Aus der Amazon.de-Redaktion
Da ist eine Frauenärztin, die plötzlich eines Tages in der Garage statt in ihr Auto zu steigen, mit einem Schimmel davon reitet, nicht nur aus der Stadt, in fremde Gefilde, auch in eine andere Zeit, irgendwo ins Mittelalter, um bei einer Geburt zu helfen. Traum und Realität vermischen sich. Ganz ähnlich ergeht es dem Experten, der für die Armee Schadensgutachten aufnimmt, und der, da er noch Zeit hat, eine Wanderung zu einem Denkmal unternimmt. Dichter Nebel, keine Wegweiser, Kälte und ein Glockengeläut wie aus einer anderen Welt erwarten ihn. Die größte Not wird zur tiefen Liebeserklärung, denn in Visionen erscheint ihm seine verstorbene Frau: ...er hätte nie gedacht, dass er sie derart vermissen würde.
Ein gefährlich schöner Sog geht von den Geschichten aus, und tatsächlich, so ist es. Dabei beginnt jede Erzählung eher sachlich, nüchtern, distanziert. Bis man irgendwann, ohne es zunächst zu merken, entführt wird in andere Welten, wo alles Kopf steht, Phantasie und Originalität das Sagen haben. So auch, als eine bis dato völlig normale Familie die Frage diskutiert, ob denn Kleider, Jacken und Mäntel und die dazugehörige asiatisch aussehende Frau aus der Waschmaschine kommen können. Verrückt, aber nur so kann es sein, woher sonst kommt die Frau? Sie greift unsere Vernunft an, verstehst du?
Dass der Schweizer Franz Hohler auch Kabarettist ist, das kann er in mancher Erzählung nicht verleugnen, auch nicht in der Titel- Geschichte. Ich war bereit, die Weltgeschichte sollte kommen. Erinnert sich ein alter Mann. Mit einer Torte voller Dynamit wollte er die Runde der Außenminister Europas in die Luft jagen, aber die Liebe machte einen Strich durch kaltblütige kommunistische Pläne. Zehn Tortenstücke, jedes für sich ein absoluter Hochgenuss! --Barbara Wegmann
Pressestimmen
"Die Torte" zeigt Hohler 2004 auf dem Höhepunkt seines Könnens als Erzähler." (Der Bund, Bern )
"Am überzeugendsten ist Franz Hohler dort, wo er von Gefährdungen im Alltag erzählt, ohne damit einen moralischen Appell zu verbinden. (…) Dann aber erzählt Hohler mit solcher Eindringlichkeit, daß man ihm die Schwächen anderer Geschichten dieses Bandes gerne nachsieht." (Frankfurter Allgemeine Zeitung )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Der Bund, Bern
"Am überzeugendsten ist Franz Hohler dort, wo er von Gefährdungen im Alltag erzählt, ohne damit einen moralischen Appell zu verbinden. (...) Dann aber erzählt Hohler mit solcher Eindringlichkeit, daß man ihm die Schwächen anderer Geschichten dieses Bandes gerne nachsieht."
Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Es ist diese hintersinnig-abgeklärte Liebe zum Leben, von der die Geschichten durchdrungen sind. Die gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen: Franz Hohler hat sie ergriffen."
Die Zeit
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wer vom Bahnhof in Locarno zur Altstadt hinuntergeht, kommt nach wenigen Schritten an einer Passage vorbei, in welcher junge Leute in farbigen Mützen und T-Shirts sitzen, vor sich Kartonschachteln mit Pommes frites und Becher mit Coca-Cola. Die metallenen Tische und Stühle sind über verschiedene Stufen verteilt, die nicht ganz zur Fast Food-Stimmung passen, und wer genauer hinsieht, merkt auch, warum. Es sind die Stufen, die zum Garten des alten Grand Hotels hinaufführen, zum Grand Hotel Locarno, das wie der Traum einer andern Zeit im Hintergrund steht, umgeben von Zypressen, Palmen und üppigen Rhododendronbüschen, mit seiner mächtigen Mittelterrasse, auf der zwischen Säulen mit Blumenschalen Figuren zu Stein erstarrt sind, als sei soeben die Tanzmusik eines Kurorchesters zu Ende gegangen.
Wollen Sie weitergehen zur Piazza Grande, oder haben Sie einen Moment Zeit, eine Geschichte zu hören, die in diesem Hotel ihren Anfang genommen hat?
