,Tommy' oder ,Quadrophenia' - welche von beiden ist die definitive Rockoper? Die Frage ist müßig, denn beide sind von Pete Townshend, dem Songwriter der Who, und sie sind doch so unterschiedlich gestrickt, dass ein Vergleich trotz der ähnlichen Musik nicht möglich ist.
Tommy, dessen Vater im Krieg ist, wächst bei seiner Mutter auf, die inzwischen einen anderen Mann hat. Eines nachts kommt der Vater zurück, überrascht die beiden im Schlafzimmer und wird dafür getötet. Das Dumme ist, dass der kleine Tommy alles mitbekommen hat und fortan durch den Schock blind, taub und stumm geworden ist. Die Rockoper erzählt seinen Leidensweg und seine Befreiungsversuche, der Film würzt die Story mit den assoziativen, symbolbeladenen Bildern von Ken Russell (den man sicher genial nennen darf). Die Bezüge und Anspielungen sind bisweilen so drastisch, dass sensiblen Zuschauern übel werden kann. Als gewöhnlicher Spielfilm ohne Musik hätte die Story wohl keine Chance gehabt, als Rockoper stellt Tommy im Filmgewand ein Werk dar, das den bombastischen Bühnen-Opern eines Wagner durchaus das Wasser reichen kann. Wen ,Tommy' kalt lässt, der versteht wahrscheinlich auch nicht, was das Ganze soll.
Ich habe die Rockoper damals (1974) im Kino gesehen und war als der Fünfzehnjährige, für den sie auch gemacht war, schwer beeindruckt. Vieles von dem, was mir Russell und Townshend vor Augen geführt haben, ist mir später immer wieder begegnet: Korruption, Gewalt, Untreue, Sadismus, Geldgier - der Film lässt nichts aus, was an unserer Gesellschaft verwerflich und ekelerregend wäre. Trotzdem ist er auch ein Statement für eine vielleicht aussichtslose, aber notwendige Humanität.
Es ist, ähnlich wie bei ,The Wall' von Pink Floyd, recht schwer, diesen Film zu lieben. Doch er ist genial und immerhin interessant genug, um ihn sich nach einiger Zeit wieder mal zuzumuten.