Diese Rezension enthält persönliche Eindrücke und Bewertungen des Films, die unabhängig von der Schnitt-Version Gültigkeit besitzen. Eine technische Bewertung des neuen HD-Transfers vom Juli 2012 findet man bei den entsprechenden Versionen.
Total Recall war seinerzeit einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Was für eine fantastische Story vom großen Philip K. Dick! Aber: Wie anspruchslos war man doch vor 20 Jahren hinsichtlich der Realisation. Heute, auf der großen Leinwand in in voller Länge und "Full HD", ist es mir nicht mehr gelungen, an die frühere Stimmung anzuschließen.
1968 hatte Stanley Kubrick 2001: Odyssee im Weltraum [Blu-ray] veröffentlicht, 1982 folgte Ridley Scotts Jahrhundertfilm Blade Runner - Final Cut [Blu-ray]. Zwei heute noch hoch geschätzte Science-Fiction-Meisterwerke, an denen sich der erst 1990 gedrehte "Total Recall" logischerweise messen lassen muss, zumindest, was die Gestaltung und die Tricktechnik angeht.
Leider aber muss man 20 Jahre danach feststellen, dass der Film des sympathischen Holländers Paul Verhoeven bei genauerer Betrachtung bestenfalls den illusionstechnischen Ansprüchen eines Disney-Parks genügt. Angestrengte, aber völlig vergriffene Realistik von der Trinitron-Werbung bis zu "Mars Today" könnte man noch als fund-raising entschuldigen - aber der Pinocchio-Taxifahrer dürfte bestenfalls vor Kindern bestehen, und das auch nur, wenn man die Nase vorher auf zufriedenstellende Länge vergrößert.
Peinlich fallen die monströsen Röhren-Monitore allüberall auf - zu einem Zeitpunkt, als es durchaus schon Flachschirme gab(!). Aber am meisten stören die allgegenwärtigen Papp-Dekorationen und Papp-Fahrzeuge sowie die heutzutage mehr unfreiwillig komischen als schockierenden Kaugummi-Augen.
Dass die gewaltigen Gesteinsfräsen erst durchbrechen und dann zu rotieren beginnen, nervt genauso wie die MP-Salven, die zwar mühelos links und rechts die Styropor-Mauern zerbeamen, aber den unverwundbaren Akteur netterweise auslassen. Sowieso, "Kampfszenen" - ein Graus. Man hört die Schüsse - Arnie duckt sich. Gegner stellt sich bereit - Arnie stellt sich zurecht. Arnie holt aus. Arnie schlägt zu. Wie ein Computerspiel auf zu schwacher Hardware: unfreiwillig komisch.
Peinlich auch die berühmte Rolltreppenszene, in welcher Arnie einen ziemlich zerfetzten Herrn als Schutzschild vor sich herschwenkt: Wie unrealistisch! Was für eine Art von Kugeln soll der Arme wohl abhalten? Von Luftgewehren? Und dafür keine FSK 16? Schon mal die nett dekorierten Leichenteile von englischen Krimis im Fernsehen gesehen? Die müsste man nach diesem Maßstab alle verbieten.
Nicht nur Arnie bohrt sich mit ungeeigneten Werkzeugen in der Nase rum, und wieso das nasse Wüsten-Handtuch "Strahlung" aus der Nase abschirmen sollte, muss mal einer erklären, der keine Glasmurmeln im Hirn hat.
In der Schluss-Szene gibt es gewaltig Scherben, alle Wintergarten-Habitats kamen runter: aber keiner hat sich geschnitten - zum Glück für die "exhausted people" in der Zone. Scheiben, die nicht mal Kügelchen einer Handfeuerwaffe aushalten - da kamen auf dem Fernbahnhof Frankfurt schon ganz andere Glastrümmer vom Himmel geflogen.
Im Appartement telefoniert Sharon Stone mit einem monströsen Bildtelefon. Dabei war längst jedes Crewmitglied von Captain Kirk mit schmucken kleinen Kommunikatoren ausgestattet. Himmel nochmal, ein Regisseur muss sich doch ein wenig umschauen, was andere gemacht haben? Dabei war der Film mit rund 50 Mio. Dollar keineswegs ein Schnäppchen, Ridley Scott hatte für gut die Hälfte und Kubrick sogar für weniger als ein Viertel zeitlose Meisterwerke geschaffen...
Was hätte das einfallsreiche Drehbuch doch für einen guten Stoff abgeben können! Und sowohl Schwarzenegger (43) als auch Sharon Stone (32) haben eine gute Leistung gebracht. Die gleich alte Rachel Ticotin kommt sogar umwerfend rüber. Aber dann die Umsetzung...
Man will ja nicht allzu viel vom Geschehen verraten. Nur mal dieses: da hat also in grauen Vorzeiten eine hochintelligente, technisch weit überlegene Rasse auf dem roten Planeten ein gigantisches Kraftwerk gebaut, um den gesamten gefrorenen Kern zu schmelzen und somit eine Atmosphäre zu generieren. Dazu gehört schon was, will ich meinen. Leider waren sie noch nicht soweit, das Ganze rostfrei zu konzipieren...
Vor allem aber musste es schnell gehen - denn Arnie hatte ja bereits seinen Basedow übertrieben (beidseitiger Exophthalmus), und während unsereins doch etliche Jahre benötigt, um auch nur die Polkappen und Grönland abzuschmelzen, sollte das im Film in ein paar Sekunden(!) laufen. Also stiegen dann aus einem Papp-Vulkan Dampfwölkchen hervor wie aus einem alten Kaffeekesselchen, und alles ward gut.
Unter dem Strich kann man festhalten: Ob man "Total Recall" genießen kann oder nicht, hängt einfach davon ab, wie gut es einem gelingt, über die Schwächen im Detail hinwegzusehen. Fans leben ja nach dem Motto "If You Could See Her Through My Eyes...". Und wer sich noch heute eine VHS-Kopie oder eine DVD auf einem alten Fernseher antut, wird vielleicht vieles nicht so genau sehen.
Gerade auf hochwertigem Equipment und von Blu-ray werden die geschilderten Schwächen überdeutlich sichtbar - und sie stören über ein erträgliches Maß hinaus. Infolgedessen kann von diesem Film unabhängig von der Konfektion aus heutiger Sicht eigentlich nur noch abraten. Wer sich aber wie einer meiner Kommentatoren eine im besten Sinne naive Sicht des Films bewahrt hat, sollte sich eine neuere Version gönnen:
Denn "harten Fans" wird die "Mind-Bending-Edition", der neue, unter Mitwirkung des Regisseurs entstandene HD-Transfer vom 31. Juli 2012 ans Herz gelegt, dessen technische Verbesserungen bei den entsprechenden Produkten von mir besprochen werden.
film-jury 3* A0383 9.12.2011eg Genre: Action | Abenteuer | Sci-Fi | Thriller