Die Entstehung von Puccinis veristischem Meisterwerk ist ein Musterbeispiel für eine Theaterintrige. Bereits 1889 geriet er in den Bann von Victorien Sardous Drama "La Tosca" und bat seinen Verleger Giulio Ricordi, ihm die Rechte für eine Vertonung zu sichern. Sardou wehrte sich energisch dagegen, dass aus seinem naturalistischen Stück eine Oper werden sollte und behinderte die Verahndlungen nach Kräfte, bis Puccini vorerst das Interesse verlor und sich anderen Themen zuwandte, so schuf er "Manon Lescaut" und die wundervolle "Bohème". Zehn Jahre später begann der "Tosca" - Stoff, Puccini wieder zu faszinieren. Inzwischen existierte ein Libretto, verfasst von dem bewährten Autor Luigi Illica, nur war dieses nicht mehr für Puccini bestimmt, sondern für einen damals recht populären Komponisten namens Alberto Franchetti. Als der noch erfolgreichere Puccini wieder Interesse anmeldete, gingen Ricordi und Illica zu Franchetti und redeten auf ihn ein, eine Vertonung der "Tosca" könne wegen der vielen "anstössigen" Szenen und dem realen politischen Hintergrund nie ein Erfolg werden. Franchetti gab bereitwillig seine Rechte zurück, gleich am nächsten Tag erhielt Puccini einen Kompositionsvertrag für "Tosca" und Illicas Textbuch. Das war alles andere als fein, aber immerhin ist ein Meisterwerk entstanden, das sich seit über hundert Jahren auf allen Opernbühnen der Welt behauptet und unzählige Zuschauer hingerissen hat.
Am 14. Januar 1900 wurde "Tosca" in Rom uraufgeführt und hatte einen sensationellen Erfolg, im Laufschritt eroberte das Werk den europäischen Kontinent und die ganze Welt. Die spannende Handlung und Puccinis mitreissende, bewegende Musik sind Garanten für die wohl unversiegbare Popularität der "Tosca". Noch dazu hat diese Oper drei Spitzenpartien zu bieten, die nicht nur mit gesanglichen Mitteln, sondern auch als Schauspieler zu glänzen haben und wie fast in keinem anderen Werk im Dienste der Dramatik stehen.
Hochwillkommen waren diese Forderungen für das glänzende "Dreigestirn" der Mailänder Scala anfang der 50er Jahre und nicht umsonst gilt diese Gesamteinspielung vielen Opernfreunden (wie mir) als Referenzaufnahme und unverzichtbarer Bestandteil jeder Opernsammlung.
Maria Callas' Stern am Opernhimmel ging mit ihrem ersten Auftritt als "Tosca" 1942 an der Athener Nationaloper auf. Die 21 - jährige Sängerin sprang für eine erkrankte Primadonna ein und erntete ihren ersten großen Erfolg auf der Bühne, dem so viele weitere folgen sollten. Auch für ihre internationale Karriere war die "Tosca" eine entscheidende Starthilfe. Sie sang die Partie in Rio de Janeiro, Mexico City und an der "Met". Auch ihren letzten Auftritt auf einer Opernbühne am 5. Juli 1965 bestritt sie in dieser Rolle, mit der Maria Callas wie wohl keine andere Sängerin identifiziert wurde. Dabei zählte die Tosca nicht eben zu ihren Lieblingspartien. Erstaunlich. Wenn man diese Aufnahme hört, kann man sich eine vollständigere Symbiose von Figur und Darstellerin kaum vorstellen. Jeder Ton, den die Callas als Tosca von sich gibt, ist nicht nur hervorragend gesungen, sondern im Innersten gefühlt und trifft mitten ins Herz. Die extreme Persönlichkeit der Tosca, ihre pathetische Eifersucht, die übergroße Liebe und den mörderischen Haß, die Euphorie, die tiefster Verzweiflung weicht, all das hat die Callas verinnerlicht und über knapp zwei Stunden hört man einer Darstellerin zu, die buchstäblich um ihr Leben singt und spielt. Dazu stammt diese Aufnahme aus dem Jahr 1953, also aus einer Zeit, als zu Maria Callas' fast stündlich größer werdendem Gestaltungsgenie eine von jeder Abnutzung freie Stimme kam, die die gewaltigen Forderungen dieser Partie mit nie gehörter Souveränität meistert. Noch immer ist die Callas als Tosca unerreicht, das wird nach dem Hören dieser Einspielung jeder zugeben, selbst wenn man sie nicht mag (soll ja vorkommen).
Auch ihr langjähriger Traumpartner Giuseppe di Stefano überzeugt hier auf ganzer Linie. 1953 hatte seine sehr kraftraubende Stimmführung noch keinerlei Schaden angerichtet. Zwar konnte er darstellerisch der Callas nie das Wasser reichen, doch beeindruckt sein Cavaradossi mit mit einer kristallklaren und (noch) absolut höhensicheren Tenorstimme, vor allem seine Solos "Recondita armonia" und "E lucevan le stelle", sowie die Liebesduette mit Tosca singt er grandios.
Der dritte Jahrhundertsänger im Bunde, der famose Tito Gobbi, glänzt hier als gerissener Bösewicht. Die Rolle des Scarpia hat schon viele Sänger zum Chargieren verführt, um die Bösartigkeit des brutalen Geheimdienstchefs deutlich zu machen. Gobbi hingegen bleibt immer ein hinterhältiger, zynischer und furchterregender Scarpia, ohne in Gebrüll oder Sprechgesang zu verfallen. Dass es einem während des gesamten zweiten Akten ständig kalt den Rücken hinunterläuft, ist sein Verdienst und auch für ihn kann gelten: Gobbis Darstellung des Scarpia ist bislang unerreicht. Dass er bei Spitzentönen immer ein wenig "drücken" muß, stört in keinster Weise.
Unter den Nebenrollen gefallen vor allem der verzweifelte Angelotti von Franco Calabrese und der glockenreine Pastore von Alvaro Cordova. Einzig Melchiorre Luise als Sagrestano meint, den Clown markieren zu müssen, sein Auftritt ist jedoch ziemlich kurz und beeinträchtigt das Gesamtbild nur ein klein wenig.
Am Pult steht hier nicht Maria Callas' großer Förderer Tullio Serafin (man hatte sich kurzzeitig entzweit), sondern Victor de Sabata, der sich dankenswerterweise nie in den Vordergrund zu drängen versucht und das Scala - Orchester jederzeit unter Kontrolle hat (muß man auch erstmal können).
Die Tonqualität ist, wenn man das Alter der Aufnahme berücksichtigt, überdurchschnittlich gut. Stereofans und Freunde des modernen Raumklangs werden mit dieser Mono - Einspielung allerdings wenig Freude haben. Trotzdem ist dies für mich die beste "Tosca" auf CD, die erhältlich ist und für den Opernfreund ein unverzichtbares Sahneteil in der Sammlung.