Erfahren habe ich sie in einem Gebäude, das aus derselben Zeit stammt und dem Grand Hotel nicht einmal unähnlich sieht, einem Altersheim in einem der Täler hinter Locarno. Etwas bescheidener der Bau, der Mitteltrakt hinter zwei Ecktürme zurückversetzt, mit einem großen gepflasterten Platz davor, der in eine Glyzinienpergola mündet, aber oben, wo in Locarno der Name des Hotels in auswechselbaren Leuchtbuchstaben prangt, steht beim Altersheim in unvergänglicher Mosaikschrift der Name des Stifters.
In dieses Altersheim führte mich letztes Jahr eine private Angelegenheit. Der Kanton Tessin hatte begonnen, die Parzellierung der unzähligen Grundstücke zu vereinfachen und den Besitzern Vorschläge zur Zusammenlegung oder zu Abtäuschen zu machen, und da ich auf einer Alp ein kleines Stück Land mit einem Stall besitze, in dem wir gerne ein paar Sommertage verbringen, kam auch an mich eine solche Anfrage, und ich beschloß, den Besitzer des Nachbargrundstücks aufzusuchen. Der lebte seit kurzem in diesem Altersheim, wir kannten uns, und er freute sich über meinen Besuch, klagte über sein abnehmendes Augenlicht und über seine Zuckerkrankheit, die ihm in die Beine fahre, so daß er kaum mehr gehen könne, kurz, über das ganze zusammenbrechende System seines Körpers, für das man auch das einfache Wort Alter benutzen kann. Er war mit dem Landabtausch, den ich ihm vorschlug, ohne weiteres einverstanden, fragte nach dem Zustand der Quelle, des Baches und der alten Kastanienbäume und erzählte mir von den Zeiten seiner Kindheit, als es im Dorf noch 600 Stück Vieh gab, von denen in unseren Tagen nicht einmal eine einzige Kuh übrig geblieben ist.
Während unseres Gesprächs lag sein Zimmernachbar regungslos, mit halb geöffnetem Mund im Bett und ließ nur von Zeit zu Zeit ein leises Stöhnen hören. Als ich ihn einmal fragte, wie es ihm gehe, reagierte er nicht.
»Er hört nichts mehr«, sagte mein Bekannter, »er ist bald hundert, und ich glaube, er will schon lange sterben, kann aber nicht.«
Wir fuhren mit unserm Gespräch fort, und ich fragte, ob es früher auch schon Wildschweine gegeben habe am Hang oben, da hob sein Bettnachbar den Kopf und sagte: »Un giorno vanno trovare la torta.« »Eines Tages werden sie die Torte finden«, und ließ seinen Kopf wieder sinken.
Mein Bekannter lächelte und sagte, das sei das einzige, was der arme Kerl noch sage, und sie nennten ihn deswegen nur »la torta«, ein Spitzname, mit dem er bereits ins Pflegeheim gekommen sei und den er offenbar in seinem Dorf ein Leben lang getragen habe. Aber was der Grund dafür sei, wisse niemand, und es kämen auch keine Familienangehörigen zu Besuch, die man fragen könne.
Ich trat zum Bett des Alten, beugte mich über ihn und fragte: »Dove vanno trovare la torta?« »Wo werden sie die Torte finden?«
Ohne die Augen zu öffnen, sagte er: »Nel lago.« »Im See.«
Ich fragte meinen Bekannten, ob er auch gelesen habe, daß die Seepolizei kürzlich im Lago Maggiore bei einer Suchaktion nach einem Ertrunkenen im Bodenschlamm eine große Blechschachtel mit der Aufschrift »Grand Hotel Locarno« gefunden habe, in welcher verrostete Zünder gewesen seien, die zu einer Ladung Dynamit gehört haben könnten, und daß ein Rätselraten um diesen Fund entstanden sei.
Kaum hatte ich dies gesagt, fuhr der Alte in seinem Bett hoch, riß die Augen weit auf und rief: »L’hanno finalmente trovata!« »Endlich haben sie sie gefunden!«
»Die Torte?« fragte ich und fügte hinzu: »Es war aber Dynamit drin.«
Nun erschien die Pflegerin mit dem Mittagessen und war ganz erstaunt, den Alten aufrecht im Bett sitzen zu sehen, und sie staunte noch mehr, als dieser mit klarer Stimme zu mir sagte, ich solle jetzt gehen und am Nachmittag wieder kommen, dann werde er mir die Geschichte mit der Torte erzählen.
