Endlich mal wieder ein anständiger historischer Roman! Das heißt, eigentlich ist das ja gar kein historischer Roman, sondern eher eine Art Ermittlungsprotokoll. Allerdings ein Ermittlungsprotokoll, das sich liest wie ein Krimi allerbester Qualität. -- Krimi? Dochdoch. Krimi. Krimis beginnen schließlich normalerweise mit einer Leiche, und zwar idealerweise der eines Ermordeten, und dann werden die Mörder gesucht. Den Mörder wiederum findet man in einem ordentlichen Krimi, indem man das Umfeld unter die Lupe nimmt, sodann jedem Hinweis nachgeht, und bei der Gelegenheit natürlich alle nur irgend denkbaren Motive einsammelt. So auch hier. Ein Krimi also; so deutet es ja auch der Untertitel "Ein Mordfall im Mittelalter" an.
Aber andererseits auch wieder kein Krimi, denn erst einmal ist das spätere Mordopfer quietschlebendig und zieht in Lokal- und Großpolitik jahrzehntelang die Fäden. Genau genommen ist E.W. Heines Roman "Toppler" nämlich eine Geschichtslektion des besonderen Art, die ganz unschuldig daherkommt als anschauliche Rothenburger Lokalgeschichte im ausgehenden Mittelalter, einer Zeit also, in dem nicht nur hier die Weichen entscheidend gestellt wurden.
Und dennoch befindet man sich in einer ganz anderen, fremden Zeit, die man nicht ohne weiteres versteht: Zeitrechnung und Raumbegriff von der heutigen grundverschieden, da nach ganz anderen Kriterien "geordnet"; grundverschieden von den heutigen auch sittliche Maßstäbe und Rechtsauffassung (nicht das Unrecht gegen andere Menschen war zu ahnden, sondern der Verstoß gegen Gottes Gesetz). Ideelle und materielle Werte keine gegensätzliche Begriffe, sondern oft ineinander verwoben -- und die Gesellschaftsordnung erstens sowieso anders als heute, und zweitens im Umbruch begriffen: Die Städte begannen "aufsässig" zu werden, derweil das Rittertum die Neuerungen und deren Auswirkungen nicht so recht mitbekam und u.a. auch deswegen oft verarmte, mit ritterlichen Reaktionen, für die den Rittern heute "lebenslänglich" blühte. Obendrein eine diplomatische Finesse quer durch die Instanzen, die heutige Politiker schwindlig umranken würde...
Und neben Burgruinen und einigen spektakulären Stadtansichten hat das Mittelalter vor allem in der Sprache erstaunlich viele Spuren hinterlassen, und gerade ihre Erwähnung verdeutlicht nicht nur vieles, sondern lässt es auch in Lesers Gedächtnis haften. E.W. Heine erweist sich damit nicht nur als sachkundiger und fesselnder Erzähler, sondern auch als guter Didaktiker.
All das unterscheidet "Toppler" angenehm von so manch geschichtsheimelndem Bestseller und hebt den Roman weit über das Gros des Genres hinaus.
Mit dieser lebendigen Schilderung spätmittelalterlichen Lebens im Detail und spätmittelalterlicher Großpolitik im Großen verknüpft E.W. Heine nun Heinrich Topplers Biographie. Dass er sich Toppler als zentrale Gestalt gewählt hat, dürfte kein Zufall sein -- dieser unglaublich wohlhabende Rothenburger Kaufmann und politische Senkrechtstarter zeigt sich einerseits noch ganz dem mittelalterlichen Weltbild verpflichtet, mit allen oft befremdlichen und skurrilen bis grausamen Konsequenzen. Andererseits wirkt er in Heines Schilderung fast schon wie ein Renaissance-Fürst, in all seiner Weitsicht und politischem Geschick, und in seiner Gewandtheit, wenn's um gewieftes diplomatisches Fädenziehen geht, quer durch Fürstenhöfe, Städtebünde und Bischofsresidenzen seiner Zeit (falls sich jemand wundert: Damalige hohe Geistliche waren oft um alles mögliche besorgt, nur nicht ums Seelenheil der ihnen Anbefohlenen). So ganz nebenbei taucht man beim Lesen hinein ins oft erstaunlich fremde mittelalterliche Leben: "Wichtiger als die Wirklichkeit getreu wiederzugeben war es, die ideelle Existenz widerzuspiegeln" -- das galt nicht nur für bildende Kunst und Ständeordnung. Von so manchem, seit dem 19. Jahrhundert verklärten Mittelalterklischee wird die güldene Patina gründlich weggeschrubbt.
Dabei widersteht Heine durchweg der Versuchung, seine Leser vom Katheder herab zu belehren; die Lektüre erfordert keine Vorkenntnisse. Jedes der vielen Kapitel widmet sich einem besonderen Aspekt damaligen Lebens, oft anschaulich gemacht mithilfe signifikanter Anekdoten und Details: Der "Verkauf" von Hinrichtungen stadteigener Missetäter an andere Städte war ein lukratives Geschäft, und bei den ach so sagenumwobenen Ritterturnieren ging's viel prosaischer zu als in den König-Artus-Filmen. Kaiserliche Politik konnte die Staatsfinanzen arg strapazieren; ein Wormser Metzger wehrte anno1348 dem bankrotten Kaiser solange die Abreise, bis er die Rechnung beglichen hatte -- er hatte triftige Gründe für sein Vorgehen... Wer sich das nicht süffisant und detailliert vorstellt, wie der Metzger den Kaiser ausschimpft, weil der seine Knackwurstsemmel (mit Senf?) nicht bezahlt hat -- also, der lügt.
Aber zurück zur Mordakte Heinrich Toppler, denn dessen Spur verliert Heine nie, bei aller akribischen kriminalistischen Recherche und Rekonstruktion spätmittelalterlichen Lebens. Zunächst einmal gibt sich jedes spektakuläre Mordopfer irgendwann einmal eine Blöße; Toppler bildet keine Ausnahme. Und dass einem allzu Erfolgreichen schonmal allzu viel Ruhm erst zu Kopf steigt und ihn dann stolpern lässt, das hat man öfter, zumal wenn irgendwann sich ein wenig Altersstarrsinn einstellt. Wie sich das jedoch bei Toppler ausnahm und was da im Einzelnen ablief und zusammenkam, das rekonstruiert Heine auf beste Kriminalisten-Art.
Das Leben des ehedem hochgeachteten Bürgermeisters, ohne dessen Weitsicht und Arbeit Rothenburg heute wohl anders aussähe (und vermutlich auch kaum einen Touristen interessierte), endete schmählich, soviel war schon vorher bekannt. Dass, warum und wie Topplers Ableben jedoch beschleunigt wurde -- nun, auch das legt Kommissar Heine im 33. und letzten Kapitel dar, nicht minder scharfsinnig kombiniert wie all das Vorangehende. Dochdoch. Das IST ein Krimi. Und zwar ein guter.