*Sein Atem pfiff, seine Lungen brannten, und ihm tat das Bein weh. Das war normal, nach dem Sprung. Nach dem Sturz, weil er nicht sauber gelandet war. Jetzt aber flog er, verfolgt vom wabernden Licht der Scheinwerfer, hinaus in die Nacht. Er dachte an nichts, außer an den Takt seiner Beine und die schmerzenden Stöße seines Atems. Er hatte sich die Strecke auf der Karte genau eingeprägt. Er zählte mit den Schritten die Meter, warf den Kopf in den Nacken und zwang sich, noch schneller zu laufen, obwohl er Seitenstechen hatte, lähmendes Seitenstechen, und seine Lunge schier platzte ...*
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Ein Totenküsser ist ein früher Verwandter des Vampirs, der lebendig in seinem Grab liegt und an seinem Leichentuch zehrt, an seinen Händen saugt, seine Körperteile aufisst und dabei kräftig schmatzt. "Totenkuss" steht als Bild für die Fantasien des Serienmörders Olaf Hahnke, für seine nekrophilen Neigungen, für seine mangelnde Therapierbarkeit. Aber auch als Bild für die archaischen Ängste, die er bei seinen Opfern und denen, die ihn jagen, heraufbeschwört.
Olaf Hahnke ist bereits bekannt aus den Kriminalromanen "Totschweigen" und "Wespennest". Er sitzt als dreifacher Mörder lebenslänglich in Haft: Auf Campingplätzen hat er um die Jahrtausendwende drei junge, behinderte Frauen missbraucht und getötet. Weil er seine Opfer jeweils zudeckte, nennt man ihn den "Mantelmörder". Aufgrund der Tatortanalysen glaubt Kriminalhauptkommissar Timo Fehrle, dass es davor noch einen Fall gegeben haben muss: Demnach kommt Hahnke als Täter für ein bereits 24 Jahre zurückliegendes Verbrechen infrage. 1984 wurde in Schramberg, Fehrles Heimatort, die 15-jährige Petra Clauss ermordet. Timo hat das Mädchen gut gekannt. Der Fall wurde nie gelöst. Und möglicherweise gehen noch mehr Morde auf Hahnkes Konto. Doch der Mantelmörder hat dazu stets geschwiegen.
Nunmehr entkommt Hahnke aus der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Er flieht über das Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg, wo tatsächlich eine Sicherheitslücke klafft, die innerhalb der nächsten fünf Jahre behoben werden soll. Mithilfe des pädophilen Grundschullehrers Ludger Sachs, den er brutal erpresst, flieht er in einem alten VW-Bus.
Die Reise bzw. Flucht führt quer durch Italien: Die Marken, die Adria, Florenz, die Toskana, Rom. Der Kontrast zwischen der Postkartenidylle und der Jagd nach einem skrupellosen Killer könnte erschreckender nicht sein.
KHK Timo Fehrle wittert den Fall seines Lebens.
Fazit: Uta-Maria Heim's Erzählstil ist dicht, ihre Figuren sind glaubwürdig gezeichnet, ihre Geschichte gut durchdacht und geschickt konstruiert.
[Reinhard Busse]