Ich suchte eine Osteria auf, wo man mir eine wunderbare Polenta mit einem Kaninchenschenkel servierte, und als ich am Nachmittag wieder das Altersheim aufsuchte, war mit dem Alten eine eigenartige Veränderung geschehen. Er saß im Lehnstuhl am Fenster und trug ein blaues Jackett mit Brusttressen und eine Mütze mit der Aufschrift »Grand Hotel Locarno«, und so wie er dasaß, hätte man ihn ohne weiteres gerufen, um einen Koffer ins Zimmer tragen zu lassen. Was er nun erzählte, trug er ohne zu stocken vor, so daß ich fast nicht glauben konnte, daß es sich um denselben röchelnden Menschen handelte, den ich heute morgen gesehen hatte.
»Nehmen Sie Platz«, sagte er zu mir und wies auf den Besucherstuhl, »ich kenne Sie zwar nicht, aber weil Sie mir die Nachricht von der gefundenen Schachtel gebracht haben, will ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Mit Righetti« – er wies mit dem Kopf auf seinen zuckerkranken Zimmernachbarn – »hab ich schon gesprochen, er will auch zuhören.
Ich heiße Ernesto Tonini, ich bin 1904 in diesem Tal geboren, und ich weiß nicht, ob Sie sich eine Vorstellung davon machen können – Sie sind Deutschschweizer, nicht? – wie man damals gelebt hat. Es war ein einziger Kampf ums Überleben, der vom Talboden bis zur Waldgrenze hinauf geführt wurde, jeder Quadratmeter, den man bewirtschaften konnte, zählte, jeder Kastanienbaum bedeutete so und soviel Mahlzeiten für hungrige Mägen, oft mußten die Kinder den ganzen Sommer lang auf die oberste Alp mit den Ziegen und Schafen und hatten als einzige Nahrung drei bis vier Liter Ziegenmilch am Tag, alle Familien hatten zu viele Kinder, und wenn die Mutter bei der Geburt des siebten Kindes starb und der Vater beim Mähen von einer Kreuzotter gebissen wurde und kein Gegengift da war, wurden die Kinder zu Verwandten gegeben, wo sie sich gewöhnlich vom ersten Hahnenschrei bis nach Sonnenuntergang abrackern mußten, oder sie kamen ins Waisenhaus. Ich hatte Glück und kam ins Waisenhaus, und ich hatte nochmals Glück und bekam nach der Schule eine Stelle als Laufbursche im Grand Hotel Locarno.
Natürlich versuchte man auch dort, das Letzte aus uns herauszuholen. Um 5 Uhr war Tagwacht, dann mußten wir die große Terrasse und den Vorplatz wischen, wir mußten die Brötchen beim Bäcker holen, und wehe, man wurde erwischt, wenn man eins gegessen hatte, der Küchenmeister zählte sie ab und zog es dir vom Lohn ab, falls man das Lohn nennen konnte, 50 Rappen am Tag, und ein Brötchen kostete 10 Rappen. Ich will euch nicht weiter langweilen mit dem, was wir zu tun hatten, sondern sage nur noch, daß man als Jüngster alles zugeschoben bekam, worum sich die Älteren zu drücken versuchten. Wir wohnten zu viert in Zimmern mit zwei Betten übereinander, zwischen denen gerade ein Mensch stehend Platz hatte, und für die andern, die alle von Locarno, Ascona oder Tenero kamen, war ich der Tölpel aus dem Tal, ich hatte auch keine Gelegenheit, meine Geschwister zu sehen, kurz, ich war einsam, elend und arm, und ich war täglich um Leute herum, die gesellig, fröhlich und reich waren, und so wurde ich Kommunist.«
Ernesto Tonini lächelte und schaute vom einen zum andern. Wir mußten ziemlich...
Auszug aus Die Torte und andere Erzählungen von Franz Hohler. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wer vom Bahnhof in Locarno zur Altstadt hinuntergeht, kommt nach wenigen Schritten an einer Passage vorbei, in welcher junge Leute in farbigen Mützen und T-Shirts sitzen, vor sich Kartonschachteln mit Pommes frites und Becher mit Coca-Cola. Die metallenen Tische und Stühle sind über verschiedene Stufen verteilt, die nicht ganz zur Fast Food-Stimmung passen, und wer genauer hinsieht, merkt auch, warum. Es sind die Stufen, die zum Garten des alten Grand Hotels hinaufführen, zum Grand Hotel Locarno, das wie der Traum einer andern Zeit im Hintergrund steht, umgeben von Zypressen, Palmen und üppigen Rhododendronbüschen, mit seiner mächtigen Mittelterrasse, auf der zwischen Säulen mit Blumenschalen Figuren zu Stein erstarrt sind, als sei soeben die Tanzmusik eines Kurorchesters zu Ende gegangen.
