Mo Hayders „Tokyo" führt uns Leser in zwei Welten. Einerseits in die des Jahres 1937 in Form von Tagebuchaufzeichnungen eines Betroffenen des Nanjing Massakers, andererseits erleben wir die Geschichte der jungen Grey, die aus persönlichen Gründen, zu eben diesem Massaker im Tokio des 21. Jahrhunderts recherchiert. Greys Motivation erscheint dabei etwas unüberzeugend und dass beide Welten ineinander verwoben sind, steht bereits zu Beginn fest und auch das erscheint zugegebenermaßen etwas weit hergeholt. Aber, all das stört kurioserweise nicht im geringsten. Ich erwarte von einem Thriller keine belletristischen Finessen, sondern gut gemachte, spannende und fesselnde Unterhaltung. Und genau das ist Hayder mit diesem Buch m. E. herausragend gelungen. Dass die Taten der japanischen Armee und der andren „Bösewichter" Ekel auslösen, ist unbestritten, aber ich denke, es ist weniger die Schilderung dieser Perversitäten, als vielmehr Hayders Gabe, mittels kleinster Details eine z. T. unerträgliche Spannung zu erzeugen, sei es auch nur durch die Art und Weise, wie sie ihre Figuren sich bewegen lässt, oder die Darstellung des klassischen „Versteckspiels". (Man denke an „The treatment" und die Situation, in der das Opfer, versteckt und gleichzeitig gefangen im Schrank, das Schnüffeln des Täters entlang der Schranktür vernimmt...) Dahingehend übertrifft das Buch, denke ich, seine Vorgänger. Ich kann sagen, ich habe mich gegruselt wie lange nicht mehr, ich konnte das Buch nur ungern aus der Hand legen und ich frage mich: Was will man von einem Thriller mehr? Als angenehm informierenden Nebeneffekt empfand ich Einblicke in den chinesischen Aberglauben und eben auch in die grausame Geschichte des Nanjing-Massakers. Auch hier könnte man einwenden, der Umgang mit diesen Themen erfolge partiell zu oberflächlich, aber eine tiefgehende Auseinandersetzung erwartet m. E. das Genre und wohl auch der Krimileser nicht...