Bambusfresser, Schlitzaugen... Eastwood fährt wirklich alles auf an political incorrectness gegenüber den Asiaten, die jetzt sein Viertel bevölkern - wiewohl er als "Walt Kowalski" auch nicht gerade einen uramerikanischen Rollennamen hat. Es geht in "Gran Torino" um das Altern, um Veränderungen der Zeit, um einen Zusammenprall von Lebensentwürfen und von Generationen, um die Bekehrung eines Rassisten, um die Rettung eines alten Mannes und eines Teenagers aus der Isolation, um Selbstvertrauen, am Rande auch um Gewalt - also nahezu das ganze Eastwoodprogramm, und darin wird der Mann, der nun schon auf die 80 zugeht, immer besser! Angesichts der genannten Skizze ist vielleicht gar nicht zu erwarten, wie viel Humor dieser Film doch hat. Er hat zwar einen ernsten Hintergrund, ist aber erstaunlich oft zum Schieflachen, sicherlich keine alberne Komödie, aber von einer augenzwinkernden Schnodderigkeit, hinter der immer auch noch ein bißchen mehr steckt, aber die irgendwie schon unglaublich Laune macht. Allein wie Stoneface Eastwood seine Mundwinkel verzieht, als ihm die Verwandtschaftsblase ein Telefon mit extra großen Tasten und einen mechanischen Greifarm schenkt, weil das das Leben doch so viel leichter mache (und darauf hinweist, dass das alles bei betreutem Wohnen noch viel, viel angenehmer wäre...), ist ein Ur-Eastwood-Moment, der dreierlei ist: Selbstreferenziell (Eastwood ist längst Kult), dabei dennoch von berührender Wahrheit und Würde, vor allem aber saukomisch. Solche Momente gibt es wirklich viele, sie alle zu nennen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen.
Worum geht es eigentlich? Kowalski ist der Ur-Ami, der im Koreakrieg gekämpft und danach für Ford Autos zusammengebaut hat, jahrzehntelang. Ford ist ja so ein Flaggschiff und Sinnbild der guten alten US-Industrie, mit der das Land geglänzt und die es groß gemacht hat. Vom Tellerwäscher zum Millionär, amerikanische Schaffenskraft... dafür steht Ford, oder muss man nicht schon sagen: Das war einmal? Auch ohne die aktuelle Krise einzubauen, zeigt der Film: Die Welt hat sich verändert. Walts Viertel wird nur noch von Koreanern bevölkert. Und nicht nur das Viertel. In einer witzigen Szene, in der Blicke alles sagen, sehen wir die Asiaten auch in der Arztpraxis, und zwar nicht nur als Patienten, sondern auch als Ärztinnen und Personal: Die dienen man nicht nur à la Sarrazin dem Obst- und Gemüsehandel, sondern sind längst im Establishment angekommen. Dass sich der alte Sack Kowalski von ner Dreierquote (Frau, blutjung und Asiatin) sagen lassen muss, wie er seine Pumpe zu schonen hat, verwirrt ihn sichtlich. Hinzu kommt: Walt ist desilliusoniert und vereinsamt und fühlt sich nicht nur angesichts der "Ausländer" (von denen viele vielleicht rechtlich gar keine sind) im falschen Film: Seine Frau ist verstorben, seine Kinder wollen ihn ins Heim stecken, seine Enkelin kommt bauchfrei zur Beerdigung der Großmutter und möchte sich extrem unverblümt das größte Stück des Erbkuchens unter den Nagel reißen. Der Pfarrer ist ein Jungspund, der über den Tod spricht, indem er seine Theologievorlesungen herunterspult. Er hat Buchwissen, Walt aber hat Bauchwissen, weil er den Tod in Korea gesehen hat (und, wie wir später erfahren, auch im Krieg schuldig geworden ist, was er nie verwunden hat).
Was für eine eigentlich deprimierende Ausgangssituation, aber wie gesagt, ein stellenweise ungemein witziger Film, das muss man erst einmal hinbekommen. Widerwillig lässt Walt Dankesbekundungen der koreanischen Nachbarn über sich ergehen, weil er deren Sohn vor einer Gang gerettet hat (eher nur, weil er das nicht ertragen konnte, und um seine Ruhe zu haben). Da ist Eastwood noch gelegentlich der alte harte Knochen mit den bedrohlichen Sprüchen, wenngleich das immer auch schon etwas gebrochen ist und am Schluss eine überraschende, aber in der Rückschau doch stimmige Wendung nimmt. Walt wird mehr durch einen Zufall eine zunächst schwierige, aber immer schon aufs Warmherzige zusteuernde Beziehung zu diesem koreanischen Jungen entwickeln, und hier macht Eastwood etwas, was nur er kann und was seine Filme öfter einmal auszeichnet: Er schweißt zwei unterschiedliche Personen zusammen, schildert eine Art Vater-Sohn (oder hier vom Alter her eher Großvater-Enkel-)Beziehung, wobei immer klar ist: So unterschiedlich die sind, der eine braucht den anderen, und der eine kann den anderen retten. Das gilt immer in beide Richtungen, auch wenn das nicht sofort offenbar ist. So ist Walt derjenige, der dem Jungen (dessen Namen ich vergessen habe) aus der Orientierungslosigkeit hilft, ihm einen Job, eine Lebensperspektive und ein Rückgrat verschafft, aber dabei ist klar, dass Walt genau so sehr von dem Jungen befreit und gerettet wird, wie er ihn umgekehrt