Wollen Sie weitergehen zur Piazza Grande, oder haben Sie einen Moment Zeit, eine Geschichte zu hören, die in diesem Hotel ihren Anfang genommen hat?
Erfahren habe ich sie in einem Gebäude, das aus derselben Zeit stammt und dem Grand Hotel nicht einmal unähnlich sieht, einem Altersheim in einem der Täler hinter Locarno. Etwas bescheidener der Bau, der Mitteltrakt hinter zwei Ecktürme zurückversetzt, mit einem großen gepflasterten Platz davor, der in eine Glyzinienpergola mündet, aber oben, wo in Locarno der Name des Hotels in auswechselbaren Leuchtbuchstaben prangt, steht beim Altersheim in unvergänglicher Mosaikschrift der Name des Stifters.
In dieses Altersheim führte mich letztes Jahr eine private Angelegenheit. Der Kanton Tessin hatte begonnen, die Parzellierung der unzähligen Grundstücke zu vereinfachen und den Besitzern Vorschläge zur Zusammenlegung oder zu Abtäuschen zu machen, und da ich auf einer Alp ein kleines Stück Land mit einem Stall besitze, in dem wir gerne ein paar Sommertage verbringen, kam auch an mich eine solche Anfrage, und ich beschloß, den Besitzer des Nachbargrundstücks aufzusuchen. Der lebte seit kurzem in diesem Altersheim, wir kannten uns, und er freute sich über meinen Besuch, klagte über sein abnehmendes Augenlicht und über seine Zuckerkrankheit, die ihm in die Beine fahre, so daß er kaum mehr gehen könne, kurz, über das ganze zusammenbrechende System seines Körpers, für das man auch das einfache Wort Alter benutzen kann. Er war mit dem Landabtausch, den ich ihm vorschlug, ohne weiteres einverstanden, fragte nach dem Zustand der Quelle, des Baches und der alten Kastanienbäume und erzählte mir von den Zeiten seiner Kindheit, als es im Dorf noch 600 Stück Vieh gab, von denen in unseren Tagen nicht einmal eine einzige Kuh übrig geblieben ist.
Während unseres Gesprächs lag sein Zimmernachbar regungslos, mit halb geöffnetem Mund im Bett und ließ nur von Zeit zu Zeit ein leises Stöhnen hören. Als ich ihn einmal fragte, wie es ihm gehe, reagierte er nicht.
»Er hört nichts mehr«, sagte mein Bekannter, »er ist bald hundert, und ich glaube, er will schon lange sterben, kann aber nicht.«
Wir fuhren mit unserm Gespräch fort, und ich fragte, ob es früher auch schon Wildschweine gegeben habe am Hang oben, da hob sein Bettnachbar den Kopf und sagte: »Un giorno vanno trovare la torta.« »Eines Tages werden sie die Torte finden«, und ließ seinen Kopf wieder sinken.
Mein Bekannter lächelte und sagte, das sei das einzige, was der arme Kerl noch sage, und sie nennten ihn deswegen nur »la torta«, ein Spitzname, mit dem er bereits ins Pflegeheim gekommen sei und den er offenbar in seinem Dorf ein Leben lang getragen habe. Aber was der Grund dafür sei, wisse niemand, und es kämen auch keine Familienangehörigen zu Besuch, die man fragen könne.
Ich trat zum Bett des Alten, beugte mich über ihn und fragte: »Dove vanno trovare la torta?« »Wo werden sie die Torte finden?«
Ohne die Augen zu öffnen, sagte er: »Nel lago.« »Im See.«
Ich fragte meinen Bekannten, ob er auch gelesen habe, daß die Seepolizei kürzlich im Lago Maggiore bei einer Suchaktion nach einem Ertrunkenen im Bodenschlamm eine große Blechschachtel mit der Aufschrift »Grand Hotel Locarno« gefunden habe, in welcher verrostete Zünder gewesen seien, die zu einer Ladung Dynamit gehört haben könnten, und daß ein Rätselraten um diesen Fund entstanden sei.
