Aus der Amazon.de-Redaktion
Nach einem kräftezehrenden Leben zwischen Konzerthallen und Studio war Ende 2006 eine Auszeit fällig. Bei allen Erfolgen mit Goldauszeichnungen, rappelvollen Sälen: Die Rock ´n Roll Tretmühle war heiß gelaufen, worunter meistens auch die Kreativität leidet, und das deutete sich bei Franz Ferdinand schon mit dem zweiten Album an. Lange dreieinhalb Jahre blieben die Schotten folgerichtig ohne neue Veröffentlichung, stellten das Private und Hobbys vorne an, suchten für viele Monate Abstand voneinander.
Tonight: Franz Ferdinand untermauert eindrucksvoll und mindest genauso überraschend, wie nötig diese Phase zum Akkuaufladen war, muss Platte Nummer 2
You Could Have It So Much Better wohlwollend als Schritt zur Seite bezeichnet werden. Hier nun handelt es sich um eine eindeutige Weiterentwicklung. Die Songs von
Tonight: Franz Ferdinand entstanden in einem angemieteten, heruntergekommenen und atmosphärischen viktorianischen Rathaus in Glasgow. Ein großes Geheimnis aber machte das schottische Quartett nicht aus dem dort ausgeheckten neuen Material. Was die Feuertaufe auf intimen Test-Clubkonzerten und Pubs nicht bestand, flog in die Tonne. Die verbliebenen Stücke zeugen von einem Reifeprozess, dem Mut, sich musikalisch zu öffnen. Trotzdem ist es sehr interessant, was die Fan-Jury da so durch gehen ließ: So viele Vintage-Keyboard-Sounds, Disco-Funk-Gitarren-Hybride, verschwurbelte Klänge und zurückgenommene Songs gab es noch nie neben all den gewohnt galoppierenden Stücken mit ihren Stampf-Beats. Natürlich springen einen Tracks wie der flotte Opener „Ulysses“, „Turn It On“ oder die so typisch nach FF klingende Hüpf-Hymne „No You Girls“ sofort an, aber „Send Him Away“ mit seinem Sixties-Psychedelic-Pop-Flair hinterlässt viel mehr Eindruck. Dann sind da noch die gelungenen Balladen wie die verspielte „Dream Again“ oder das finale „Katherine Kiss Me“. Sie demonstrieren, dass Franz Ferdinand zwischen all den tonangebenden Gruppe von Arctic Monkeys bis zu Bloc Party über das vielleicht größte Potential für eine Zukunft mit weiteren, nachhaltigen Alben verfügen... -
Sven Niechziol
Nach fast vier Jahren Arbeit und musikalischer Entwicklung in Richtung Elektro-Pop kommt nun das lang erwartete „Tonight: Franz Ferdinand“ auf den Markt, ein Soundtrack für kühle Großstadt-Nächte.
Im Vorfeld der Veröffentlichung von „Tonight: Franz Ferdinand“ hieß es, die Band wolle gegen die Unmengen formelhafter Gitarrenbands rebellieren und bewusst eine Stilwende vollziehen. Dabei bedienen sie jedoch nur einen weiteren Trend, nämlich Elektro-Elemente sowie 70er und 80er-Sounds in ihren Indie-Rock zu integrieren - eine Rechnung, die zudem nicht bei jedem Song aufgeht. Franz Ferdinand punkten auf ihrem neuen Album vor allem, wenn sie an altbewährten Kompositionen anknüpfen. Songs wie die bereits ausgekoppelte Single „Ulysses“, das eingängige „No You Girls“ oder „Bite Hard“ sind treibende wenn auch etwas düstere Rock-Nummern, bei denen sich die synthetischen Klänge noch zurückhalten. Sympathisch auch das locker-leichte „Send Him Away“, das gegen Ende gut an Groove gewinnt. Ähnlich angenehme Abwechslung bietet „What She Came For“. Vom elektro-funkigen Einstieg bis zum deftigen Post-Punk-Ausgang ist Langeweile ausgeschlossen.
Dann folgt jedoch Titel Nummer acht namens "Live Alone" und die Disco-Party scheint eröffnet. Mit Studio54 typischer Bassline und reichlich Synthie-Klängen liefern Franz Ferdinand hier belanglosen Pop ab, wie man ihn schon aus den 80ern zur Genüge kennt. Am selben Problem leidet auch „Can’t Stop Feeling“, selbst wenn sich hier zum Elektro-Flair vergangener Dekaden aktuellere synthetische Sounds gesellen.
Gänzlich unausgegoren ist der Titel „Lucid Dreams“: Was noch halbwegs eingängig und indie-rockig beginnt, wird zunehmend von verzerrter Elektronik überlagert. Nach fast fünf Minuten, wenn das Lied endlich zu verebben scheint, erfolgt überraschend der Übergang zu einem dreiminütigen Instrumental-Part zwischen Disco und House. Abschluss des Albums bilden die zwei Balladen „Dream Again“ und "Katherine Kiss Me", wobei nur letztere wirklich überzeugt. Von Akkustik-Gitarre begleitet, scheint Sänger Alex Kapranos einem direkt ins Ohr zu singen, was dem Titel eine sehr persönliche Note verleiht.
2006 waren Franz Ferdinand physisch, emotional und kreativ ausgebrannt. Die Verbarrikadierung in einem alten viktorianischen Rathaus in Glasgow sollte die Rettung sein. Durch Glaswolle und Ziegel schalldicht von der Außenwelt und leider auch jeglichem Tageslicht abgeschirmt, komponierten und experimentierten die Briten. Das entsprechend düster und kühle Ergebnis schwankt zwischen gelungenem Indie-Rock und Post-Punk sowie missglückten Versuchen Disco- und Elektro-Elemente zur Erfrischung zu integrieren.
Kai-Uwe Weser