Selbst mit leichter Skepsis gegenüber der vollmundigen Verlagsankündigung ist das Buch maßlos enttäuschend. Nach fehlender Grundlagendokumentation, unwissenschaftlicher Methodik und groben Fehldatierungen verirren sich die Autoren in Spekulationen und Esoterik. Da werden kilometerlange Gangsysteme und eine neolithische Tunnelbauerkultur entworfen und bisherige fundierte Erkenntnisse zum Phänomen der Erdställe (alten unterirdischen Gängen bislang unbekannter Funktion) verworfen oder gleich ganz ignoriert - zugunsten von wilden Theorien auf Basis falsch datierter Funde. Am Ende bleibt ein mystisch wabernder Nebel, der weit hinter das zurückfällt, was man tatsächlich über diese Gänge weiß. Das ist dann nicht nur enttäuschend, sondern ärgerlich und für die weitere Erforschung der Erdstallrätsel kontraproduktiv.
Dabei verspricht ein Buch, das sich solchen unterirdischen Anlagen widmet, schon vom Thema her spannend zu sein. Der angekündigte Plan eines Ganglabyrinths, der "in einer jahrhundertealten Kanonenkugel" gefunden wurde, klingt geradezu nach einem Geschichtskrimi. Und schließlich deutete der Verlag sogar an, dass nach diesem Buch die europäische Vorgeschichte neu geschrieben werden müsse! Kein Wunder also, dass ich es mit Spannung und ein wenig Skepsis erwartet habe.
Die Hauptquelle der Autoren sind örtliche Sagen über unterirdische Gänge. Nun kennt jeder, der sich etwas eingehender mit Sagen beschäftigt hat, die unzähligen Erzählungen von kilometerlangen Gängen zwischen Burgen und Klöstern, die auch tiefe Täler und Flüsse unterqueren können, aber noch nie jemals nachgewiesen wurden. Oder Sagen von riesigen unterirdischen Hallen, die sich vor Ort als kurzer Kriechgang entpuppen. Kusch und Kusch nehmen all solche Sagen völlig unhinterfragt ernst, ja sie gehen noch darüber hinaus und verbinden weit voneinander entfernte zugemauerte Türen, verstürzte Eingänge, Sagen und Erdställe ohne jeden Nachweis zu phantastischen Gangsystemen. Dabei sind bereits Hunderte von Erdställen in Bayern und Österreich bekannt, viele in Form von genauen Vermessungsplänen veröffentlicht - niemals wurden derartige Gangsysteme entdeckt.
Nachprüfbar sind die Schlussfolgerungen des Ehepaars Kusch für den Leser nicht, denn gerade die Grundlage, die Übersicht über das Vorhandene, geht völlig unter. Tatsächlich enthält das Buch keinen einzigen brauchbaren Plan von einem der behandelten Erdställe, so dass man sich trotz der hervorragenden Fotos - dem Pluspunkt des Buches - kein Bild von Umfang und Form der Ganganlagen machen kann. Der einzige Plan einer unterirdischen Anlage ist eine 3D-Computergrafik des Stifts Vorau mit einem Gewirr von Gängen und Kammern unter dem Kloster, teilweise isoliert und völlig ohne Zugang! Die Bildüberschrift "teilbelegtes Gangnetz ..." lässt den Leser aber auch hier ratlos zurück, welche Teile dieses Gangnetzes denn nun auf welche Weise überhaupt nachgewiesen sein sollen.
Weiter geht das Buch auf die Lochsteine ein, aufrecht gestellte Steine mit künstlichem Loch. Für die Autoren handelt es sich dabei nicht einfach um Grenzsteine (mhd. lâche "Grenze"), wie sie in alten Gemarkungsbeschreibungen und noch im neuzeitlichen Bergbau belegt sind, sondern um "Menhire". Sie werden damit ohne Begründung der nur in West(!)europa und dem Mittelmeerraum verbreiteten Megalithkultur der Jungsteinzeit zugewiesen, sollen sich auf die Erdställe beziehen, schließlich gar geomantische Linien markieren und nachts leuchtende "Energieformen" hervorrufen.
Dass bei verschiedenen Erdställen in Bayern und Österreich inzwischen durch Scherbenfunde und C14-Datierungen eine Entstehungszeit im Hochmittelalter nachgewiesen werden konnte, spielt bei Kusch und Kusch keine Rolle. Sie präsentieren dagegen den Fund einer "Feuersteinklinge" aus dem Erdstall "Kandelhofer" in Puchegg, durch den sie gleich das ganze Phänomen unterirdischer Gänge in die Jungsteinzeit datieren. Abgesehen davon, dass bei einer Anlage mit 900 Keramikscherben ab dem 12./13. Jahrhundert eine Datierung ins Neolithikum anhand eines einzelnen Feuersteingeräts schon methodisch fragwürdig ist, hätten die Autoren für ihren Kronzeugen besser noch eine fachkundige Bestimmung eingeholt: Das Stück ist offensichtlich ein Flintenstein, also der Feuerstein eines neuzeitlichen Steinschlossgewehrs!
Besonders spannend ist natürlich die Geschichte mit der Kanonenkugel. Der Plan aus der "jahrhundertealten" Kugel zeigt Orte, die mit Linien verbunden sind. Natürlich können auch diese Linien nur unterirdische Gänge darstellen. Der Plan wird von den Kuschs auf das 16./17. Jahrhundert datiert, soll aber (warum?) eine Kopie einer mittelalterlichen Vorlage sein. Die offensichtlich moderne Beschriftung wird von den Autoren als späterer Zusatz gedeutet. Nach einer Rezension des Archäologen Th. Kühtreiber lässt sich aber die "Kanonenkugel" von Experten als Geschossteil aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmen, und diese Datierung dürfte ebenfalls auf den "mittelalterlichen" Plan zutreffen, der wohl auch keine unterirdischen Gänge darstellt.
Zusammenfassend muss man sagen, dass das Buch "Tore zur Unterwelt" das "Geheimnis der unterirdischen Gänge aus alter Zeit" nach Kräften versucht zu vergrößern. Vielleicht sollte damit (völlig unnötigerweise) die geheimnisvolle Spannung des Themas künstlich erhöht werden. Eine dermaßen unkritische Herangehensweise an ein historisch-archäologisches Thema ist jedenfalls völlig ungeeignet, der Aufklärung der tatsächlich noch ungelösten Rätsel näherzukommen. In etlichen Rezensionen hier bei Amazon wurde ja auch angemerkt, dass das Buch wenig Antworten liefert. Noch schlimmer ist jedoch, dass selbst Fragen, auf die es schon fundierte Antworten gibt, so verunklart werden, dass der mit dem Thema nicht schon gut vertraute Leser nach dem Zuklappen des Buches ratlos zurückbleibt.
Rezensionen:
Thomas Rathgeber, in: Beiträge zur Höhlen- und Karstkunde in Südwestdeutschland 47, 2010, S. 2. (http://science.naturkundemuseum-bw.de/files/Ueber_Erdstaelle-aus47.pdf)
Thomas Kühtreiber, in: Die Höhle. Zeitschr. für Karst- und Höhlenkunde 61, 2010, S. 137-140.