Kaum hatte ich dies gesagt, fuhr der Alte in seinem Bett hoch, riß die Augen weit auf und rief: »Lhanno finalmente trovata!« »Endlich haben sie sie gefunden!«
»Die Torte?« fragte ich und fügte hinzu: »Es war aber Dynamit drin.«
Nun erschien die Pflegerin mit dem Mittagessen und war ganz erstaunt, den Alten aufrecht im Bett sitzen zu sehen, und sie staunte noch mehr, als dieser mit klarer Stimme zu mir sagte, ich solle jetzt gehen und am Nachmittag wieder kommen, dann werde er mir die Geschichte mit der Torte erzählen.
Ich suchte eine Osteria auf, wo man mir eine wunderbare Polenta mit einem Kaninchenschenkel servierte, und als ich am Nachmittag wieder das Altersheim aufsuchte, war mit dem Alten eine eigenartige Veränderung geschehen. Er saß im Lehnstuhl am Fenster und trug ein blaues Jackett mit Brusttressen und eine Mütze mit der Aufschrift »Grand Hotel Locarno«, und so wie er dasaß, hätte man ihn ohne weiteres gerufen, um einen Koffer ins Zimmer tragen zu lassen. Was er nun erzählte, trug er ohne zu stocken vor, so daß ich fast nicht glauben konnte, daß es sich um denselben röchelnden Menschen handelte, den ich heute morgen gesehen hatte.
»Nehmen Sie Platz«, sagte er zu mir und wies auf den Besucherstuhl, »ich kenne Sie zwar nicht, aber weil Sie mir die Nachricht von der gefundenen Schachtel gebracht haben, will ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Mit Righetti« er wies mit dem Kopf auf seinen zuckerkranken Zimmernachbarn »hab ich schon gesprochen, er will auch zuhören.
Ich heiße Ernesto Tonini, ich bin 1904 in diesem Tal geboren, und ich weiß nicht, ob Sie sich eine Vorstellung davon machen können Sie sind Deutschschweizer, nicht? wie man damals gelebt hat. Es war ein einziger Kampf ums Überleben, der vom Talboden bis zur Waldgrenze hinauf geführt wurde, jeder Quadratmeter, den man bewirtschaften konnte, zählte, jeder Kastanienbaum bedeutete so und soviel Mahlzeiten für hungrige Mägen, oft mußten die Kinder den ganzen Sommer lang auf die oberste Alp mit den Ziegen und Schafen und hatten als einzige Nahrung drei bis vier Liter Ziegenmilch am Tag, alle Familien hatten zu viele Kinder, und wenn die Mutter bei der Geburt des siebten Kindes starb und der Vater beim Mähen von einer Kreuzotter gebissen wurde und kein Gegengift da war, wurden die Kinder zu Verwandten gegeben, wo sie sich gewöhnlich vom ersten Hahnenschrei bis nach Sonnenuntergang abrackern mußten, oder sie kamen ins Waisenhaus. Ich hatte Glück und kam ins Waisenhaus, und ich hatte nochmals Glück und bekam nach der Schule eine Stelle als Laufbursche im Grand Hotel Locarno.
Natürlich versuchte man auch dort, das Letzte aus uns herauszuholen. Um 5 Uhr war Tagwacht, dann mußten wir die große Terrasse und den Vorplatz wischen, wir mußten die Brötchen beim Bäcker holen, und wehe, man wurde erwischt, wenn man eins gegessen hatte, der Küchenmeister zählte sie ab und zog es dir vom Lohn ab, falls man das Lohn nennen konnte, 50 Rappen am Tag, und ein Brötchen kostete 10 Rappen. Ich will euch nicht weiter langweilen mit dem, was wir zu tun hatten, sondern sage nur noch, daß man als Jüngster alles zugeschoben bekam, worum sich die Älteren zu drücken versuchten. Wir wohnten zu viert in Zimmern mit zwei Betten übereinander, zwischen denen gerade ein Mensch stehend Platz hatte, und für die andern, die alle von Locarno, Ascona oder Tenero kamen, war ich der Tölpel aus dem Tal, ich hatte auch keine Gelegenheit, meine Geschwister zu sehen, kurz, ich war einsam, elend und arm, und ich war täglich um Leute herum, die gesellig, fröhlich und reich waren, und so wurde ich Kommunist.«
Ernesto Tonini lächelte und schaute vom einen zum andern. Wir mußten ziemlich überraschte Gesichter gemacht haben.
»Das hättet ihr nicht gedacht, stimmts oder hab ich Recht?«
Wir zwei Zuhörer nickten, und er fuhr weiter.
