"Fang nie was mit einem Spieler an. Vielleicht macht er das große Geld, aber er verspielt sein ganzes Glück. Das Leben ist lang. Menschen sterben nicht so leicht. Wirklich gewinnen tut, wer ein anspruchsloses und bescheidenes Leben lebt."
Das waren die Worte meiner Mutter, als die Geschichte mit Bogey begann.
Bogey war der Kosename, den ich ihm gab, als wir zum ersten Mal aus waren und er mir in dem dämmrigen Kerzenlicht einer Bar gegenübersaß und aus irgendeinem Grund eine Szene aus Casablanca vorspielte:
"Gestern Abend? Das ist so lang her, das hab ich vergessen", sagte er und blies den Rauch seiner Zigarette in zwei Schwaden durch seine beiden Nasenlöcher.
"Nennen Sie mich einfach Bogart", sagte er scherzhaft, und so war sein Name entstanden.
Hat der große Nasenlöcher, dachte ich, und dann fiel mir dieser Spruch ein: Männer mit großen Nasenlöchern sind Geldverschwender. Genau, dachte ich.
Aber er sieht gut aus, und irgendwie ist er lustig und süß, dachte ich weiter, und da platzte es unwillkürlich aus mir heraus:
"Mm! Bogey würde besser zu Ihnen passen, finden Sie nicht?"
"Bogey, meinen Sie?" Er lachte. "Das ist witzig."
Bogey und ich passten von Anfang an zueinander, wir waren ein Paar, das "emotional übereinstimmte", wie er sagte.
Für mich war Bogey das Gleiche wie für Linus bei den Peanuts die Schmusedecke: das Liebste auf der Welt, dessen Fehlen mich unruhig werden ließ, etwas, das mich wärmte, von dem ich mich nur schwer trennen konnte und das ich am liebsten überall mit hin mitschleppte. Meine Kuscheldecke Bogey, das schönste Gefühl auf meiner Haut. Der Name traf meine nur schwer zu beschreibende Liebe perfekt.
Dass sich diese Decke später einmal wie ein nasser Sack anfühlen würde, hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Ich war erst neunzehn, Bogey fast vierzig. Und er war ein großer Spieler.
Meine Mutter stammte aus einer einst wohlhabenden Bauunternehmerfamilie, in der es auch mal unlauter zugegangen war, deshalb kannte sie sich in solchen Dingen aus. Mein Großvater muss eine respektable Figur gewesen sein; er hatte sein Unternehmen von null an aufgebaut, doch seine Söhne - also meine Onkel - waren, wie oft bei Kindern aus reichem Elternhaus, entsetzliche Tunichtgute, die ein ausschweifendes Leben führten und das ganze Geld verprassten.
In einer Zeit, in der Luxus als verwerflich galt, amüsierten sie sich mit Geishas, zeugten uneheliche Kinder und spielten um Geld. Sie führten das Leben von
Dandys, liebten gutes Essen und besaßen eine der drei in Japan existierenden Harley Davidsons, sie tranken, nahmen Drogen, hatten Geschlechtskrankheiten und waren wegen einer Liebesaffäre sogar in einen Mordversuch verwickelt. ... Sie taten all das, was seriösen Menschen fremd ist.
Mein Großvater starb, und mein Onkel Keizö, der ihn im Unternehmen ablöste und eine prächtige Tätowierung auf dem Rücken trug, brachte mit seiner Spielsucht das gesamte Vermögen meiner Großeltern durch.
"Wegen Keizös Spielschulden ist dann alles beschlagnahmt worden, die Fabrik und unser Elternhaus. Deswegen war ich in meiner Jugend auch so arm. Selbst die Steine und Pflanzen im Garten haben sie nach und nach weggetragen, und auch die Kimonos meiner Großmutter wanderten zum Pfandleiher. Als ich mit zwanzig bei uns zu Hause anrief, war jemand anderes am Telefon. Hallo, hier Mikawaya, meldete sich eine Stimme. Ich dachte zuerst, ich hätte mich verwählt, und habe es immer wieder probiert, aber... Da kommt man doch nicht drauf, dass sie sogar den Telefonanschluss verkaufen, oder?!"
Da meine Mutter zu Zeiten des Untergangs dieses Hauses groß geworden war, war sie fest entschlossen, selbst ein ordentliches Leben zu führen. Sie wollte unabhängig sein, damit sie sich niemals, was auch passieren mochte, um Geld zu sorgen brauchte. Damals gehörte es sich einfach nicht für eine Frau zu arbeiten, und da sie nicht studiert hatte, war sie in ihrer Auswahl der Jobs beschränkt.
"Ich wäre gern Anwältin geworden, weißt du. Ich habe Onkel Keizö gebeten, studieren zu dürfen, aber er fand, es reichte, wenn Frauen in der Küche Kartoffeln schälten ."
Meine Mutter hatte resigniert und sich eine Anstellung gesucht und war schließlich Außendienstmitarbeiterin bei einer führenden Versicherungsfirma geworden. Ihre Devise lautete: Führe ein ordentliches und kultiviertes Leben, mache auf keinen Fall Schulden und bekomme niemals etwas mit der Polizei zu tun.
Obwohl mein Charakter in seinen Anlagen zutiefst verdorben war, wuchs ich also notgedrungen zu einem braven Mädchen heran.
Ich lernte Klavier spielen, Englisch und Ölmalerei, alles Dinge, die ich nicht lange fortführen würde, und ich beherrschte nichts von dem, worin meine eigentliche Stärke lag, all diese aufregenden Dinge, die man als Übergangsriten frühreifer Kinder bezeichnen kann: Ladendiebstahl, heimlich rauchen, Alkohol, Männer, Lösungsmittel schnüffeln oder bei einer Motorradgang mitmachen. Ich wuchs zu einem Kind heran, das weder lügen noch schummeln konnte. Wenn ich etwas anstellte, reagierte mein Vater weich wie immer, während meine Mutter mich schlug und so streng war, dass sie mich zur Strafe auch an ein Pferd gebunden und durch die Wüste hätte schleifen lassen.
Und dann, in meiner Mittelschulzeit, verschwand mein zärtlicher Vater plötzlich.
Er war in einer Firma angestellt und hatte keine großen Aufstiegschancen, und während meine Mutter als Kundenwerberin in der Versicherungsgesellschaft erstklassige Leistungen erbrachte und schnell viel Geld verdiente, wurde mein Vater zusehends jämmerlicher. Zu Hause stand er unter dem Pantoffel seiner Frau und seiner ihr darin absolut ähnlichen vorlauten Tochter. Er begann eine ausweglose Liaison mit der Mama-san seines Stammlokals, die ihrerseits wohl einen Zuhälter hatte, und schließlich machten sich die beiden nach langem Hin und Her aus dem Staub.
Ich hätte es schick gefunden, wenn sie nach Südamerika abgehauen wären, aber wie mir zugetragen wurde, halten sie sich noch immer in der Präfektur Köchi versteckt. Meine Mutter hat ihnen nicht nachgespürt.
"Besser so, ohne deinen Vater. Dann leben wir beide eben zusammen."
Meine Mutter konnte gut verzichten. Manchmal hatte ich das Gefühl, als hätte ich einen Schwulen zur Mutter.
Damals war ich noch zu jung und verstand nicht richtig, was vor sich ging.