Dieser 1912/13 aus vier nacheinander in der Zeitschrift Imago veröffentlichten Teilen komponierte Essay mit dem Untertitel "Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker" ist eine kühne Spekulation zum Ursprung sozialer und religiöser Institutionen aus dem von Freud angenommenen Vatermord in der Urhorde, ein erster Versuch also zum Erweitern der Individual- zur "Völkerpsychologie". Ihm sollten weitere Aufsätze in dieser Richtung folgen: "Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1921), "Die Zukunft einer Illusion" (1927), "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) und "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" (1939).
Teil I ("Die Inzestscheu") macht den Versuch, anhand der noch heute vorkommenden Ureinwohner Australiens deren vor jeder Religion installiertes System des Totemismus zur Verhinderung inzestuöser Verbindungen der Clan-Geschlechter zu erklären. Mitglieder desselben Totem (Stammvater einer Sippe, zugleich ein bestimmtes Tier bzw. dessen Charakter) dürfen nicht in Beziehung zueinander treten (sog. Exogamie, also eine Inzestscheu). Auch weitere daraus abgeleitete Vermeidungen und Verbote, z.B. zum Verhindern von Kontakten zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter werden geschildert. Freud sieht in dieser Inzestscheu der Wilden die nämlichen infantilen Seelenzüge des männlichen Neurotikers, der als Knabe die erste sexuelle Objektwahl Mutter und Schwester gegenüber nicht überwunden hat, oder zu ihr in Regression zurückgekehrt ist. Dem modernen Menschen seien diese Inzestwünsche längst nicht mehr bewusst und der Verdrängung anheim gefallen.
In Teil II ("Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen") wird der aus dem Polynesischen stammende Begriff des "Tabu" als ein ältester und ungeschriebener, noch vor jeder Religion entstandener Gesetzescodex vorgestellt. Was "tabu" ist, dem kommt eine geheimnisvolle Kraft zu, es umgibt dieses zugleich Ehrfurcht als auch Abscheu. Freud zieht Parallelen zum Vermeidungsverhalten des Zwangskranken: das Kernverbot der Neurose sei, wie beim Tabu, das der Berührung, egal ob man sich bestimmte Gedanken daran oder die eigentliche Berührung versage. Grundlage des Tabu (wie auch der Zwangsneurose) sei ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten bestünde. Und so wie sich die Tabu-Zonen ausweiten können, so auch bei der Zwangserkrankung die Gegenstände des Zwangs. Auch der König bei den Primitiven habe einen Tabu-Status, das Volk fürchte ihn auf der einen Seite und wolle ihn auf der anderen Seite töten, sich an seine Stelle setzen. Dem entspräche nach Freud das ebenso ambivalente Verhältnis aus Misstrauen und Hochschätzung, welches der Sohn seinem Vater gegenüber zeige. Der Dämonen-Glaube entstehe gerade aus der Projektion von Schuldgefühlen des Trauernden dem Verstorbenen gegenüber, aus uneingestandenen ambivalenten Todeswünschen, die sich nach dem Ableben des Totgewünschten rächen. "Das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung lässt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen", damit - so Freud - sei es wahrscheinlich die ursprünglichste Form des Gewissens in der Menschheitsgeschichte.
Teil III ("Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken") geht auf die Ursprünge der Religion aus dem Animismus ein, jene Vorstellung von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden Natur. Alles, auch der Mensch, sei beseelt, und die Seelen könnten hin- und herwandeln zwischen den unbeseelten Dingen der Natur, es ist also eine dualistische Naturphilosophie. Mit Magie ist die Strategie des Animismus gemeint, der Seelen und Geister Herr zu werden, sie zu beeinflussen, z.B. im Voodoo-Kult, wo der einem Bildnis zugefügte Schaden den eigentlich gemeinten Feind schädigt. Der Kannibale versucht sich über das Verzehren des Feindes dessen Eigenschaften einzuverleiben. Der Magie liegt demnach ein Zutrauen in die eigene "Allmacht der Gedanken" zugrunde. Den Bogen hin zur Neurose findet Freud hier wiederum, da hierbei auch nicht die Realität des Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung maßgeblich sei. Der Neurotiker sei sozusagen gegen seine bessere Einsicht "abergläubisch", und die Zwangshandlungen wären quasi "magischer" Natur. Die Kulturentwicklung sieht Freud parallel zur libidinösen Entwicklung des Einzelnen: von einem zunächst narzistischen Stadium im Animismus (Allmacht der Gedanken) zu einer zweiten Phase der Religionen als einer Objektfindung, welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert erscheint, schließlich zur dritten Stufe der wissenschaftlichen Phase als Reifezustand des Individuums, welches sein Lust- hin zu einem Realitätsprinzip entwickelt hat.
