Ich will ehrlich sein: Zunächst hatte ich, als ich diesen Band beim Buchhändler in die Hand nahm, erwartet, dass es mal wieder einer der mittlerweile schon recht zahlreichen Bände mit Kurzgeschichten "zu Ehren J.R.R. Tolkiens" sein würde. Als ich das Buch jedoch aufschlug und ein wenig darin blätterte, stellte ich erstaunt fest, dass ich mich getäuscht hatte.
Denn "Tolkiens Zauber" enthält keine Kurzgeschichten, sondern setzt sich vielmehr aus über fünfzehn Essays verschiedener Fantasy-Autoren zusammen.
Doch Moment!
Das ist nicht annähernd so öde wie man nun vielleicht denken mag. In der Tat ist es sogar erstauntlich interessant und fesselnd. Immerhin lassen uns hier einige der größten Fantasy-Autoren überhaupt - Terry Pratchett, Robin Hobb, Ursula K. Le Guin, Poul Anderson - einen direkten und unverfälschten Blick in ihre Köpfe machen. Sie berichten ausführlich darüber, wie sie dem Phänomen Tolkien zum ersten Mal begegneten, inwiefern sie diese Begegnung prägte, welchen Einfluss sie für ihre spätere berufliche Laufbahn - der des Schriftstellers - hatte und wie Tolkiens Werke in der damaligen und der heutigen Zeit angenommen wurden und werden. Zustäzlich werden einige mal amüsante, mal brisante und erstaunliche Anekdoten erzählt, und es werden spannende Thesen aufgestellt, etwa darüber, warum der HdR von vielen Literaturkritikern verachtet wird oder worin eigentlich genau die Faszination des Gesamtkunstwerks Mittelerde begründet liegt.
Was aber dieses Buch vor allem so faszinierend macht, ist die vollkommen unterschiedliche Art und Weise, mit der die Schriftsteller das Gleiche Thema angehen, nämlich zu beschreiben, was Tolkiens Schaffen für sie bedeutet: Terry Pratchett setzt sich in seinem gewohnt gestochen-scharfen, sarkastischen, einfach einmaligen Stil mit der Bedeutung des Wortes "Kultbuch" in Bezug auf den HdR auseinander; Ursula K. Le Guin erläutert auf eine fast schon wissenschaftlich-exakte Weise - ohne jedoch dabei langweilig zu werden - die rhythmischen Strukturen des Tolkienschen Schreibstils; Robin Hobb weiß von einer Suche zu berichten, die sie - zusammen mit unzähligen anderen Tolkien-Lesern - seit dem Augenblick, an dem sie den "Herrn der Ringe" zu Ende gelesen hatte, durchführt, ohne sie wohl je beenden zu können; Orson Scott Card denkt über den Begriff "Analogie" und über die Gründe dafür nach, warum Tolkiens Werk in keiner Hinsicht allegorisch zu sehen ist.
Ergänzt werden diese prominenten Autoren durch einige hier in Deutschland zur Zeit leider noch fast gänzlich unbekannte Schriftsteller, von denen ich mir aber, nachdem ich ihre Essays gelesen habe, wünsche, dass ihre Werke demnächst auch auf Deutsch erscheinen.
Enttäuscht bin ich nur über den Beitrag G.R.R. Martins, dessen lediglich drei Seiten kurze Einleitung den Charme vermissen lässt, durch den sich die übrigen Beiträge auszeichnen: Er geht in keiner Weise auf seine ganz persönliche Beziehung zu Tolkien und zur Rolle die derselbe in seinem Leben gespielt hat, ein. Vom Schöpfer der grandiosen "A Song of Fire and Ice"-Serie hätte ich mir mehr erwartet.
Eine kleine Anmerkung sei zur Präsentation gemacht: Über zwanzig allesamt ganz hervorragende Illustration des bekannten Mittelerde-Zeichners John Howe verschönern die Buchseiten und bezaubern den Leser mit ihrem ganz eigenen Charme.
Kurzum: Ich empfehle dieses überraschend unterhaltsame Buch all jenen, die hoffnungslos der Fantasy verfallen sind, die den HdR innig verehren und für immer gänzlich von Mittelerde eingenommen wurden.