befreit und rettet. Diese schönen Doppelungen und Umkehrungen, diese positiven Bekenntnisse zum Einander-Brauchen, die gibt es öfter einmal bei Eastwood, und sie sind immer von einer scheinbar paradoxen Vielschichtigkeit. Am schrägsten und schönsten gelingt es ihm vielleicht in "Ein wahres Verbrechen": Da gibt es einen Todeskandidaten und einen Reporter, dessen Leben überhaupt nicht bedroht ist, aber der Erste hat einen Halt im Leben, der dem Letzten völlig fehlt - natürlich wird der Reporter als reichlich kaputter Mensch von Eastwood selbst gespielt. Auch in "Gran Torino" ist Eastwood mal wieder oberflächlich der Retter, aber genau betrachtet genauso der Gerettete, und er ist sich nicht zu schade, das schonungslos offenzulegen, ohne jemals ins Sentimentale abzugleiten. Ein derartiger Ansatz erfordert Spiegelungen, Doppelungen, mit diesen ganzen Umkehrungen des Oberflächlichen, und Eastwood erweist sich hierin als Meister. Nur ein Beispiel: Walt legt einmal die Beichte ab, wir sehen durch das Gittermuster des Fensters im Beichtstuhl, und Walt speist den jungen Pfarrer mit typisch eastwoodschnodderigen Floskeln ab. Wenig später hat Walt seinen jugendlichen Freund in einem Keller eingesperrt (weil Walt, ganz der alte Western-Eastwood, eine gefährliche Situation allein bestehen und den Jungen schützen will), und bei einer verbalen Auseinandersetzung erzählt Walt ihm sichtlich erregt, was damals wirklich in Korea geschehen ist. Die beiden sind durch eine Gittertür getrennt, die ein ganz ähnliches Muster wie zuvor in der Kirchenszene wirft, und es wird klar: DAS ist die wirkliche Beichte des Walt Kowalski, für ihn ein Schmerz, aber auch eine Befreiung. So ist das mit diesem Film öfter einmal, es gibt eine zweite Wahrheit unter der Oberfläche.
Bei alldem - auch das ist typisch Eastwood - ist dieser Film dennoch von einem ur-amerikanischen Patriotismus beseelt. Er ist vor Nationalstolz nicht blind, spricht Probleme Amerikas offen und mit wachem Blick an, aber es gibt immer noch das positive Gegenbild, hier beispielsweise die Perspektive, dass ein Niemand relativ wenige Probleme hat, einen Job auf einer Baustelle zu finden, wenn er es nur wirklich will, seinen Mund aufzumachen lernt und entschlossen ist, in die Hände zu spucken. Die USA, das ist kein Traumland, aber die Potenziale, die sieht Eastwood trotz allem noch. Man kann das kritisieren. Aber wie gesagt, sein Patriotismus ist nicht blind, und da gefällt mir diese Mischung aus kritischer und lebensbejahender Haltung schon wieder.
Eastwood hat also unverwechselbares Eastwoodwerk hingelegt, man entdeckt immer wieder typische Elemente seiner Filme. Einige wurden bereits genannt. Ferner ist zu vermerken: Ein für den typischen Amipatrioten bemerkenswert kritischer Blick auf die Kirche (schon in "Million Dollar Baby" hat der Pfarrer kläglich versagt, als es mal nicht um graue Theorie, sondern um eine sehr konkrete Bitte um Sterbehilfe ging), aber auch Menschenliebe statt den totalen Zynismus (der Pfarrer kommt hier am Ende recht gut weg, so wie die erst ätzenden Verwandten in "Die Brücken am Fluß" am Ende alle geläutert sind). Indes: Grenzenlos ist diese Liebe nu auch wieder nicht. Die raffgierige Verwandtschaft von Walt kriegt ihr Fett genauso ab wie die von Maggie in "Million Dollar Baby", und bei den Koreanern gibt es neben der netten Familie von nebenan auch noch eine Streetgang, deren Gewaltbereitschaft weit über Dummejungenstreiche hinaus geht. Wie Walt mit der am Ende fertig wird, ist ziemlich genial. Seine im ganzen Film präsente Geste, mit den Fingern eine Pistole zu formen, zeigt schon an, dass nichts so ist, wie es scheint (wie schon bei dem nur scheinbar friedlichen Ende von "Mystic River"), und genau genommen führt Eastwood hier etwas konsequent durch, was bei "Erbarmungslos" nur halbherzig geraten ist (dies genauer zu erklären, würde zuviel vom Ende verraten). Und ihm gelingt ganz nebenbei ein starkes Statement für Zivilcourage durch einen ungewöhnlichen Regieeinfall: Mehrere Male wird auffällig nicht der Gangleader ins optische und inhaltliche Zentrum gerückt, sondern der nicht minder brutale Mitläufer, gerade in der letzten Szene, in der die Gang vorkommt. Für den hat Eastwood offenbar die meiste Verachtung übrig, so sehe ich es, und ohne solche Typen könnten die Anführer ja auch herzlich wenig ausrichten, sei es bei Straßengangs oder in Diktaturen oder wo auch immer. Nach alledem gilt: Obwohl der Film entspannt und witzig daherkommt, an der einen oder anderen Ecke auch gern mal das Bedürfnis nach Eastwood-Kult-Momenten befriedigt, ist er doch letztlich tiefschürfend - und erfreulich kompromisslos. Eastwood gehört genauso wenig zum alten Eisen wie Walt Kowalski.
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