Den zwanzigseitigen Prolog sollte man auf keinen Fall überblättern, wenn man diese Biografie richtig einordnen will. Denn Tom Waits schottet sein Privatleben so ab, dass er alles anderes als begeistert ist, wenn sich jemand an den Schreibtisch setzt, um eine Tom Waits-Biographie zu verfassen. Und deshalb mag er es auch nicht, wenn sich jemand trotzdem ans Werk macht und sein privates Umfeld befragt. Unautorisiert ist also zu wenig gesagt. Wer einem Biographen Auskunft gibt, riskiert offenbar laut Barney Hoskyns Liebesentzug, Ärger oder Ausschluss. Aber wir erfahren im Prolog nicht nur, wie widerspenstig sich der Porträtierte gegenüber Biographen gibt, sondern warum der Autor den Wunsch von Tom Waits nicht erfüllt, welches persönliche Verhältnis er zu diesem Multitalent hat und wie er bei seinen Recherchen vorgegangen ist.
Es ist klar, dass ein Bewunderer mehr Kooperation erhofft. Doch von einigen wenigen Stellen abgesehen, spürt man keinen Groll und keine große Enttäuschung mehr über das klare Verdikt von Tom Waits. Möglich, dass Barney Hoskyns von seiner zweijährigen, aufwändigen, Recherchearbeit, dem Sichten unzählige Sekundärquellen und der schriftstellerischen Komprimierung so stark in Anspruch genommen wurde, dass die alte Geschichte langsam verblasste. Wie auch immer, das zusammengetragene und ausgewertete Material ist beeindruckend. Doch Stofffülle allein ist noch keine Garantie, dass der Leser ein spannendes Buch erhält. Um ihn während 600 Seiten fesseln zu können, muss ein tragendes Konzept gefunden und der Inhalt gestaltet werden. Und genau das, scheint mir angesichts der schwierigen Umstände gut gelungen. Zwar hat sich Barney Hoskyns für ein chronologisches Vorgehen entschieden, reiht aber nicht einfach Fakten aneinander. Der Autor taucht selber so in die Welt von Tom Waits ein, in seine durchlebten Zeiten und sein künstlerischen Laufbahn, dass man als Leser oft das Gefühl hat, der Star selber sei auch physisch präsent. Und wenn Barney Hoskyns Vermutungen anstellt, so formuliert er dies auch. Schließlich könnte es auch anders gewesen sein. Damit muss man bei einem Menschen wie Tom Waits ohnehin rechnen.
Was ist Rolle, was echt? Diese Frage wird vor allem auf den ersten zweihundert Seiten immer wieder gestellt. Und Barney Hoskyns versucht sie auch zu beantworten, indem er die Texte der Songs genau studiert und in Beziehung zur jeweiligen Lebensphase von Tom Waits setzt. Allein dieses Konzept sorgt für Abwechslung und Rhythmenwechsel. Ich teile die Ansicht des Biografen, dass Tom Waits oft in selber Schwierigkeiten käme, wenn er sich Auskunft darüber geben müsste, wo er seine Kunst zum Leben macht und wo sein Leben zur Kunst. Wer unter anderem vom Outsider Image lebt, Freundinnen nicht in sein Messie-Zimmer eines Motels einlädt und von der Presse als unnahbarer, genialer Sonderling beschrieben wird, kann sich nicht einfach in einer gestreckten Limousine vor ein Fünfsternhotel chauffieren lassen und Journalisten am Pool empfangen.
Sicher ist, dass Tom Waits polarisiert und zu den Künstlern gehört, die sich nicht jeder Modeströmung anpassen und Songs ohne schlechtes Gewissen auf die Verkaufszahlen ausrichten. Es ist deshalb doppelt spannend, mehr über die Helden zu erfahren, die Tom Waits prägten. Und darunter findet sich Bob Dylan, Randy Newman, Ray Charles, aber auch Frank Sinatra. Barney Hoskyns ist als Musikjournalist schon so lange im Business, dass sein Beziehungsnetz stark genug ist, Insider-Informationen zu erhalten, die dem Leser einen Einblick in das amerikanische Musikbusiness geben. Klar, mit vielen Namen wird der Leser in Europa nicht viel anfangen können. Aber sie sind für das Verständnis auch nicht unbedingt notwendig, da Barney Hoskyns sie in ein Umfeld einbettet, zu dem zumindest die Fans von Tom Waits einen Zugang haben.
Ab Seite 599 beginnt der umfangreiche Anhang. Zuerst die persönliche Einschätzung der Autors, welches die 40 besten Songs sind, dann folgen Einblicke in Mailverkehr, nach den Danksagungen das Werkverzeichnis, die Filmografie, das Quellenverzeichnis und ein Index. Im Textteil selber finden sich erstaunlich viele Bilder, wobei man sich über die Qualität nicht schon zum vornherein sehr freuen sollte. Da ich jedoch Fotografien bevorzuge, die eine Stimmung einfangen, störte mich auch die Druckqualität nicht besonders.
Mein Fazit: Ein Mammutwerk für die Fans von Tom Waits. Geschrieben gegen den Willen des Porträtierten und mit viel Aufwand recherchiert. Barney Hoskyns hat wohl das Beste aus der nicht eben einfachen Lage gemacht. Zu den zahlreichen Highlights gehörte für mich, wie der Biograf das künstlerische Werk mit den verschiedenen Rollen von Tom Waits verbindet. so weit ich das beurteilen kann, ohne das Original zu kennen, scheint mir auch die Übersetzung gelungen.