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5.0 von 5 Sternen
Franz Hohlers Denkanstoß, 14. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Die Torte und andere Erzählungen (Gebundene Ausgabe)
Franz Hohlers Denkanstoß Über die Erzählung "Das Kleid" von Erhard Schümmelfeder Die 10 Erzählungen in Franz Hohlers Werk "Die Torte" erfordern aus Gründen einer gerechten Würdigung zehn eigenständige Betrachtungen. Hier einige subjektive Stegreif-Gedannken über die inhaltlich längste Arbeit des Bandes - "Das Kleid" : Die Geschichte "Das Kleid" ist eine gedankliche Weiterentwicklung der Erzählung "Das Haustier", die vor 33 Jahren von dem damals dreißigjährigen Franz Hohler veröffentlicht wurde. In der Geschichte erwirbt der Ich- Erzähler ein haariges Tier, das sich wenig später als kleiner Teufel erweist. Die Konfrontation mit der sich aus diesem Kauf ergebenden Problematik versetzt den Protagonisten in einen inneren Konflikt, denn die Frage, wie er mit dieser Veränderung in seinem Leben umgehen solle, ist nicht leicht zu beantworten. Der Aspekt der Fürsorge für das Wesen, das auf seine Hilfe angewiesen ist, bestimmt das Denken des Erzählers. Am Ende bleibt es dem Leser überlassen, eine Lösung des Problems zu finden. In einer ähnlichen Grundsituation befindet sich die Hauptgestalt der Erzählung "Das Kleid": Ein Kulturkritiker entdeckt eines Tages in der Waschküche seines Hauses ein Kleid, über dessen Herkunft weder seine Frau noch seine beiden Töchter etwas wissen. Wenig später taucht - wie aus dem Nichts erschaffen - eine fremde Frau bei der Familie auf. Das Befremden der Familienmitglieder beschränkt sich zunächst auf das physikalische Rätsel, wie die junge Frau in die Wohnung gelangen konnte, obwohl doch alle Zugänge verschlossen waren. Da die Frau eine unverständliche Sprache spricht, versucht man zunächst einen verbalen Weg der Verständigung zu finden. Vergeblich. Es gelingt nicht, die Sprache der Frau zu ermitteln. Auch ihre Herkunft bleibt ungelöst. Das Befremden über die merkwürdigen Anwesenheit der Frau geht über in eine ratlose Verstörung. Fast neigt man dazu, an eine kollektive Sinnestäuschung zu glauben. Nach außen hin verschweigt die Familie den sonderbaren Besuch. Auch der spätere Versuch, externe Hilfe bei der Klärung dieser dunkelhaften Sache in Anspruch zu nehmen, bleibt ohne Erkenntnisgewinn. Der Ich-Erzähler und seine Familie handeln in dieser Ausnahmesituation ethisch richtig: Sie kümmern sich um die fremde Frau, geben ihr Raum zum Leben und versorgen sie mit Nahrung. Dass die fremde Frau eines Tages zu zeichnen beginnt, erhellt ebenfalls nicht die merkwürdigen Umstände ihrer Anwesenheit. Die Frage, wie man in dieser ausweglosen Situation zu einer Auflösung des Knotens kommen könne, bleibt unbeantwortet. Ebenso geheimnisvoll wie die Frau im Haus der Familie auftauchte, verschwindet sie wieder. Sie hinterlässt nur eine Handvoll Asche, nachdem sie ihre letzte Zeichnung verbrannte. Der verstandesmäßige Zugang zum Verständnis dieser faszinierenden Geschichte wird ein wenig erleichtert, wenn man sich einen Gedanken Friedrich Dürrenmatts als übergeordnetes Motto in Erinnerung ruft:"Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus." Im Rahmen der Globalisierung enthält die Realität des Lebens schon jetzt viele paradox anmutende Situationen, die sich aus der Begegnung fremder Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ergeben. Man begegnet einander auf der Straße, als sei man Bewohner einer fernen Galaxie. Als sehr befriedigend empfinde ich, dass Hohlers rational denkende Hauptgestalt sich bei ihrem Handeln von vorwiegend emotionalem Verstehen lenken lässt. Die geschilderte Grundsituation ist klar und einfach angelegt. Es bleibt auch in dieser Erzählung dem Leser überlassen, sich Gedanken über eine subjektive Lösung der Problematik zu machen. Die Frage: Wie gehe ich mit dem Fremden und Andersartigen um? stellt sich für jeden Menschen in einer täglich enger werdenden Welt. Dass es durchaus komplizierter zugehen kann, als Franz Hohler es in seiner Geschichte aufzeigt, wird deutlich, wenn man nur wenige Details der Handlung verändert. Die beschriebene Frau ist jung und vermittelt den Eindruck eines anmutigen und schönen Wesens. Das gesamte familiäre Beziehungsgefüge geriete ins Wanken, wenn der Ich-Erzähler menschlich reagieren und die junge Frau "begehren" würde. Wie verhielten sich die Ehefrau