»Sadamichi Hirasawa aus Hokkaido hält zwei makabre Weltrekorde: Er ist der älteste bekannte Gefängnisinsasse - nunmehr 93 Jahre alt; er hat vermutlich länger als je ein anderer Mensch in der Todeszelle auf den Henker gewartet - nunmehr über 30 Jahre.«
So beginnt ein Artikel des Spiegels aus dem Jahr 1985 über einen Mann, der zum Mörder wurde, obwohl er keiner ist. Ein Mann, dem David Peace jetzt ein literarisches Denkmal setzt.
Mit Teil 2 seiner Tokio-Trilogie liefert der Brite ein Meisterwerk ab, wie es es in der Krimi-Literatur kein zweites Mal gibt. Es geht um die Wahrheit und die Suche nach dieser, in einer besetzten Stadt, die kein Gesicht, keine Identität mehr hat und deren Lügen die Straßen wie die Herzen einer Nation vergiften.
»Tokio, besetzte Stadt« ist der Titel und voll grausamer Schönheit die anschließenden 352 Seiten.
An einem kalten Tag im Januar 1948 betritt ein Mann die Zweigstelle der Teikoku Bank im Viertel Shiinamachi, Tokio. Er weist sich als Amtsarzt aus und erklärt dem stellvertretenden Filialleiter, dass es in der Nachbarschaft einen Fall von Ruhr gegeben habe und er vom Gesundheitsministerium beauftragt worden sei, alle Mitarbeiter zu impfen. Die sechzehn anwesenden Bankange¬stellten folgen seinen Anweisungen und trinken die verabreichte Flüssigkeit. Zwölf von ihnen sterben sofort, die anderen vier werden bewusstlos. Der Mann raubt nur einen Teil der Geldvorräte und verschwindet spurlos.
Es beginnt die größte Verbrecherjagd in der Geschichte Japans ...
... an deren Ende Hirasawa Sadamichi steht.
Peace bedient sich eines literarischen Kniffs, dessen Kunst schon vor Jahrhunderten in Japan angewandt wurde: Die Magie der Geistererzählung. Er zündet 12 Kerzen an, aufgebahrt in einen okkulten Kreis. Jede Kerze gehört zu einer Person, einem Geist, der eine Geschichte erzählt, wo sich die empfundene Wahrheit eine eigene Sicht der Dinge spinnt. Nach jeder Geschichte erlischt eine Kerze, bis am Ende die Dunkelheit triumphiert und das Spektakel des Verbrechens in einem finalen Crescendo ans Licht befördert wird.
Hirasawa Sadamichi ist als vermeintlicher Mörder einer Kerze zugehörig, die anderen Kerzen gehören den Opfern des Giftmordanschlags, einer Überlebenden, einem Kriminalbeamten, einem Amerikaner, einem Trittbrettfahrer, einem Journalisten, einem Politiker, einem Russen, einem Inspektor, dem tatsächlichen Mörder und der Mutter eines der Opfer. Garniert und erlebt wird das Ganze in der Haut eines namenlosen Schriftstellers (vielleicht David Peace himself), der in Tokio auf schauerliche Weise mit den Fall konfrontiert wird, ja selbst Leichen im Keller hat.
David Peace bleibt seiner Linie treu, die Anfang des Jahrhunderts in Yorkshire seinen Anfang nahm (beim Red Riding Quartett). Er nimmt den Leser mit auf eine bluttriefende Reise in die menschlichen Abgründe der Hölle und befördert unsagbar viel Schatten ans Licht. Wo Teil 1 der Trilogie »Tokio im Jahr Null« jedoch noch größenteils Züge einer linear stringenten Krimihandlung hat, so schlängelt sich die sprichwörtliche Poesie in Wort und Tat in »Tokio, besetzte Stadt« nur so über die Buchseiten und verhilft Peace' zweitem Tokio-Krimi zur zurückhaltenden, da viel zu wenig beachteten, Meisterschaft. Die New York Times schrieb nicht ohne Grund: »Unwiderstehlich, so etwas hat man noch nie gelesen.«
»Besetzte Stadt« ist fortschrittliche pease`sche Kost für Fans des Briten, die in der Unterhaltung keine Herausforderung scheuen. Denn auch das ist »Besetzte Stadt«: Teils schwierig zu lesen und für ungeübte und nicht konzentrierte Seelen schwer zu verdauen. Ein echter David Peace halt, nur noch besser, noch erwachsender, noch klaustrophobischer und damit noch mehr vom Meister in einem Werk; ein echtes Meisterwerk halt.
Anmerkung: Hirasawa Sadamichi starb 1987 im Gefängnis. Er wurde 95 Jahre alt. Bis zum heutigen Tage konnte seine Schuld nicht zweifelsfrei geklärt werden. Viele glauben heute an seine Unschuld. Und es werden immer mehr.
Hirasawa Sadamichi, Rest in PEACE!