Kaum jemand kennt den Roman "Im ersten Morgenlicht" oder "The Light of Day". Aber "Topkapi" sagt vielen etwas. Vor allem den Ustinov-Fans, der im gleichnamigen Film für die Hauptrolle des Mister Simpson einen Oscar erhielt. Also wurde sieben Jahre nach seinem Erscheinen der Romantitel geändert, neu aufgelegt und so zum bekanntesten Buch von Eric Ambler. Nur, für den besten halte ich ihn deswegen nicht. Interessant finde ich dieses Hörbuch vor allem, weil es eine Story erzählt, die mit dem Film wenig zu tun hat. Oder anders gesagt: Bis es zum spektakulären Einbruch in die Schatzkammer des Topkapi-Palastes kommt, sind drei der vier CDs schon vorbei. Und die Romanfiguren sind auch keine sympathische, naive oder gewitzte Komödianten, sondern auf ihre Art alle Verbrecher. Das, was also zum Stil von Eric Ambler gehört, wird im berühmten Film so unter den Tisch gewischt, dass von der Vorlage nicht mehr viel übrig bleibt. Wer an differenzierten Figuren interessiert ist und literarisch nacherleben möchte, wie man durch den allmächtigen Zufall in ungewollte Geschichten gerät, sollte sich dieses Audiobuch anhören.
Gelesen wird es von Matthias Ponnier, der auch deshalb ein geeigneter Sprecher ist, weil er in vielen beliebten Krimi-Serien mit der Atmosphäre dieses Genres vertraut wurde. Allerdings muss bei der Produktion etwas schief gelaufen sein, wirken doch die Stimmen merkwürdig dumpf. Möglich ist aber, dass dies Hörern weniger auffällt, die vorher nicht wie ich Bekanntschaft mit "Die Maske des Dimitrios" machten. Zumal ich diesen Roman für besser halte als "Topkapi".
Steht im Film der Einbruch im Zentrum des Geschehens, ist es im Roman die Figur des Journalisten Arthur Abdel Simpson. Sich mehr als Fremdenführer denn als Schreibender über Wasser haltend, verstrickt er sich zwar immer wieder in kleine Gaunereien, steht aber letztlich auch für die Haltung des Verweigerns, wenn das Gute schlechthin auf dem Spiel steht. Nur will es eben der Zufall, dass Simpson Schritt für Schritt Teil einer Verbrecherbande wird, die in einer anderen Liga spielt als der kleine Betrüger. Und weil Eric Ambler zu den Krimautoren gehört, die ihre Figuren meisterhaft gestalten, macht es einfach Spaß, an deren Verwicklungen mit dem Unvorhersehbaren teilzunehmen.
Mein Fazit: Der berühmte Film "Topkapi" gab seiner Romanvorlage zwar den späteren Titel, setzt aber die Schwerpunkte des Geschehens völlig anders. Auch wenn im Handyzeitalter viele Szenen älterer Krimis etwas angestaubt wirken, bleibt der Unterhaltungswert dieses 1964 erschienenen Romans erhalten. Und das ist in erster Linie auf die Kunst des Autors zurückzuführen, dank seiner guten Beobachtungsgabe Figuren mit Charakter gestalten zu können. Den Stern Abzug hat das Produktionsstudio zu verantworten.