Viele Wege führen zu Neil Young. Für den Großteil der Hörer ist das Album Harvest, mit Neils einzigem Nummer 1 Hit seiner über 40-jährigen Karriere
Heart of Gold, der Einstieg. Nicht wenigen reicht auch bereits dieses, fast schon so perfekt und glatt produziert wie ein Werk von Crosby, Stills, Nash und Young, eine Album.
Für Punk-Freunde ist Rust never sleeps eine Empfehlung, für Classic Rock Hörer Rockin` in the free world.
Hier ist ein Album für diejenigen, die sich in den Neunzigern mit den traurig-schönen Songs von Nirvana, Smashing Pumpkins und Radiohead am wohlsten gefühlt haben. Aber es braucht Zeit um sich in das Album mit seiner meist sperrigen, schräg gespielten und schief gesungenen Musik hineinzufinden. Im übrigen hilft es bereits Young-Fan zu sein, um sich für diese Platte zu begeistern. Tonight's the night, das Lieblingsalbum von Young selbst und laut deutschem Rolling Stone sein ehrlichstes Album, ist der Abschluss der Doom Trilogy, zu der ebenfalls Time fades away und On the beach gehören. Eine düstere Phase voller Selbstzweifel und Trauerarbeit nach dem turbulenten Jahr 1972, in dem Harvest veröffentlicht wurde und Neil den kommerziellen Höhepunkt bescherte. Aber es war auch das Jahr in dem sein langjähriger Wegbegleiter und Crazy Horse Gitarrist Danny Whitten starb. Bereits auf Harvest hatte Neil mit The needle and the damage auf seine Weise, nämlich mit einem Song, versucht Whitten von seiner fatalen Heroinsucht abzubringen.
Nun haben sich bereits viele Prominente als Moralapostel versucht und nach einem Leben voller Ausschweifungen und kostspieliger Entziehungskuren, wenig glaubwürdig, Abstinenz gepredigt. Das ist hier nicht der Fall. Auch wenn Young und seine Mitmusiker bei den Aufnahmen viel Tequila tranken (was besonders beim sturzbetrunken gesungenen Mellow my mind zu hören ist) und wie üblich, in Holland erlaubte, Zigaretten geraucht, trotzdem wird etwa in Borrowed Tune der Mythos vom Kreativitätsschub durch Drogen als Selbstbetrug entlarvt. Ein Junkie fühlt sich vielleicht während des Rauschs gut und kreativ, Danny Whitten aber war für die Band untraggbar geworden, er traf keinen richtigen Ton mehr und schlief während der Proben ein - keine Spur von Drogenverherrlichung. Wie sehr er auflebte und wie gut er sich fühlte, wenn er sich auf sein nächstes High freute zeigt Come on baby let's go downtown - irgendwie schon pervers, wie fröhlich der Song klingt, obwohl er davon handelt, daß ein Junkie in die Stadt fahren will, um sich Drogen zu kaufen.
Tired Eyes bringt Neils Selbstvorwürfe den Gitarristen Whitten und den Roadie Bruce Berry nicht gerettet haben zu können, auf den Punkt. He tried to do his best, but he could not.
Die entspannt-bekiffte Atmosphäre von Roll another number und Albuquerque kann man als Empfehlung verstehen, wenn man schon meint Drogen nehmen zu müssen, wenigstens bei Dingen zu bleiben, mit denen man umgehen kann. Und in Albuquerque ist das neben einer Tüte eben auch ein gutes Frühstück mit frischem Landschinken.
Obwohl Tonight's the night eines der am schlecht verkauftesten Young-Alben ist, so hat es doch die gleich Aufmerksamkeit wie Harvest verdient. Von seiner Aktualität hat es bis heute nichts verloren, Tonight's the night ist ein Song, den Young seit damals immer wieder live gespielt hat.
Das Konzept, ein Album mit zwei unterschiedlichen Versionen eines Songs zu beginnen und zu beenden, wurde später nochmal für Rust never sleeps und Freedom erfolgreich aufgegriffen.
Tonight's the night ist Neil Youngs Tochtenwache für die Opfer des Traums von Sex, Drugs and Rock and Roll - der Tod wird betrauert, das Weiterleben gefeiert.
Anspieltipps: World on a string, Albuquerque, Lookout Joe