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Keine Arbeit, kein Dach über'm Kopf, keine Versicherung, kein Auto. Die Schreckensvorstellung eines jeden Deutschen. Aber es gibt doch noch so vieles mehr, daß ein Leben lebenswert machen kann: Gute Freunde, der Strand, das Meer, die nächste Flasche Wein. Steinbeck beschreibt ein Leben, daß so arm, und doch so voller Reichtum ist, wie wir es in unseren Plastikburgen und gummibeschuhten Blechkisten nie erleben werden. Leider, und Gottseidank. Für Steinbecks Hauptdarsteller findet das Leben täglich statt. Von einer Flasche zur Nächsten, zu einer schnellen und flüchtigen Berührung mit der Matrone von nebenan, und zurück zum Fuselladen. Das Leben macht allerdings eine unverhoffte Kehrtwendung, wenn einer der liebenswert faulen Truppe der Bewohner von Tortilla Flat ein Strandhäuschen erbt. Jetzt ist er mit einem Male wer! Aber es dauert nicht lange, bis er sich in seinem neuerworbenen Reichtum doch etwas einsam fühlt, und nach und nach findet sich die gesamte Gruppe wieder zusammen: als seine Untermieter.
Leider haben die aber trotzdem noch keine Kohle, und als verantwortungsvoller Kapitalist muß natürlich auf die Miete bestanden werden, da gibt's ja nichts! Also wird geschuldet und Buch geführt -- ganz professionell... Und da ihm ja nun nach kurzer Zeit jede Menge Geld schuldig ist, wird auch sein Kredit beim Fuselladen entsprechend erhöht. So ist das nun mal im Wohlstandsleben: Alles ist ja soviel einfacher, wenn Mann was hat. Allerdings verändert sich nichts wirklich, es wird immer noch versucht, sich gegenseitig übers Kreuz zu legen, es gibt immer noch stundenlange Diskussionen darüber, wer denn nun den nächsten Wein besorgt, wo, und wie. Fast wie in der Studenten-WG nebenan. So bleibt dann nicht wirklich ein Abschiedsschmerz, wenn die Bude dann eines Nachts abfackelt. Wer denn nun im Vollrausch seiner mieterlichen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen ist, bleibt eigentlich nebensächlich.
Worum es geht, ist die Menschlichkeit und der Zusammenhalt der Truppe in einer Umgebung von aussichtsloser Armut und Bescheidenheit. Es geht ums Überleben, und darum, wie die eigene Würde nur durch die Schaffung einer eigenständigen -- wenn auch isolierten -- (Sub-) Kultur erhalten werden kann. Die Werte werden verschoben, und was bleibt ist das, was in unserem Luxusleben oft verloren geht: Gemeinsam alleinsein koennen, Genuß der winzigsten Kleinigkeiten des Lebens, Herzlichkeit, echter Schmerz, abgrundtiefe Sehnsucht, und -- Freude am bloßen Dasein! Ein sehr humorvolles und lebendiges Buch voller verlorener Träume, voller Respekt und Liebe für ein Leben, das wir nur aus Dokumentarfilmen kennen, aber auch voller Traurigkeit. Sehr empfehlenswert für all diejenigen, die sich -- wie ich -- manchmal fragen "War da nicht noch was?" --Thomas Kaminski -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Irgendwie beneidenswerte Taugenichtse,
Von Th. Leibfried (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen (VINE®-PRODUKTTESTER) (TOP 500 REZENSENT)
Rezension bezieht sich auf: Tortilla Flat. SZ-Bibliothek Band 40 (Gebundene Ausgabe)
