Steve Toltz Debut erinnert nicht ganz von ungefähr ein wenig an Marisha Pessls Special Topic in Calamity Physics. Ambitioniert, verspielt, wortgewaltig arbeitet auch Toltz sich an einer skurrillen Vater/Kind-Geschichte ab, die über Kontinente, Generationen und sämtliche erzählerische Finessen hinwegführt. Die Geschichte des hochintelligenten, aber menschenscheuen und seltsamen Martin Dean wird von seinem Sohn Jasper erzählt, aus der eigenen Erinnerung, aus Tagebüchern, aus Briefen, in einer kaum zusammenzufassenden Eskalation bizarrer Eingebungen und Eskapaden, aus denen man ohne weiteres auch drei Bücher hätte machen können, allein die Geschichte von Terry und Martin Dean wäre einen eigenen Band wert gewesen. Auf fast 800 Seiten und in einem wahren Meer von Subplots diesen furiosen Schreibstil homogen durchzuhalten ist nahezu unmöglich und so gibt es ohne Zweifel einige Stellen im Buch, wo Toltz das Tempo oder die Richtung und auch mal den Faden seines ohnehin nie ganz tighten Plots verliert, aber nie den Witz, die Verve oder das Händchen für das stets wartende herzzerbrechende nächste Desaster, das nahezu unweigerlich aus Martin Deans Ideen entsteht. Seine Leser führt Toltz auf eine atemlose Reise, vorbei an schillerndsten Figuren, am Handbuch für das perfekte Verbrechen, an Europa, durch Gefängnisse, StripClubs und Gangsterlager in Thailand, an zerschellenden Liebesbeziehungen und dem vielleicht dysfunktionalsten Vater/Sohn-Gespann in der Literaturgeschichte, durch zahllose Plot-Loops, die nahezu hysterisch aufeinandergetürmt sind und durch einen wahren emotionalen Sturm, der mal zum Weinen lustig, mal einfach nur zum Weinen ist. Das Buch ist im besten Sinne stürmisch und wechselt nahezu freihändig zwischen langen, dichten Passagen, die Jaspers oder Martins parforce Ritt durch eine unterm Strich doch recht misanthrophische Philosophie voranbringen und einem leichtfüßigen, fast an John Irving erinnernden Erzählstil, der abstrakterweise oft genau dann einsetzt, wenn die eigentlich Handlung am düstersten und morbidesten ist, etwa wenn Martins langjähriger «Freund» Eddie ein ganzes Dorf vergiftet, um endlich in die Fußstapfen seines Vaters als Arzt treten zu können. A Fraction of The Whole wird dem Titel mehr als gerecht ' das Buch ist ein Cocktail aus Einzelteilen, die ihre Geschichte aus verschiedensten Perspektiven beleuchten und eben doch nie wirklich ein ganzes Bild ergeben. Jede der Figuren hat ihre eigene Geschichte in diesem Buch, jede Seite hat ihren eigenen besonderen Satz, der mehr als einmal wirklich bemerkenswert ist, jedes Kapitel schillert in anderen Farben, man hat nie das Gefühl, sich durch einen dicken Wälzer kämpfen zu müssen ' obwohl man in der Tat recht lang an Fraction of a Whole liest, weil das Buch zwar wie eine Fata Morgana sehr leichtfüßig scheint, aber nicht immer leicht ist und zahlreiche Passagen und Zusammenhänge hat, die man sich auch erarbeiten muss, zumal unter dem Wirbelsturm der Handlung auch eine religiöse und philosophische Betrachtung mitstattfindet.
Fraction ist ein besonderes Buch, ein besonderes Buch, über das man sich gelegentlich ärgert oder in dem man nicht vorwärts kommt, das man aber ebenso oft kaum aus der Hand legen mag, weil man im Sog der skurrilen Handlung und im Bann der faszinierenden Figuren gefangen ist. Die Sorte Buch, bei der man sich mittendrin irgendwann besorgt fragt, ob der Autor diese Wucht, diese Energie noch ein zweites Mal hinkriegt, ohne sich zu wiederholen ' denn hier sind mindestens Ideen für zehn Bücher verpulvert, als gäbe es kein Morgen mehr. Bleibt zu hoffen, dass Toltz in Sydney längst an seinem zweiten Buch werkelt, das hoffentlich genau so funkelnd, glühend, düster und grell ausfällt.