Als einen gesteigerten Werther" bezeichnete Goethe sein 1790 erschienenes Drama, und tatsächlich finden sich im Tasso dieselben Themen wie in dem weltberühmten Briefroman: hoffnungslose, entsagende Liebe und der ewige Konflikt zwischen dem sensiblen Dichter und seiner ignoranten Umwelt. Goethe projizierte seine eigene Situation als Weimarer Hofpoet auf den historisch verbürgten Renaissancedichter, der schon den Zeitgenossen als Inbegriff des wahnsinnigen Genies galt. In Weimar, wo Goethe seit 1775 residierte, litt er anfangs unter den Anfeindungen der höfischen Gesellschaft und seiner unerwiderten Liebe zu Charlotte von Stein. Allein die Kunst, so erkennt sein Tasso am Ende, kann dabei helfen, innere Qualen und schmerzhafte Erfahrungen zu verarbeiten - und genau das tat Goethe mit dem Stück. Wer allerdings auf eine rührselige Tragödie hofft, wird von der vielschichtigen Charakterstudie enttäuscht sein. Das eigentliche Drama spielt sich im Innern des an seiner gesteigerten Subjektivität leidenden Titelhelden ab, aber gerade das macht die Modernität dieses Klassikers aus.