»Der Bäckerjunge, der mir jeweils die Brötchen übergab, nahm mich an einem meiner wenigen freien Abende an eine Versammlung mit, die in einer kleinen Druckerei in Muralto abgehalten wurde, was heißt Versammlung, es war eher eine Verschwörung, sechs oder sieben Männer waren da, und manchmal noch Giulietta, die Tochter des Druckers, und dieser erzählte uns, wie sich Marx eine Welt ausgedacht hatte, in der es keine Armen und Reichen mehr gibt, sondern in der allen alles gehört, und wie unser großer Genosse Lenin von der Schweiz nach Rußland gefahren war und dort den Zar gestürzt hatte, um diese Welt aufzubauen, und wie es aber besser sei, dort, wo man arbeite, vorläufig nichts von diesen Ideen zu sagen, weil bei uns noch die Reichen regierten und wir dann sofort rausflögen, z. B. aus dem Grand Hotel Locarno.
Daran hielt ich mich, aber von dem Moment an, wo ich bei den Kommunisten war, sah die Welt ganz anders aus für mich. Ich wurde gelassener und machte meine Arbeit besser, denn ich wußte nun, daß dies alles nicht so bleiben würde und daß ich eines Tages meine Geschwister, die als Mägde, Knechte oder Steinbrecher arbeiteten oder noch im Waisenhaus waren, ins Grand Hotel würde einladen können, in die Zimmer mit Seesicht.
Da ich ganz adrett aussah, bekam ich ab und zu ein Trinkgeld, und ich kaufte mir kleine Lehrbücher für Deutsch, Französisch und Englisch, die ich mir in die Tasche steckte und während meiner Botengänge hervorzog, um mich mit diesen Sprachen vertraut zu machen. Wir seien, sagte uns der Drucker immer wieder, eine Zelle, und es sei gut möglich, daß man einen von uns einmal ins Ausland schicke, wo die Weltgeschichte gemacht werde.
Wenn ich den fremden Gästen die Koffer ins Zimmer trug, versuchte ich immer, etwas in ihrer Sprache zu sagen und von ihnen zu lernen. Das machte mich beliebt, und öfters verlangten die Gäste, daß sie der kleine Ernesto an den Bahnhof begleite oder ihnen den Tee aufs Zimmer bringe. Dies blieb im Hotel nicht unbemerkt, und nach drei Jahren teilte man mich zum Etagendienst ein und stellte mich von Zeit zu Zeit sogar als Aushilfskellner an. Und an zwei Abenden im Monat hörte ich an unsern Versammlungen, wie Genosse Lenin Rußland umkrempelte, wie aber in München die Räterepublik gescheitert sei und daß uns das eine Warnung sein solle, wie schwer es die Revolution bei uns habe.
Und dann, auf einmal, kam die Weltgeschichte nach Locarno. Im Herbst 1925 versammelten sich die Ministerpräsidenten von halb Europa ausgerechnet hier, im Tessin, um über die Folgen des 1. Weltkriegs zu diskutieren. Soviel ich verstand, ging es vor allem darum, Deutschland wieder zu einem normalen Mitglied Europas zu machen. Daß Deutschland dies noch nicht war, merkten wir daran, daß alle Delegationen außer der deutschen bei uns im Grand Hotel logierten, die Engländer, die Franzosen, die Italiener, die Belgier und, warten Sie, ja, die Tschechen waren auch da, die kamen etwas später, Herr Benesch und seine Frau, die immer einen Strohhut trug, und die Polen.
Ganz Locarno war aus dem Häuschen in diesen vierzehn Tagen. Zwei- bis dreihundert Journalisten rannten jeden Tag zum Palazzo di Giustizia, wo die Sitzungen stattfanden und wo sie nicht hineindurften, und dann ins Grand Hotel zu den Pressekonferenzen, wo sie auch nichts erfuhren, und dann zum »Bankverein«, wo sie telephonieren und telegraphieren konnten. Politiker, deren Namen man nur aus der Zeitung kannte, waren plötzlich leibhaftig zu sehen, der deutsche Stresemann mit seiner leuchtenden Glatze trank abends auf der Piazza Grande sein Bier, der Franzose Briand, klein und etwas gebeugt, ging einmal ins Kino, Chamberlain, den Briten, sah man mit seiner Frau am Lido spazieren, und wir im Grand Hotel hatten sie natürlich alle von ganz nahe, am Frühstückstisch oder beim Diner, und das Personal schuftete von morgens früh bis abends spät, und keiner durfte fehlen. Einmal fing mich der Küchenchef kurz vor zwölf auf der Hintertreppe ab, als ich todmüde in mein Zimmer gehen wollte, und ich mußte ihm helfen, Brötchen zu streichen, die ich dann zu einer mitternächtlichen Pressekonferenz bringen mußte, und ich bekam mit, wie Grandi, die rechte Hand Mussolinis, allen italienischen Journalisten drohte, wenn morgen auch nur ein Wort vom Vertragsentwurf in einer ihrer Zeitungen stehe, werde diese sofort verboten. Und dann durfte ich den Journalisten meine Brötchen servieren, und Luigi, ein zweiter Aushilfskellner, schenkte ihnen Champagner ein. So lernte ich, was Pressefreiheit heißt, und es wurde mir auch klar, weshalb der Drucker mit Empörung von den Faschisten sprach.
