Tom Clancy war und ist mit seinen früheren Hardcover-Büchern, die es inzwischen alle als Paperback gibt, einer der ganz großen Meister des High-Tech-Thrillers. Die Op-Center-Reihe (mit Steve Pieczenik), nur als TaBu, fiel dann etwas ab, war aber immer noch Clancy. Nach den ersten zwei NetForce-Büchern habe ich aufgehört, diese immer schneller produzierten und immer dünner werdenden Büchlein zu kaufen. Mit "Endwar" habe ich einen erneuten Versuch gestartet, aber jetzt hat es auch wirklich ein Ende! Den zweiten Stern gibt es nur gnadenhalber. Schade, dass Mr. Clancy seinen Namen auf diese Art kaputt macht.
Die Story ist hanebüchen: Iran und Saudi-Arabien (!) haben sich 2016 in einem Atomkrieg vernichtet, das noch über eigenes Öl verfügende Russland möchte wieder Weltmacht werden. Es bedient sich dazu grüner Öko-Terroristen (!), das denkt man jedenfalls. Öko-Terroristen? -da wird man doch nicht bei Michael Chrichton (Welt in Angst) gewildert haben... --- US Special Forces kidnappen mitten in Moskau einen Geheimdienst-Oberst, der ihnen Informationen liefern soll. Sogar Radpanzer haben sie dabei, alles mit dem Hubschrauber eingeflogen. Klar doch, schon Mathias Rust ist auf dem Roten Platz gelandet... . Welcher überschwere Langstrecken-Helikopter, der auch noch unabschießbar sein müsste, das Wunder vollbracht hat, wird nicht verraten.
Überraschend früh fängt der große show-down an: Die Russen marschieren in Kanada ein, um sich die dortigen Ölsände zu sichern. Die Ökos(!) wollen sie mit Atombomben(!!) radioaktiv verseuchen, damit sie unbrauchbar werden. Die Kanadier selbst kneifen, und heldenhafte US-Boys (und Girls) in Zug- oder Kompaniestärke stellen sich den zahlenmäßig weit überlegenen Russentruppen (offenbar mehrere Bataillone) entgegen. Schaut man sich das ganze mal auf der Landkarte an, dann hat man den Eindruck, hier wird die Session eines Videospiels wiedergegeben, bei dem einer der Spieler verbotene cheat-Befehle benutzt. Die Russen mitten in Kanada weit überlegen, und das nur mit Luftlandetruppen, und die Amis haben Schwierigkeiten, Truppen dorthin zu bringen, obwohl das kanadische Alberta an den US-Staat Montana grenzt.Klar doch!
Man könnte noch viele Beispiele für fehlende Logik bringen. Die Story spielt 2020, aber der Vater eines russischen Obersten im Buch war Divisionskommandeur (also wohl General) im 2. Weltkrieg - vor 75 Jahren. Wenn das rechnerisch klappen soll, dann muss das ein sehr, sehr junger General gewesen sein, der sehr spät Vater geworden ist. Hinter dem Autorennamen "David Michaels" soll ein Autorenkollektiv stecken- sie haben in der Tat Grund, sich hinter einem Sammelpseudonym zu verbergen.
Nervtötend ist die umständliche Bezeichnung der Waffen und Ausrüstung mit ihrem vollständigen Namen. Das war bei den früheren High-Tec-Thrillern berechtigt, um die Realitätsnähe zu betonen, aber diese Story soll 2020 spielen, manche Waffennamen sind reine Phantasiebezeichnungen. Dafür werden andere militärische Bezeichnungen gar nicht erklärt. Das kann ein Problem sein bei einem Buch dessen Zielgruppe möglicherweise noch nicht im wehrdienstfähigen Alter ist. - Warum russische Militärs mit ihrer US-Bezeichnug benannt werden, das muss der Übersetzer erklären, der vielleicht mit dem Lesen von Landser-Heftchen ausgelastet war, um überhaupt den Jargon des Buches hinzukriegen. US-Forces leiden - und Russen? Werden halt mal zerfetzt. "BUUUM! Die Explosion zerfetzte die beiden und schleuderte ihre Überreste durch die Luft" (Zitat S. 244).
Das Buch ist dünn, trotz seiner ca 350 Seiten, denn auf jeder einzelnen Seite steht nicht allzuviel Text. Die früheren Hardcover-Romane hatten ca 700 bis knapp 1000 Seiten, und auf jeder Seite steht fast doppelt so viel Text. Da ist es klar, das es beim Büchlein "Endwar" keine Möglichkeit gibt, Charaktere zu entwickeln oder die offenbar dramatischen historischen Ereignisse und Entwicklungen darzustellen. Das stört ohnehin nur. Was ausführlich geschildert wird, das ist das Rumgeballere. Schade ums Geld, und schade um die Zeit.
Adieu, Tom Clancy. Es gab mal eine richtig gute Zeit...