Regisseur Aljoscha Pause, früher Sportredakteur, ist wahrscheinlich der "Top-Profi" für Fußball-Dokus. Dabei arbeitet er nicht nur die sportlichen Eckdaten heraus, sondern durchleuchtet die Hintergründe, das Leben neben dem Sport, gesellschaftliche Themen, die damit im Zusammenhang stehen oder stehen könnten. Damit liefert er eine umfassende Doku über den Sportler bzw. das Thema, das er portraitiert.
INHALT + MEINUNG
Von 2003 bis 2011 begleitete Pause den Fußballer Thomas Broich. Auf dem Land in Bayern aufgewachsen, hatte Broich gerade seine erste Zweitligasaison bei Wacker Burghausen hinter sich gebracht. Dies erfolgreich, er war ein spielbestimmender Akteur und mit damals 21 Jahren eines der großen Talente des deutschen Fußballs. Schon nach der Hinrunde seiner zweiten Zweitligasaison wechselte er zu Borussia Mönchengladbach, wo er zweieinhalb Jahre blieb. Danach folgten drei Jahre Köln und ein Jahr Nürnberg, bis er schließlich in Australien landete.
Die einzelnen Stationen werden mit Bild-Eindrücken seines jetzigen Lebens sowie wichtigen, aufklärenden und selbst reflektierenden Interview-Kommentaren des heutigen Broichs zusammengefügt. Dazu kommen begleitende Personen (Trainer, Mitspieler) zu Wort. Mediale Berichterstattungen sorgen für den Roten Faden. Durch die Mischung all dieser Sequenzen ergeben sich ein klares und differenziertes Bild über den Mensch und Sportler Thomas Broich, über seine Karriere, über Ursachen und Wirkungen, richtige und falsche Eindrücke und Entscheidungen und vor allem erhält man einen besseren Blick als sonst auf das Geschäft Bundesliga und das Leben eines Fußballprofis.
Der Stil dieser Doku ist perfekt. Trotz mehrerer Sequenzen ohne Text, wird man des Zusehens nicht überdrüssig, wird man nie gelangweilt. Die ledigliche Bebilderungen vermittelt puzzleartige Aussagen ohne Wort, die das Gesamtprodukt vervollständigen. Eine passende Abrundung schafft die passgenaue, richtig gute Filmmusik. Somit enthält jede Sekunde Filmmaterial diverse Informationen, Thesen, Aussagen und Ergebnisse.
Insbesondere aber hat Thomas Broich was zu sagen. Und da geht es nicht nur um seine oft beschriebene Andersartigkeit als Fußballer, seine musischen Talente oder seine Intellektualität. Es ist vor allem ein fühlender Mensch mit Tiefe, der - entgegen so ziemlich jedem Sportler - mit Selbstkritik und einer diffizileren Sichtweise nicht spart. Dies aber ohne sich zu peinigen, sondern eher um sich zu erklären, für sich und vor allem mal für die anderen. Dies war nötig, denn oft hat die breite Öffentlichkeit ihn und sein Produkt nicht verstanden, dies vor allem sportlich. Warum, wenn er doch alles kann, stimmen die Leistungen nicht oder sind für seine Möglichkeiten nicht genug? Dass diese Frage eben nicht nur mit Schwarz-Weiß-Parolen, die man im Fußball gerne benutzt, zu beantworten ist, wird hier eindrucksvoll dargelegt. Zu wünschen wäre, dass alle Beurteiler, ob jetzt Manager oder Trainer oder auch Medien und Fans, sich zumindest ansatzweise mal damit auseinandersetzen. Viele schon morgen wieder irrelevanten Aussagen und Kritiken, könnte man sich sparen. Gerade was die Beziehung zwischen Talent und Leistung angeht, kann man hier eine Menge lernen, mal seine Augen wirklich öffnen. Und dies sogar in der Form, dass man dann irgendwann nur die Leistung bewertet, ohne nach vermeintlichen Gründen zu suchen und halbwahre Urteile loszulassen.
Ein Schmankerl am Rande ist das (arg gestellte?) Gespräch zwischen Horst Köppel, Udo Lattek und Berti Vogts über das Gladbacher Talent Broich. Während Köppel und Lattek durchaus was zu sagen haben, dachte Vogts wohl, er hätte wieder eine Nebenrolle im Tatort: Wie heißt der noch mal? Man ist der gut." Selbst in diesen wenigen Sekunden schafft es der kleine Verteidiger mal wieder eindrucksvoll zu beweisen, wie unnachgiebig er sich nach oben hangeln will und es leider nie gelingt. Eine so schonungslos offene Doku wie über Broich, die wäre auch Vogts zu wünschen. Dann könnte er seinen Frieden finden. Broich hat es nämlich allein durch Selbstreflektion und vielleicht auch diese Doku geschafft, all die Kritik an ihm, wirklich einzuordnen zu bewerten und ist daraus ein in sich ruhender authentischer Typ geworden, der er irgendwo immer schon war, aber jetzt verstehen es auch die anderen. Und wenn man dann Vogts filmt, sollte man Christoph Daum (köstliches, gemeinsames, aber getrennt von Broich gehaltenes Interview) gleich mitnehmen. Auch er hat da Nachholbedarf wie so viele im Fußballgeschäft.
FAZIT
Als Fußballfan sowieso, aber ggf. auch weniger Interessierter kann man über diesen Film noch lange schreiben und reden. Wenn man es auf den Fußball begrenzt, sicher eine der besten Dokus, die es bisher gab. Wertet man es unter dem Gesichtspunkt aller möglichen Film-Dokus, ebenfalls sicher eine der besten.