David Peace schreibt Kriminalromane, die keine Kriminalromane sind, und er schreibt Thriller, die keine Thriller sind. Nichtsdestoweniger sind seine Werke, die nur schwer zu qualifizieren sind, spannend. Seine ersten Bücher befassten sich im Red Riding Quartet" mit dem Yorkshire Ripper (1974", 1977", 1980" und 1983") und sind mittlerweile von unterschiedlichen Regisseuren als Serie verfilmt worden. Die Fortsetzung findet der Yorkshire Ripper in einer Tokio-Trilogie, deren erster Band Tokio im Jahr null" (Heyne 67531 - Tokyo Year Zero", 2007) ist. Die Kulisse: Tokio nach der Kapitulation, Häuserruinen, zerstörte Infrastruktur, zerbombte Produktionsanlagen, Hunger, Armut, Angst, verzweifelte Menschen, Besatzungssoldaten, Yakuza, Korruption und Schwarzmarktgeschäfte. Der Plot (offenbar auf einer wahren Begebenheit beruhend): Ein bereits einmal wegen mehrere Morde in den 30er- und 40er-Jahren in China (während des Krieges von Japan gegen China) und Japan verurteilter Serienmörder, der während des 2. Weltkrieges freikam, setzt seine Mordserie fort. Inspektor Minami von der Tokioter Polizei wird mit der Aufklärung betraut. Der Inspektor: In der Hierarchie ist Inspektor Minami ziemlich weit unten, obrigkeitshörig und korrupt, was ihn für Intrigen innerhalb der Tokioter Polizei angreifbar macht. Er ist der Ich-Erzähler und hat nach vielen Seiten den Täter identifiziert, doch im Zuge der Ermittlungen musste auch er sich seiner persönlichen Geschichte stellen, die er verdrängt hat. Und diese Geschichte beinhaltet eine schwere Schuld. Der Stil: Ungewohnt. Kurze, nüchterne Sätze reduziert auf das Wesentlichste. Immer wiederkehrende (japanische) Worte. Ton-ton, Ton-ton, Ton-ton ... das Hämmern (der Gedanken); Chicu-taku, Chicu-taku, Chicu-taku ... das (rasche) Vergehen der Zeit; Gari-gari, Gari-gari, Gari-gari ... das Jucken und Kratzen (der Gedanken?). Wird bald nervend. Viele (zu viele?) handelnde (japanische) Personen mit Namen, die man leicht durcheinander bringt. Kurzum, die Schreibweise von David Peace unterscheidet sich total von der anderer Autoren. Die Quintessenz: Harter Realismus in Zeiten wo nichts als das (Über)Leben Wert hat. Niemand ist der, der er vorgibt zu sein. Alles in allem ein spannendes, zum Teil verwirrendes, nicht einfach zu lesendes Buch, das nicht von allen potentiellen Lesern, die in Tokio im Jahre null" einen Kriminalroman/Thriller erwarten, goutiert werden dürfte.