Nicht nur ganz Locarno war in Aufruhr, auch unsere kleine Zelle. Die Kommunisten, belehrte uns unser Drucker, seien strikte gegen diese Verhandlungen. Ein Deutschland, das wieder funktioniere, stärke die rechten und bürgerlichen Mächte in Europa, und dadurch werde der revolutionäre Umsturz erschwert. Diese Konferenz, so war die Meinung der Kommunisten, müsse deshalb sabotiert werden.
Wie ernst es ihnen damit war, erfuhr ich, als mich der Drucker nach unserer Versammlung kurz vor Beginn der Konferenz zurückbehielt und mir sagte, da ich im Grand Hotel arbeite, käme ich am nächsten an die Politiker heran, ohne Verdacht zu erwecken, und alle Genossen erwarteten von mir eine große Tat für die Weltrevolution. Was für eine Tat, fragte ich, und er öffnete eine Mappe, in der einige Stangen Dynamit lagen, und zeigte mir, wie man die Zündschnur entflammen mußte. Sie ist auf 10 Sekunden berechnet, sagte er, damit niemand Zeit hat, zu fliehen.
Ich erbleichte. Das heißt
Ja, Ernesto, das heißt, daß dein Name in allen Geschichtsbüchern stehen wird. Die Piazza Grande wird Piazza Ernesto Tonini heißen. Klar?
Klar, Chef.
Proletarier aller Länder
vereinigt euch, murmelte ich und machte mich auf den Heimweg, mit der Mappe unter dem Arm, und da ich mittlerweile ein Einzelzimmer hatte, so groß wie eine bessere Besenkammer, versorgte ich sie einfach in meinem Koffer, den ich unter dem Bett verwahrte.
Ich hatte meinen Entschluß schnell gefaßt. Mein Leben bis jetzt war hart und freudlos gewesen, Freunde außerhalb der Zelle hatte ich kaum, große Chancen, im Hotelbetrieb aufzusteigen, konnte ich mir nicht ausrechnen, vermissen würde mich niemand, dafür würde mein Name um die Welt gehen, und meine Geschwister würden später auf einem Platz mit dem Namen ihres Bruders eine Limonade trinken können.«
Ernesto Tonini hielt inne und fragte mich, ob ich ihm das Teeglas vom Nachttischchen reichen könne, und als er es in der Hand hatte, trank er es in wenigen Schlukken leer und fuhr sich mit der Zunge über die vertrockneten Lippen.
Ich schenkte ihm aus dem Teekrug noch ein zweites Glas ein, aber er winkte ab und fuhr in seiner Erzählung fort.
»Die Konferenz begann, und die Frage war, wo ich möglichst viele Teilnehmer aufs mal treffen könnte. Eine der wenigen Sicherheitsmaßnahmen im Hotel war, außer daß man die Befestigung des Kronleuchters geprüft hatte, der in der Eingangshalle über die vier Stockwerke hinunterhängt, daß die Delegationen beim Diner möglichst weit voneinander entfernt saßen, also mußte ich mir überlegen, auf welche der Delegationen ich das Attentat verüben wollte. Die wichtigsten in meiner Reichweite waren zweifellos die englische und die französische. Ich hatte mich schon für die englische entschieden, da Chamberlain der Vorsitzende der Konferenz war und da mir Madame Briand ein Trinkgeld gegeben hatte, als ich ihr einen Blumenstrauß vom Sindaco aufs Hotelzimmer gebracht hatte.
Da bot mir der Zufall eine Gelegenheit, um die mich die Geschichte beneiden mußte.
