Erst einmal muss ich vorausschicken, dass ich eine Weile mit mir gerungen habe. Artikel, Forenmeinungen (danke an dieser Stelle an das DSLR-Forum), Testberichte und, und, und. Ich besitze eine Canon 450D, die ich mal mit der Kitlinse 18-55 IS gekauft habe. 18mm hört sich nicht so schlecht an, jedoch werden die Schwächen dieses Objektivs schnell sichtbar, sobald man in Richtung Architektur geht. Zum einen entspricht die Brennweite 27mm an einer Cropkamera wie meiner (Faktor 1,6) und zum anderen verzeichnet das Objektiv im unteren Bereich schon sehr stark - ein Zugeständnis an physikalische Gesetzmässigkeiten bei einem 3fach-Zoom.
Ein echtes Weitwinkel(zoom) sollte also her, die Auswahl ist hier zwar überschaubar aber trotzdem breit gefächert:
- Canon 10-22mm /3,5-4,5
- Tamron 10-24mm /3,5-4,5
- Tokina 12-24 (das hier rezensierte Modell 2)
- Tokina 11-16mm /2,8
- Sigma 10-20mm (derzeit zwei Modelle: /4-5,6 und /3,5)
Weitere Modelle schieden von vorneherein aus: das Tokina 10-17mm (ist ein Fischaugen-Zoom), das Sigma 12-24mm (für Vollformat berechnet und recht teuer) und das Tokina 12-24mm Modell 1 (hier konnte ich keinen nennenswerten Preisunterschied zum Nachfolger ausmachen). Danach wurde die Auswahl der Übrigen erst einmal zusammen gestrichen. Der erste Schritt fiel mir noch ziemlich leicht:
- Das Tamron hat zwar den grössten Zoombereich, ist aber das Billigste von allen und dadurch auch gleichzeitig der grösste Kompromiss. Entsprechend sind die Bilder im Vergleich oft nicht sehr scharf und in den einschlägigen Tests liegt es meist hinten.
- Beim Sigma hatte ich ein Problem mit der bekannt grossen Serienstreuung. Erwischt man ein gutes Teil, ist es toll - wenn nicht, ärgert man sich bei jeder Benutzung. Auch, wenn das neuere Modell als Einziges eine durchgehende Offenblende von 3,5 bietet.
- Dann entfiel noch das Tokina 11-16mm, weil mir der Zoombereich doch etwas zu eingeschränkt war - das ist fast wie eine Festbrennweite. Davon abgesehen ist es aber das schärfste Objektiv, was zu bekommen ist!
Danach kam dann die für mich etwas schwierigere Grundsatzfrage, welcher Zoombereich denn nun sein MUSS. Technisch gilt das Argument, dass fehlende Reichweite am langen Ende weniger auffällt als am kurzen Ende. Dies ist leicht nachzuvollziehen:
- Von 10mm auf 12mm fehlen dem 12mm-Objektiv 20 Prozent an Bildfläche. Wer es sich ansehen möchte: einfach ein Blatt von 10x15cm (Fotostandard) nehmen und jeweils 2cm (links/rechts) bzw. 3cm (oben/unten) abschneiden oder anzeichnen. Das ist mehr als man denkt!
- Von 20 oder 22mm auf 24mm fehlt im Prinzip nichts, wenn man für diesen Bereich ein anderes Objektiv hat. Da ich bereits mit dem Gedanken spielte, die Kitlinse zu ersetzen (gegen ein besseres 24-irgendwas- oder 28-irgendwas-Objektiv), wäre diese Brennweite gleich mehrfach abgedeckt.
Ich testete also die 10mm des Canon gegen die 12mm des Tokina und fand heraus, dass a) der Unterschied zwar grösser als vorgestellt war, was mich aber b) nicht störte und c) das Canon in diesem Bereich wieder stark verzeichnete - zu stark für meinen Geschmack. Da ich im Zweifel auch immer bereit bin, mein Glück mit einem Panorama zu versuchen, war auch das Canon (zumal bei einem Mehrpreis von 60 Prozent) aus dem Rennen.
