Warum nur musste der Verlag (erst Heyne, jetzt Piper) versuchen, diese Anthologie auf der Tolkien-Welle zu verkaufen? Damit wurde lediglich erreicht, dass der Band Tolkiens Lesern in die Hände fällt, die ihn aufschlagen und enttäuscht feststellen, dass er keine einzige Zeile aus der Feder des Meisters enthält.
Nein, so geht's einfach nicht. Mit einem vernünftigen Titel (ohne das T-Wort) böte diese Anthologie einen gut brauchbaren Überblick für Leser, die sich mit dem Gedanken tragen, in die Fantasy vor, neben und jenseits von Tolkien einzusteigen. Brauchbar, obwohl sämtliche Beiträge bereits in Deutschland erschienen sind (mit Ausnahme von Esther M. Friesners "Grausputz", glaube ich). Viele der Bände, aus denen die Beiträge stammen, sind jedoch momentan vergriffen und höchstens im Antiquariat erhältlich. Wer also kein langjähriger Leser und Sammler von Fantasy ist, dem sei zu diesem Band geraten.
Das Vorwort von Erik Simon und Friedel Wahren, den Herausgebern, ist nicht ganz so überflüssig, wie es die Vorwörter solcher Anthologien normalerweise sind, andererseits aber auch nicht wirklich notwendig. Der Inhalt von "Tolkiens Erbe" ist dreigegliedert, wobei der erste Teil Tolkiens Zeitgenossen, der zweite Teil seinen Erben und der dritte Teil den Tollkühnheiten, also den Parodien, gewidmet ist. Diese Einteilung ist im Grunde ebenso unpassend wie der Titel, aber was soll's.
Es geht los mit Lord Dunsanys "Die Zwingburg so keiner bezwingt denn Sacnoth das Schwert" (jawoll, richtig gelesen!). Dunsany, unberechtigterweise in der Vergessenheit versunkener Klassiker der Fantasy, war im Grunde kein Zeitgenosse, sondern ein Vorläufer Tolkiens, da viele seiner besten Geschichten schon längst erschienen waren, als Tolkien gerade zu schreiben begann (und an eine Veröffentlichung nicht mal zu denken wagte). "Sacnoth das Schwert" ist seine vielleicht beste Geschichte überhaupt, voller Wortmagie und skurriler Einfälle. Hier ist sie, wie es sich gehört, in der Übersetzung von Friedrich Polakovics enthalten. In dieser Form erschienen ist sie erstmals in der Dunsany-Kompilation "Das Fenster zur anderen Welt", die vom Insel-Verlag (später von Suhrkamp) herausgegeben wurde und leider nur noch antiquarisch erhältlich ist. Im Grunde muss man zu diesem Klassiker keine großen Worte verlieren, außer vielleicht: Wer wissen will, woher Autoren wie Lovecraft, Bloch, Gaiman und viele andere ihre Inspirationen haben, sollte Dunsany lesen.
Gefolgt wird der Lord von einem Kapitel aus E.R. Eddisons "Wurm Ouroboros" Dieses monumentale Werk ist 1926 erschienen und hat den jungen Tolkien mächtig beeindruckt, wenn er ihm auch nicht unkritisch gegenüberstand. Einmal ist es also gerechtfertigt, dass unsere Anthologie das T-Wort im Titel trägt. Leider steht das einzelne Kapitel aus einem Roman mit dichtgewebter Handlung hier recht zusammenhanglos dar, und zudem handelt es sich um die ältere deutsche Übersetzung von Reinhard Heinz, die der hochoriginellen, archaisierenden Kunstsprache des Originals nicht gerecht wird. Wer den "Wurm" noch nicht kennt, dem sei dringend geraten, dieses Kapitel hier einfach zu überblättern und zum Original oder zu der gelungenen Übersetzung von Helmut W. Pesch zu greifen, um den Roman einfach von vorne an durchzulesen.
Weiter geht's mit Tolkiens (vermeintlichen) Erben. Da ist zunächst Stephen R. Donaldson mit "Tochter der Könige", einer Erzählung, die bereits in der gleichnamigen Donaldson-Anthologie von Heyne veröffentlicht wurde. Donaldson ist zwar von Tolkien stark beeinflusst, wurde aber hauptsächlich mit seinen "Chroniken von Thomas Covenant dem Zweifler" bekannt, die mehr oder minder ein direkter Gegenentwurf zu Tolkien sind. Die hier enthaltene Geschichte gefällt ganz gut und vermeidet Fantasyklischees.