Einer der wichtigsten Gäste, der in unserm Hotel ein- und ausging und vor dem alle stramm zu stehen hatten, war ein Franzose namens Loucheur. Er war ein Kapitalist aus dem Lehrbuch, der Drucker sprach seinen Namen mit Haß aus, wenn er von den Hungerlöhnen der Dampfschiffgesellschaft und der Centovallibahn sprach, denn beide gehörten Herrn Loucheur, und es hieß auch, es sei eigentlich sein Verdienst gewesen, daß die Konferenz gerade nach Locarno gekommen war. Nun ließ Monsieur Loucheur beim Confiseur des Hotels eine große Torte bestellen, die am nächsten Mittag auf sein Motorschiff »Fior darancia« gebracht werden mußte. Auf diesem Motorschiff, so sickerte bald durch, sollten die Spitzenmänner der Konferenz zu einer Rundfahrt eingeladen werden, so daß sie in einer schöneren Atmosphäre miteinander diskutieren konnten.
Eine reiche Tessiner Platte mit Merlot und grünem Veltliner sollte auf dem Tisch für 12 Personen bereitstehen, und später auf der Rundfahrt sollte dann zum Kaffee die große Torte serviert werden. Zu meiner Überraschung wurde ich dazu auserkoren, die Torte aufs Schiff zu bringen und dort dem Hauptkellner mit der Bedienung zur Hand zu gehen. Dies hatte einerseits mit einem großen Bankett am Abend zu tun, zu dessen Vorbereitung wieder einmal alle verfügbaren Kräfte mobilisiert wurden, andererseits spielte wohl auch eine Rolle, daß ich mich auf deutsch, englisch und französisch einigermaßen verständigen konnte.
Ihr könnt euch vorstellen, daß ich wenig schlief in dieser Nacht, und ihr könnt euch vielleicht auch vorstellen, wie ich am andern Nachmittag das Dynamit auf das Schiff brachte. Die Torte war zweistöckig, und der Confiseur hatte mit Schlagsahne »Pace« und »Locarno« darauf geschrieben. Sie wurde in eine große Blechschachtel gestellt, die man mit Klammern verschloß, und als ich sie aus der Küche trug, ging ich damit zuerst in mein Zimmer, öffnete sie und schob die Dynamitstangen so weit in die Kuchenmasse, daß die Zündschnur noch herausschaute. Dann schloß ich die Schachtel wieder und trug sie wie eine Monstranz den kurzen Weg zur Anlegestelle hinunter, wo mich der Hauptkellner schon erwartete. Da der Raum im kleinen Schiffssalon sehr knapp war, hatte er für die Torte einen Platz unter einem Sitz des Hinterdecks vorgesehen, was auch den Vorteil hatte, daß sie kühler blieb, es war immerhin schon Mitte Oktober. Ich verstaute sie also dort und nahm nachher mit halbem Ohr seine Anweisungen für die Bedienung entgegen. Hauptsache, ich spürte die Streichhölzer in meiner Tasche. Ich war bereit, die Weltgeschichte sollte kommen.
Und als die Minister und hohen Sekretäre nun einer nach dem andern nichtsahnend das Schiff betraten, das sie in den Tod führen sollte, und von Herrn Loucheur begrüßt wurden, Chamberlain, Briand, Stresemann, Luther, Sciaiola und wie sie alle hießen, und das Schiff dann ablegte und in Richtung Luino fuhr und sie nach ihren Broten und der Coppa und den Salamischeiben griffen und mit ihren Weißweingläsern anstießen und immer wieder das Wort »Völkerbund« hören ließen, geschah etwas Eigenartiges.
Ihr werdet begreifen, daß ich angesichts dessen, was bevorstand, ziemlich nervös war, und so schüttete ich ausgerechnet der einzigen Dame an Bord, Lady Chamberlain, etwas Weißwein über ihr Kleid, was mir einen zornigen Blick des Hauptkellners eintrug, während mich Lady Chamberlain nachsichtig anschaute und fragte: Are you in love, young man?
Und in diesem Moment wurde mir klar, daß ich wirklich verliebt war, und zwar in Giulietta, die Tochter des Druckers, der ich so gerne nachschaute, wenn sie uns Verschwörern etwas zu trinken brachte und dann wieder ging, und ich merkte, daß ich schon lange auf eine Gelegenheit wartete, sie allein zu sehen, sie einzuladen, mit mir spazieren zu gehen, und daß ich mit diesem Gedanken nicht einfach spielte, sondern daß ich darauf brannte, sie zu küssen und zu umarmen, und daß ich auf keinen Fall in die Weltgeschichte eingehen wollte, bevor ich nicht mit einem Mädchen ausgegangen war, und zu meinem großen Erstaunen hörte ich mich antworten: Yes, I am, Madame, and I beg your pardon.«