbösen Schurken zu erledigen, der in einem der Vorbücher überlebt hat (wofür Dahl von vielen Lesern kritisiert wurde...).
Dahls Geschichten sind wie alle anderen Krimis erfunden, nur leider merkt man das bei ihm besonders schön. Für manche mag dieses Puzzlesystem "genial" sein, lebensechte Schicksale und Untiefen findet man leider vergeblich. Man kann sich bildlich vorstellen, wie Dahl am Zeichenbrett sitzt und die einzelnen Personen und Elemente mit Strichen verbindet...
Noch ein Wort zur Lesung von Till Hagen: Das Urteil "Idealbesetzung" stimmt, nur leider im negativen Sinne. Till Hagen hat sich weniger als Schauspieler, denn als Synchronstimme von Kevin Spacey einen Namen gemacht. Was er abliefert, ist auch bei der Lesung Hollywood pur. Eine hervorragende Stimme, die leider nur zwei eitle Grundeinstellungen kennt: Kühle Souveränität mit einer Spur Arroganz und als Gegenstück pathetisches Summen. Das reicht nicht, um Personen bzw. Geschichte Tiefe zu verleihen.