Die Abbildungsleistung des Tokina 12-24 II entspricht meinen Erwartungen voll. Auch wenn die Schärfe eines Tokina 11-16 nicht und die eines Canon 10-22 nicht ganz erreicht wird, bin ich sehr zufrieden, zumal ich Wandtapetenqualität eher selten brauche ;-) Der Ziegelmauertest fiel gut aus, Verzerrungen waren praktisch nicht erkennbar. Auch bei grösseren Gebäuden kamen die unvermeidlichen (aber moderaten und per Software leicht zu behebenden) Trapezverzerrungen erst im Bereich unter 15mm, Kissenverzerrungen konnte ich gar nicht ausmachen: endlich steht die Kirche richtig gerade ;-) Irritierend fand ich anfangs nur eine leichte Randabschattung auf manchen Bildern. Allerdings sass der Fehler nicht vor, sondern hinter der Kamera. Ich hatte die mitgelieferte, tulpenförmige Streulichtblende nicht bis zum Anschlagpunkt aufgedreht, wodurch sich die Abschattung zeigte. Nach der korrekten Installation der Blende war das sofort erledigt. Was chromatische Aberrationen (CA) und Linsenreflexe (lens flares) angeht, soll das Modell II gegenüber seinem Vorgänger verbessert worden und allgemein unempfindlicher sein. Ich habe diesen direkten Vergleich nicht, konnte aber bisher weder mit dem einen noch mit dem anderen Bereich irgendwelche Probleme feststellen.
Die genannten Leistungen sind übrigens praktisch alle bei der (durchgehenden) Offenblende 4 verfügbar, auch wenn leichtes Abblenden natürlich nie schadet. Ich muss allerdings dazu anmerken, dass das Objektiv wegen meiner Art der Nutzung (Gebäude/Landschaft) in diesem Punkt wahrscheinlich nicht sehr gefordert wird. Irgendwelche Freistellaktionen im Ultranahbereich mache ich mit einem Weitwinkel einfach nicht. Darum kann ich natürlich auch keine Aussage zu Treffsicherheit oder Lärmpegel des Autofokus' machen. Testcharts zu fotografieren hat für mich ebenfalls keinen Wert, wenn der AF bei mir praktisch dauerhaft abgeschaltet ist und der Fokusring auf unendlich steht. Wer überwiegend in Bereichen wie Autofotos, Innenaufnahmen o. ä. unterwegs ist, sollte sich daher auf jeden Fall sein eigenes Bild machen. Allerdings dürfte hier ein Objektiv mit grösserem Weitwinkel und/oder grösserer Offenblende ohnehin vorzuziehen sein.
Auch an der Verarbeitung fand ich nichts auszusetzen, das Objektiv wirkt mit seinen etwa 600g sehr solide und (auf mich) durchaus wertig. Die 77mm-Objektivabdeckung kann man auch bei aufgesetzter Streulichtblende noch an- und abnehmen, da sie von vorne zusammen gedrückt werden kann (das hätte ich mir für mein Sigma-Tele auch gewünscht). Einzig die Umschaltung von AF auf manuellen Fokus verursachte mir ein Stirnrunzeln. Ich musste tatsächlich in den Begleitzettel (die Bezeichnung Handbuch wäre übertrieben) sehen um herauszufinden, dass man den vorderen Ring herausziehen bzw. hineindücken muss. Dies ist so ähnlich wie der Makroauszug bei manchen Teleobjektiven, intuitiv ist anders.
Einige Tipps noch zum Schluss:
- Wer sich nicht sicher ist, wie oft welche Brennweiten genutzt werden, sollte sich das Programm "Exposureplot" ansehen. Dieses kostenlose Tool wertet die Exif-Daten bezüglich der Brennweiten aus Grafikdateien aus und zeigt die Anzahl als grafische Verteilung.
- Und wer mit Trapezverzerrungen ein Problem hat und nicht gleich einen von den Grafikboliden anwerfen will, kann sich "ShiftN" mal ansehen; dieser ebenfalls kostenlose Spezialist behebt das automatisch.
- Nutzer des von Canon mitgelieferten Digital Photo Pro können sich freuen. DPP erkennt das Tokina, so dass man die automatische Objektivfehlerkorrektur bei Bedarf voll nutzen kann (ging bei mir ab v3.4.x).
Fazit: ein sehr gutes Gerät für einen vernünftigen Preis zumindest für alle, die ein ähnliches Einsatzprofil haben wie ich. Weniger Geld? Dann das Tamron. Mehr Schärfe oder mehr Licht? Dann das Tokina 11-16. Mehr Spielraum? Dann das Canon. Mehr Geduld? Dann Sigma probieren. Kompromisslösung mit vernünftigem Preis-Leistungs-Verhältnis? Dann dieses Tokina 12-24 II, es lohnt sich.