Der deutsche Journalist Finn Mayer-Kuckuk (Handelsblatt) hat Japanologie und Sinologie studiert und später einige Jahre in Japan gearbeitet. Seine Erlebnisse hat er nun in einem amüsanten Buch verarbeitet, das einen sympathischen, kurzweiligen und stellenweise auch durchaus nachdenklichen Einblick in den japanischen Alltag und das Selbstverständnis der Japaner bietet. Von ihrem Umgang mit Ausländern über den Besuch von Restaurants, öffentlichen Bädern und Sportveranstaltungen, von Kriminalität und Obdachlosigkeit bis hin zu Vergnügungsparks und der komplizierten Suche nach dem Partner fürs Leben beleuchtet Mayer-Kuckuk eine Vielzahl von Themen, wobei das eine oder andere naturgemäß nur knapp angerissen werden kann.
Nicht alle seiner Beobachtungen kann ich anhand meiner eigenen (deutlich kürzeren) Zeit in Tokio bestätigen, aber das ist kaum verwunderlich. Nicht nur, dass ohnehin jeder mit einem ganz eigenen Blick durch fremde Welten wandelt, speziell beim Reiseland Japan gehen die (sich oft in Verhaltensratgeber und Benimmbüchlein niederschlagenden) Beobachtungen über heimische Sitten und Regeln (und ihre aktuelle Bedeutung!) häufig recht weit auseinander. So liest man über die in Japan gebräuchlichen Gastgeschenke oft, dass es überaus unhöflich sei, selbige in Gegenwart des Schenkers auszupacken, weil dies als Zeichen von Gier gelte. Während meines beruflichen Aufenthaltes in Tokio und Yokohama habe ich bestimmt an die einhundert Geschenke verteilt, wobei sich der eine oder andere meiner Gesprächspartner herzlich wenig um diese vermeintlichen Benimmregeln kümmerte und das Geschenk sofort an Ort und Stelle öffnete. Lächeln musste ich bei Mayer-Kuckuks Ausführungen über das überschwängliche Lob, das ein Ausländer erntet, wenn er auch nur halbwegs mit Stäbchen essen kann. In der Tat war dies auch bei etlichen meiner dortigen Mahlzeiten ein äußerst beliebtes Gesprächsthema.
Nachdenklich stimmen nicht nur die Schilderungen des Autors seiner Begegnungen mit Obdachlosen oder der - auch in der japanischen Presse heftig diskutierten - Verurteilungen aufgrund falscher Geständnisse, sondern auch das von ihm beschriebene Muster einer näheren Beschäftigung mit Japan. Der Idealisierung, so der Autor, folge häufig die Desillusionierung und dann die Normalisierung. Eine Enttäuschung sei also nahezu unvermeidlich. In jedem Fall hatte ich bei meinem ersten längeren Aufenthalt in Japan vor einigen Jahren die Phase der Idealisierung erreicht, erschien mir der Alltag zwischen Sushi und Spa LaQua, Japan Times und Koishikawa Korakuen, Shibuya und Shinjuku, die Kombination aus traditioneller japanischer Lebensweise und amerikanischen Einflüssen derart reizvoll, dass ich voller Neid auf den britischen Autor David Peace blickte, der etliche Jahre in Tokio lebte. Nun wird abzuwarten bleiben, ob ich früher oder später auch die zweite Phase, die der Desillusionierung , erreiche. Bei der einen oder anderen Schilderung Mayer-Kuckuks habe ich mich übrigens bei der Frage ertappt, ob er seine Rolle als übereifriger Ausländer, der alles richtig machen will, nicht ein wenig übertreibt oder zumindest doch übertrieben darstellt (etwa, wenn er schildert, dass er Tetrapaks auswusch und zum Trocknen an die Wäscheleine hängte). Denn ich habe den Alltag in Tokio vielfach ungezwungener erlebt als hierzulande oft angenommen. Aber das sei dem Autor nachgesehen, weil sein Blick auf dieses wunderbare und reizvolle Land stets warm und nie überheblich ist. All jene, denen das Buch zu kurz war, seien auf seinen Blog "Tokio total" verwiesen, der als ergänzende Lektüre gut geeignet ist, obgleich Mayer-Kuckuk inzwischen in Peking arbeitet.
Fazit: Eine unterhaltsame und kurzweilige Lektüre für alle, die mehr über den Alltag in Japan erfahren möchten. Wer eine Reise nach Tokio plant, dem sei als Hauptvorbereitung der sehr gute Reiseführer
Tokyo mit Kyoto und Yokohama von Martin Lutterjohann empfohlen.