John Steinbecks „Tortilla Flat" gehört zu den aus meiner Sicht schwer zu rezensierenden Büchern. Nicht weil die Geschichte komplex ist, im Gegenteil. Nicht weil die Sprache schwierig wäre, nein. Eher weil man geneigt ist, das Buch und dessen Inhalt zu unterschätzen.Oberflächlich betrachtet ist es die Geschichte von in den Tag lebenden Nichtsnutzen, die nur zwei Sorgen haben: Woher die nächste Gallone Wein bekommen und welche Nachbarin als nächstes ... na ja. Unter der Oberfläche schlummern jedoch die tieferen Weisheiten und Fragen. Es geht um Freundschaft, und in dieser Frage ist das Buch meiner Meinung nach ein sehr optimistisches. Oder es geht um die Frage, inwieweit materieller Besitz sich lohnt oder doch eher belastet. Insgesamt lebt das Buch von einer starken Vereinfachung. Weisheiten werden in kleine Geschichten gepackt, Botschaften in Nichtigkeiten versteckt. Es ist genauso gut eine Parabel wie ein Roman. Und auf irgendeine Weise sind die Figuren zu beneiden, auch wenn niemand aus unserer heutigen Zeit und aus unserem Kulturkreis mit ihnen tauschen möchte. Ein Zitat aus dem Buch über eine erzählte Geschichte beschreibt mein Empfinden dem Buch gegenüber am besten: "Was mir daran gefällt, ist, dass sie keinen erkennbaren Sinn hat, und doch hat sie offensichtlich etwas zu bedeuten, ich kann nur nicht sagen, was." Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Zwei Gallonen sind sehr viel Wein, sogar für zwei Paisanos,
Von
Rezension bezieht sich auf: Tortilla Flat. SZ-Bibliothek Band 40 (Gebundene Ausgabe)
John Steinbeck führt uns in die Welt der Paisanos aus Tortilla Flat an der kalifornischen Küste am Anfang des letzten Jahrhunderts. Die Paisanos, das ist die spanisch / indianisch / mexikanisch gemischte Landbevölkerung dort, insbesondere die Herumtreiber und Tagelöhner. Es geht um Danny, der bisher in Gräben und Ställen übernachtet hat und der, als er aus dem Krieg heimkehrt, erfährt, das er zwei Häuser geerbt hat. Zwei einfache Holzhäuser. Er bezieht eins davon und vermietet das andere in dem Wissen, nie etwas dafür zu erhalten, an seinen Freund Pilon. Dieser untervermietet zu gleichen Konditionen an einige weitere Herumtreiber. Allerdings geht das vermietete Haus bald in Flammen auf, und die ganze Gesellschaft zieht zusammen in Dannys Haus ein. Vier Hunde kommen auch noch dazu. Nur Dannys Bett ist tabu.Steinbeck beschreibt das Leben dieser wilden Truppe, ihre derbe Kameradschaft und ihre Anstrengungen an Wein, Essen und Frauen zu kommen. Mit der Zeit verliert Danny aber das Interesse daran, Besitzender zu sein, er will wieder zurück auf die Straße, und lebt noch mal einige Zeit draußen. Die Bewertung mit den Sternen ist in diesem Fall nicht einfach für mich. Ich lese deswegen vorwiegend Zeitgenossen, weil ich dort beschriebene Welt besser verstehe, und Steinbeck, der 1968 gestorben ist, ist nicht wirklich mehr ein Zeitgenosse von mir. Er hatte mit diesem Buch 1935 seinen Durchbruch. Das ist die Zeit des Amerikanischen Wirtschaftswunders zwischen den zwei Weltkriegen, ich tue mich schwer damit, die Welt, die er beschreibt, zu verstehen. Die heutigen «Paisanos» leben anders und die «anständigen» Leute sowieso. Dass ich die Truppe trotzdem vor Augen hatte beim Lesen, beweist, wie bildreich und detailliert Steinbeck schreibt, wie sorgfältig er seine Welt aufbaut. Alleine schon dafür hat er drei Sterne verdient. Mindestens einen weiteren dafür, wie liebevoll ironisch er mit seinen Geschöpfen umgeht. Einen hätte er fast für die Kapitelüberschriften bekommen und für die Party im vorletzten Kapitel müssten es auch 2 sein. Andererseits gibt es Bücher, die mir besser gefallen, die ich lieber gelesen habe, und die auch keine fünf Sterne bekommen haben. Naja, das Ergebnis sieht man ja oben, ich glaube 4 Sterne ist fair, immerhin ist Steinbeck ja Nobelpreisträger, da darf man die