und die Töchter in einer solchen durchaus nicht paradoxen Situation? Der Aspekt des Fremdenhasses wird in der Geschichte ausgeblendet. Die Familie wird plötzlich konfrontiert mit der Tatsache, dass sich eine unbekannte Person in ihrem privaten Lebensbereich befindet. Was Menschen empfinden, wenn sie in diese Lebenssituation geraten, formulierte der Österreicher Peter Handke einst folgendermaßen:"Am umfassendsten ließe sich mein Hass so ausdrücken: Es ist ein Hass auf jene, die sich breit machen." Das von Emotionen gelenkte Verhalten der beteiligten Personen wäre möglicherweise völlig anders, wenn die fremde Frau nicht jung, nicht anmutig und nicht sympathisch erschiene. Man stelle sich vor, die Frau hätte einen gewalttätigen Ehemann, vor dem sie flieht, oder einen messerstechenden Bruder, der die Ehre der Familie wiederherstellen soll. Der Umstand, dass der Ich-Erzähler den ganzen Tag zu Hause arbeitet begünstigt die Bereitschaft, die fremde Frau auch langfristig zu beherbergen. Wie aber verhielte es sich, wenn der Mann und seine Frau morgens beruflich das Haus verlassen müssten, um ihr Brot zu verdienen? Die gedankliche Auseinandersetzung mit der Erzählung "Das Kleid" verdeutlicht wie kompliziert das menschliche Beziehungsgefüge ist und wie schwer der Mensch auf den Punkt zu bringen ist. Als Denk- und Dikussionsanstoß für die Bewältigung des irdischen Miteinanders leistet Franz Hohlers Geschichte einen nützlichen Beitrag.
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Bunte Tortenstücke, 22. Juni 2005
Rezension bezieht sich auf: Die Torte und andere Erzählungen (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch besteht aus 10 unterschiedlich langen Erzählungen. Allesamt sind sie kurzweilig zu lesen, allesamt geben sie unterhaltsam einige Aspekte unserer Gegenwart wieder. Die Titelerzählung, literarisch wohl die schwächste, führt uns ins Locarno der 20er Jahre, wo sich in einer Tortenschachtel zwar tatsächlich ein Zuckerwerk mit der Aufschrift "Pace", aber gleichzeitig auch gefährlicher Sprengstoff befindet. Es gelingt Hohler auch in den übrigen Geschichten, etwas zu sprengen, nämlich unsere Wahrnehmungsmuster, so zum Beispiel in der Geschichte "Das Kleid", wo sich eine gut-schweizerische Familie plötzlich mit der Anwesenheit einer aus der heimischen Waschmaschine gestiegenen Asiatin auseinandersetzen muss. Einen Ritt nicht nur durch Raum, sondern auch durch die Zeit vollzieht die Ärztin in "Der Schimmel", die sich plötzlich vor die Situation gestellt sieht, im Mittelalter bei einer Geburt zu helfen. In der Geschichte "Der Betrug" erkennen wir die alltägliche Fremenfeindlichkeit eines Mannes, der sich selbst nicht für fremdenfeindlich hält, erkennen vielleicht sogar uns selbst... Vielen Erzählungen wohnt ein surreales, manchmal unheimliches Moment inne, das stutzig macht, den Leser verstören kann. Franz Hohler will unterhalten, frappieren und zum Nachdenken bringen und es gelingt ihm. Der Verzehr dieser Torte ist zu empfehlen!
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Hohler in Hochform, 29. Dezember 2004
Rezension bezieht sich auf: Die Torte und andere Erzählungen (Gebundene Ausgabe)
Mit seinen zehn neuen Erzählungen knüpft Franz Hohler nahtlos an seinen grandiosen Erzählband "Die Rückeroberung" aus dem Jahr 1982 an. Alle Geschichten starten vor einem ganz realen Hintergrund, kippen dann aber sehr schnell ins Surreale. So findet z.B. eine Frau in einem neu gekauften Mantel eine uralte Rechnung und fragt sich warum. Oder eine Familie findet in ihrer Waschmaschine völlig unbekannte Wäsche, deren Herkunft sie sich überhaupt nicht erklären kann. Franz Hohler schildert völlig unglaubhafte, absurde und rational unerklärbare Geschehnisse, wie wenn sie sich tatsächlich so in der Realität abgespielt haben. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und fantastischer Erfindung verschwindet völlig. Franz Hohler nimmt so die Leser auf eine überraschungsreiche, aber auch irritierende Entdeckungsreise mit, die ihnen den Atem stocken lässt. Sämtliche Geschichten sind äusserst spannend erzählt, doppelbödig, abgründig, manchmal etwas unheimlich, und alles andere als oberflächlich. Immer wieder schimmert auch der Gesellschaftskritiker Hohler durch, indem er z.B. politisch kontroverse Themen einfliessen lässt, ohne jedoch den Moralfinger zu erheben.
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