Eine junge Frau wird ermordet aufgefunden. Eigentlich ein "ganz normaler" Mordfall, doch sie sieht der Ermittlerin Cassie Maddox so ähnlich, dass ihre Vorgesetzten beschließen, den Mord zu verschweigen. Sie beauftragen Cassie damit, im früheren Umfeld des Opfers, einer Studenten-Wohngemeinschaft zu ermitteln.
Schon der erste Blick auf das fast 800 Seiten dicke Buch lässt ahnen, dass es sich hier um einen Krimi handelt, der einen etwas länger beschäftigen wird und den man nicht mal so eben nebenbei lesen kann. Nebenbei gelesen zu werden, ist etwas, dass dieses außergewöhnliche Buch absolut nicht verdient hat. Tana French, die schon in ihrem Debüt "Grabesgrün" durch ihre Sprachmagie überzeugte, hat sich hier noch einmal gesteigert. Vielleicht kann man ihr vorwerfen, dass einige Sachen etwas zu langatmig ausgearbeitet sind - so braucht es allein knapp 200 Seiten, bis Cassie Maddox von ihrem ehemaligen Kollegen überredet werden kann, dass sie als Undercover-Ermittlerin in das Haus der Studenten geht, um sich als deren Freundin auszugeben - doch das verzeiht man gern, denn die Dialoge und die einzelnen Szenen sind sprachlich einfach perfekt.
Cassie, die in dem alten Herrenhaus eine eingeschworene Gemeinschaft vorfindet, fügt sich gut in die kleine Familie ein. Niemand scheint zu bemerken, dass es nicht die Mitbewohnerin Lexie ist, die da nach einer "Verletzung" aus dem Krankenhaus zurückgekehrt ist. Bei allem was sie sagt und tut, muss Cassie versuchen, ihrer ermordeten Doppelgängerin so ähnlich wie möglich zu sein. Die ständige Gefahr enttarnt zu werden, schwebt über allem und lange weiß sie nicht, in welches Spiel sie geraten ist.
Die Autorin hat nicht nur eine absolut fesselnde Handlung entworfen, sondern sie fasziniert durch ihr Gespür für Stimmungen und schildert meisterhaft die einzelnen Beziehungen der Studenten untereinander. Die Schönheit ihrer Sätze fand ich teilweise so beeindruckend, dass ich manche Absätze mehrmals gelesen habe.
Einen Kritikpunkt habe ich aber trotzdem: Es werden häufig Anspielungen auf den ersten Fall der Ermittler gemacht, ohne dass eine Erklärung folgt, das fand ich sehr schade, da man dann mit seinen Vermutungen allein gelassen wurde. Nach der langen Zeit, die verstrichen ist, seit ich "Grabesgrün" gelesen habe, konnte ich mich nicht mehr an die Einzelheiten, auf die sich die Einblendungen beziehen, erinnern. Da hätte ich mir doch mehr Informationen gewünscht.
Trotzdem sind das Kleinigkeiten gemessen an der Kraft dieses Werkes - Für mich ist dieses einer der besten Kriminalromane der letzten Jahre. Sprachlich sensationell und atemberaubend fesselnd bis zum letzten Augenblick.