Teil IV ("Die infantile Wiederkehr des Totemismus") geht auf verschiedene Totemismustheorien ein, die aber Freuds Meinung zufolge sämtlich zu kurz griffen. Denkwürdig sei der Gedanke Darwins über den sozialen Urzustand des Menschen gewesen, wonach jener - ähnlich wie bei den Lebensgewohnheiten der höheren Menschenaffen - in kleineren Horden mit Dominanz durch ein eifersüchtiges ältestes und stärkstes Männchen gelebt habe, dass eine sexuelle Entfaltung der unterlegenen Männchen verhindert habe. Diese darwin'sche Urhorde habe also die Exogamie der jungen Männer geradezu heraufbeschworen, welche sich nur zu Führern anderer Horden entwickeln konnten, wo sie dann ebenso unumschränkt herrschten. Auf diese Weise entstanden Regeln wie: kein Sex mit Herdgenossen und - nach Einsetzung des Totem: kein Sex innerhalb des Totem. Über die Analyse von Tierphobien kleiner Kinder gelangt Freud auf die zugrunde liegende Angst vor dem Vater, die nur auf das Tier verschoben worden war. Er findet daraus folgernd Parallelen zwischen dem (individualpsychologischen) Ödipuskomplex des Knaben und dem (sozialpsychologischen) Phänomen des Totemismus. Über das Studium der Opferkulte in den alten Mysterien schließt Freud schließlich, das das Opfertier das Totemtier und später der Gott oder Gott-Sohn selbst gewesen sei (vgl. Jesu Worte beim Abendmahl: "Dies ist mein Leib, der geopfert wird zur Vergebung der Sünden"). Wie aber konnte das gehen? Freud konstruiert, dass der gewalttätige, zugleich gefürchtete wie beneidete Urvater von seinen Söhnen ermordet worden sei. Im Akt des Verzehrens (sie waren sicher Kannibalen) eigneten sie sich seine Stärke an, die Totemmahlzeit wurde so zur Wiederholung und Gedenkfeier dieser ursprünglichen Tat. Als sozusagen späte Reue der ambivalent eingestellten Söhne hätten sie dann die Tötung des Totemtieres verboten und auf die eigentlichen Früchte ihrer Bluttat, nämlich die freiwerdenden Frauen verzichtet, solchermaßen die merkwürdige Exogamie begründend. Aus dem Schuldbewusstsein der Söhne seien so die beiden Tabu des Totemismus, also die Schonung des Totemtieres und die Inzestscheu hervorgegangen. Schlussendlich, und dies ist die resultierende Hauptaussage, zu der sich Freuds Essay erhebt, sei die Allgegenwart des Ödipuskomplexes schon in der Urhorde offenbar der Ausgangspunkt zu aller kulturellen und religiösen Entwicklung gewesen.
Die Ausbreitung der Gedanken aus verschiedenen Richtungen nach einer enormen vorausgehenden ethnologischen Lektüre zu einer sicherlich sehr spekulativen Gesamtschau kultureller Entwicklung ist in keinem seiner sozialpsychologischen Aufsätze vergleichbar stringend durchgeführt worden. Ein bewunderungswürdiges Werk, gerade auch wenn man nicht in allem ihm zustimmen wird. Es ist ein Klassiker, der auf jeden Fall lohnt, studiert zu werden. Von mir daher ohne Zögern 5 Sterne. (27.02.07)