Es folgt Jack Vance mit "Liane der Wanderer", einer Geschichte aus dem Sterbende-Erde-Zyklus. George R.R. Martin sagte, dass sich praktisch sämtliche heutigen Fantasywelten auf drei Vorläufer zurückführen lassen: Robert E. Howards Hyborisches Zeitalter, Tolkiens Mittelerde und Vance' Sterbende Erde. Recht hat er - aber nicht nur das, Vance ist einfach ein Genie der Erzählkunst. Als aktueller Autor ist neben George R.R. Martin vor allem China Miéville stark von ihm geprägt.
Dann wäre da der polnische Autor Andrzej Sapkowski, ein Newcomer in Vergleich zu all den Schwergewichten in dieser Anthologie. Seine Aufnahme ist wohl dem Herausgeber Erik Simon zu verdanken, der sich um die osteuropäische SF und Fantasy sehr verdient gemacht hat. "Die Grenze des Möglichen" ist eine von Sapkowskis Geschichten um den Hexer Geralt, die auf postmoderne Weise von Anspielungen auf Klassiker wie Tolkien oder Moorcock gespickt sind. Genre-Einsteigern, für die "Tolkiens Erbe" hauptsächlich geeignet ist, wird es wohl eher schwer fallen, die zahlreichen Bezüge zu erkennen. Andererseits vielleicht eine nette Möglichkeit, sich mit den Klassikern bekannt zu machen? "Die Grenze des Möglichen" stammt übrigens aus dem zweiten Geralt-Band, der meines Wissens derzeit nicht aufgelegt wird, aber 2008 von dtv wiederveröffentlicht werden soll.
Kommen wir zu Michael Moorcock, der mit der Elric-Geschichte "Könige in Dunkelheit" vertreten ist. Auch die Elric-Geschichten dürften momentan nur antiquarisch erhältlich sein, obwohl sie eigentlich mit dem restlichen Fantasyprogramm des Heyne-Verlags an Piper verkauft worden sein müssten. Moorcock, so er denn gehört hat, dass er in einer deutschen Anthologie zum Erben Tolkiens erklärt worden ist, wird bei dieser Nachricht wohl in die Luft gegangen sein. Der Linksanarchist Moorcock führte bereits vor Jahren eine wütende Attacke gegen die Dominanz des christlich-konservativ geprägten Tolkien in der Fantasy. Auch hier erweist sich also wieder einmal die Fragwürdigkeit unseres Titels. Macht nichts, Elric von Melniboné ist einer der originellsten Helden der Rübe-ab-Fantasy und hier mit einer gelungenen Story vertreten.
Als nächstes haben wir da "Die Tochter des Magiers", eine von Tanith Lees Flache-Erde-Geschichten. In meinen Augen eines der besten Werke einer Autorin, die längst nicht nur Gold veröffentlicht hat. "Die Tochter des Magiers" überstrahlt so einiges, was an mediokrer Ware aus Lees Feder geflossen ist.
Barrington J. Baileys "Schiff des Unheils" stammt von einem Autor, der wie Moorcock oft als Referenz für die antitolkienische Tradition der Fantasy angegeben wird. Wiederum ist also Rätselraten angesagt, warum ein solcher Autor zum Erben Tolkiens erklärt wird. Zum Beitrag: Mir gefällt's nicht so besonders, da in meinen Augen zu wenig eigenständig und etwas zu stark von Poul Anderson und Michael Moorcock beeinflusst.
Ursula K. Le Guins "Drachenkind" ist der letzte Beitrag in dieser Sektion. Die Erzählung stammt ursprünglich aus der Anthologienreihe "Legends", die Novellen aus besonders beliebten Fantasywelten (in diesem Fall Le Guins Erdsee) versammelt, welche eigens für "Legends" verfasst werden. "Drachenkind" ist in unserem Band hier aber sehr ungeschickt platziert, da kaum verständlich für Leser, die die Welt von Erdsee nicht kennen.
Die letzte Sektion, also die Tolkien-Parodien, ist schnell abgehandelt. Das Kapitel aus "Der Herr der Augenringe" und Esther M. Friesners "Grausputz" sind ob ihres platten Humors vollkommen überflüssig. Und zu dem Kapitel aus Terry Pratchetts "Farben der Magie" lässt sich eigentlich nur sagen: Lieber gleich den ganzen Pratchett-Roman lesen.