Erwartungen ruhig etwas höher ansetzen. Ich habe lange nach einem Titel für diese Rezension gesucht, ich nehme am liebsten ein Zitat aus dem Text. Der Platz, den Amazon dafür zur Verfügung stellt, ist aber sehr begrenzt, so ist es dieses hier geworden. Es stammt von der Seite 29, Pilon und Pablo trinken miteinander und Steinbeck beschreibt in einem kurzen Absatz den Zusammenhang zwischen dem Flüssigkeitsstand in den Flaschen und der Tiefe der Gespräche der Trinker. «Bis kurz unter den Flaschenhals der ersten Flasche: ernste und gesammelte Unterhaltung. Zwei Zoll tiefer: lieblich-traurige Erinnerungen. Drei Zoll weiter: die Gedanken schweifen zu einstigen erfreulichen Liebschaften und einen Zoll tiefer zu vergangenen, bitteren Erfahrungen. ...» Es ist ein Stück Weltliteratur, keine Frage. Es hat alles, was ein gutes Buch braucht, aber mir hat das gereicht. Mehr Steinbeck brauche ich nicht, weil es so viele Autoren gibt, die ich lieber lese. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Alltägliche Wahrhaftigkeit,
Von Stefan Theven (Nettetal) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Tortilla Flat. SZ-Bibliothek Band 40 (Gebundene Ausgabe)
Tortilla Flat ist der Name einer Siedlung in den Hügeln Montereys an der kalifornischen Küste. Danny wuchs dort mittellos auf, zog in den Krieg und kehrte als Erbe zweier baufälliger Holzhäuser wieder zurück. Mit einem Schlag gilt Danny als reicher Mann. Doch der Reichtum belastet ihn. So ist er froh, als seine ebenfalls mittellosen Freunde nach und nach bei ihm einziehen und seinen Wohlstand teilen. In kurzen, voneinander unabhängigen Episoden erzählt uns Steinbeck von den Nöten und Freuden, Abenteuern und Alltagsritualen dieser Gemeinschaft.
'Tortilla Flat" ist ein eigenartiges Buch. Die Handlung ist nebensächlich, die Charaktere stereotyp und doch ist eines der schönsten Bücher, die ich je gelesen habe. Es ist die Einfachheit, die es so schön macht. Eine archaische Einfachheit, die weit entfernt von Banalität das Wesentliche propagiert. 'Tortilla Flat" gewährt einen Blick auf unverfälschtes, reines Leben. Wie kaum ein zweiter versteht Steinbeck es, in wenigen prägnanten Sätzen eine wunderbar dichte und eindringliche Atmosphäre zu beschwören. Er erschafft Bilder, in denen man leben kann und die noch monatelang in einem nachhallen. 'Tortilla Flat" hinterlässt Spuren wie ein schöner Urlaub. Man meint in der Erinnerung noch immer die von der Sonne verblichenen und erwärmten Holzplanken im Rücken zu spüren, man nimmt wieder mit jedem Atemzug den einzigartigen Duft wahr, den die Kiefernwälder auf den Hügeln verströmen, und vor dem inneren Auge treten wieder die staubigen, vor sich hin dösenden Strassen Montereys klar hervor. Dabei stellt sich manche Anekdote ein, die das Leben dieser einfachen, mit sich selber in Einklang stehenden Menschen so unvergleichlich wahrhaftig und vollkommen erscheinen lässt. 'Tortilla Flat" weckt Sehnsüchte. Tiefe Sehnsüchte nach ursprünglichem, direktem Leben. Demzufolge müsste das Buch den Leser quälen, ihn beim Lesen anklagen, da es uns schonungslos die Entfremdung unserer Lebensweise von diesem ursprünglichem Leben vor Augen führt. Doch eben dies geschieht nicht. Das Buch wird nicht zur Qual, sondern zu einer Hilfestellung. Es lehrt das Schöne im Alltäglichen zu erkennen und sensibilisiert für die ganz kleinen Freuden und Wunder im Leben. Ein großes Buch. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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