Ich weiß nicht, wie ich diese neue Curtis-Produktion bewerten soll. Und das meine ich wirklich ehrlich... Sie klingt eigentlich exakt genauso wie alle Vorgänger, d.h. sie ist jenen wärmstens zu empfehlen, die Cutis' "Floridante", "Fernando", "Radamisto" etc. mögen. Alle diese Aufnahmen sind eigentlich fast beliebig austauschbar - ich könnte jedenfalls den Unterschied allenfalls an der Sängerbesetzung feststellen, aber ich bin auch nur eine Laie, der Curtis' Zugang zu den Werken vielleicht einfach nur nicht versteht. Auf jeden Fall kann nicht allein der Komponist für die Ähnlichkeit der Aufnahmen verantwortlich gemacht werden - denn es gibt ja schließlich den kürzlich erschienenen "Amadigi" unter Banzo. Dieser unterscheidet sich so sehr von Curtis' Herangehensweise, dass man fast den Eindruck hat, es handele sich um gänzlich unterschiedliche Komponisten. Und mir persönlich gefällt Banzos dynamisch-expressive Herangehensweise um Lichtjahre besser als Curtis nüchtern-akademischer Stil, der immer recht trocken wirkt. Aber das ist vermutlich Geschmackssache...
Ich habe jedenfalls selten etwas Langweiligeres als die erste CD der vorliegenden Produktion gehört: einlullend, monoton, trocken und nahezu frei von Highlights. Und dies bei der hochklassige Sängerbesetzung, die der Banzos sicherlich überlegen ist.
Ich stehe mit meinem recht harten Urteil übrigens nicht (ganz) allein dar: Eine Freundin von mir, die ein Barock-Neuling ist, urteilte nach dem ersten Hören der CD spontan, dass sie nie gedacht hätte, dass Händel so langweilig sein könnte.
Zur Ehrenrettung der Aufnahme: CD 2+3 sind deutlich besser als die erste, denn hier kommt ansatzweise so etwas wie Dramatik auf und die Sängerinnen können (mit Einschränkung) ihre Trümpfe ausspielen...
Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass für andere Barock-Projekte eine derartig hochkarätge Besetzung zur Verfügung stehen würde. Wer weiß, vielleicht nimmt sich ja ein anderer nochmals des Werkes an und entwirft eine alternative Interpretation.
Fazit: Wer Curtis liebt, sollte diese Aufnahme unbedingt besitzen, denn sie ist ein "echter Curtis"; alle anderen, die einen expressiveren (moderneren?) Zugang zu Händels Werk bevorzugen, rate ich dringend zu Banzo (Amadigi), Jacobs (Rinaldo) oder mal zu einem ganz anderen Barock-Komponisten (Vivaldi, Hasse, Graun).