Wegen des Erkenntnis-Gewinns sollte man auch der Werbung knallharte Tabu-Verletzungen erlauben - denn dahinter steht die Chance zu einer reiferen Weltsicht. Einige angerufene Richtergremien [u.a. das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe] waren der Meinung, ein Konzern dürfe sich nicht betriebswirtschaftlich daran bereichern, dass er eine Solidaritäts-Schiene zwischen Konsumenten und Firmen-Image bastele durch die subtil zugrundeliegende Kommunikations-Brücke: "Wir sind gemeinsam gegen ölverschmutzte Enten, Steine schleppende Kinder, HIV-Krankheit, den Krieg in Bosnien, die Todesstrafe in den USA etc." - und die psychische Energie der auf solche Weise geweckten Emotionen in einen T-Shirt-Kaufwunsch umlenke. Die Meinunungsfreiheit sei nicht prinzipiell beschränkt, nur in der Werbung habe sie in dieser Ausprägung nichts zu suchen. Der verantwortliche Fotograf Toscani pflegt immer zu antworten, er benutze soziales Elend nicht zum Warenverkauf sondern umgekehrt den Warenverkauf zur Übermittlung politischer Protesthaltungen, die sinnvoll seien und bei ihrer Verbreitung Unterstützung verdient hätten. Nun, wer sich die gut gemachte Buch-Publikation der Lorella Pagnucco Salvemini zu Gemüte führt, dürfte wohl frei von dem Verdacht sein, sich nur für T-Shirts zu interessieren. Ein Nachdenken über die von Oliviero Toscani anvisierten Themen wird wohl beim Buchkäufer in der Mitte seiner Emotionen stehen. Benetton hat sich leider von dieser Richtung moderner Provokations-Fotografie losgesagt - was keinesfalls heißt, dass sich nicht global die Presse und die Creme de la Creme der internationalen Fotografen-Garde am Weiterschieben der Akzeptanz-Grenzen äußerst emsig zu schaffen macht. Neueste Beispiele: Häftlinge in Guantanamo oder: Saddam Hussein in Unterhosen. Oliviero Toscani wird vielleicht einmal in aufgeklärteren, kommenden Zeiten gehandelt werden als der Vater aller Nachdenk-Fotografie ...