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Von Beradt und Gronemann
Jossel Schlenker liebt Chane und liest mit ihr Goethes «Faust». Und wie er ihn liest. Jossel Schlenker liest «Faust», wie er den Talmud liest, Wort für Wort, Satz für Satz, gründlich prüfend, das Gefundene bezweifelnd, jede Seite wiederholend, zurückspringend und vortastend, hundertmal und öfter. Weil aber Sabbatnachmittag ist und weil kein Borytschewer Jude ausser ihm sich einfallen liesse, jenseits der Sabbatgrenze mit einem Buch auf einer Parkbank zu sitzen, und schon gar nicht mit Goethes «Faust», klappt Jossel Schlenker das Buch erschrocken an der Stelle zu, wo Gretchen beim Wäscheaufhängen ihren Faust fragt: «Wie hältst du's mit der Religion?»
Und dann fährt der fromme Jossel mit seiner Chane nach Berlin, um zu studieren. Wie er in dem eleganten Gerichtsassessor Heinz Lehnsen seinen Cousin wiederfindet und auf welch wundersame Weise sich dieser in Heinz Levysohn und wieder zurück in Heinz Lehnsen verwandelt und zwischendurch mit knapper Not einem Borytschewer Pogrom entgeht, erzählt der Roman «Tohuwabohu» von Sammy Gronemann, erschienen 1920 in Berlin und nun wieder aufgelegt. Der Rechtsanwalt und Schriftsteller, Mitbegründer des Schutzvereins deutscher Schriftsteller, emigrierte 1933; seine Spur verliert sich nach dem Krieg in Tel Aviv. Auch ein anderer Roman über ostjüdische Einwanderer um die Jahrhundertwende, Martin Beradts «Die Strasse der kleinen Ewigkeit», verliess mit seinem Autor 1939 Deutschland. Beradt war wie Gronemann Rechtsanwalt und Schriftsteller und hatte wie dieser schon mehrere erfolgreiche Romane veröffentlicht.
Vor 1933 lebten in Deutschland etwa eine halbe Million Juden. 70 000 sogenannte Ostjuden waren nach den Pogromen in der Ukraine neu dazugekommen, 230 000 Emigranten insgesamt seit der Jahrhundertwende. In Berlin trafen «Ost und West» zusammen (so der Titel der bekanntesten jüdischen Zeitschrift, die 1901 bis 1923 erschien). Unter dem Eindruck der ukrainischen Pogrome an der ländlichen jüdischen Bevölkerung Galiziens 1917 bis 1921 erwachte in Deutschland das Interesse an ostjüdischen Themen. Der Weimarer Gustav-Kiepenheuer-Verlag brachte noch während des Krieges eine Anthologie jiddischer Erzähler in der Übersetzung von Alexander Eliasberg heraus. Alfred Döblin, Josef Roth, Arnold Zweig bereisten die polnischen und russischen Dörfer, in denen die Juden unter halbfeudalen Bedingungen lebten. Sammy Gronemann war als Jiddisch-Dolmetscher der deutschen Armee in Kowno stationiert und berichtete darüber in seinem Buch «Hawdoloh und Zapfenstreich» (neu verlegt bei Reclam).
Der Zuzug der Ostjuden bedeutete zunächst ein innerjüdisches Problem, das die Krise des westeuropäischen Judentums explosiv verschärfte. Der Vollzug des jüdischen Kultus unter kapitalistischen Konkurrenzbedingungen stiess auf Schwierigkeiten, die nur durch umständliche Geschäftspraktiken zu umgehen waren. Das Gebot der Besitzlosigkeit zum Pessachfest wurde geregelt, indem jüdische Unternehmer ihre Fabriken am Vorabend an einen nichtjüdischen Scheinkäufer veräusserten und nach Pessach auf demselben Wege wieder erwarben. Das Verbot des Tragens von Gegenständen am Sabbat, das selbstverständlich auch den eigenen Hausschlüssel betraf, führte zur Erfindung eines Hosengürtels, an dem der Schlüssel einen Teil der Schnalle bildete. Das Arbeitsverbot am Sabbat zwang jüdische Unternehmer und Kaufleute, deutsche Teilhaber aufzunehmen. So war Gott Jahwe Genüge getan, ohne den Umsatz zu schmälern. Auch der Vollzug jüdischer Barmherzigkeit innerhalb der Gemeinschaft war nur mittels halblegaler Professionalität zu organisieren. «Das jüdische Gesetz (. . .) ist auf ländliche Verhältnisse zugeschnitten. Der Landmann muss für den Armen eine Ecke seines Feldes stehen lassen, der Winzer eine Ecke seines Weinberges, den Armen gehört die Nachlese von beidem.» Also, was soll man machen, erfindet man Todes- und andere Unglücksfälle und erschwindelt sich Mitleid und Geld bei den Reichen.
Satirischer Held
«Also es ist schon so: der Schnorrer ist noch der Erretter des bisschen Jüdischen in Deutschland», sagt Gronemanns satirischer Held, der es vom Schnorrer schliesslich zum Zigarettenindustriellen bringt. Antisemitische Ressentiments nährten sich kräftig an der erfinderischen Armut der Zugezogenen, die ihrerseits mit Humor und Chuzpe ihre Lage meistern. Während Martin Beradt aus dem Inneren jüdischer Gemeinschaft erzählt und dabei die sanfte Melancholie jiddischer Alltagspoesie anklingen lässt, bewegt sich Gronemanns Schilderung analytisch genau auf der Nahtstelle zwischen assimiliertem und traditionellem Judentum. Beide sammeln nebenher Argumente für eine internationale zionistische Bewegung, und beide Romane spielen sich auf demselben engsten Raum ab.
Fünf parallele Strassen in südöstlicher Richtung nördlich des Alexanderplatzes, das war das Scheunenviertel, der Slum von Berlin, das Viertel des sozialen Abschaums, Asyl der kleinen Ganoven und der von Kriegen, Pogromen und Verelendung aus Osteuropa Angeschwemmten, bettelarme Jidden, Mauschler, Schnorrer und Kleinkriminelle, Chassidim und Maskilim, die sich in den engen Strassen drängen zwischen Betstube, Synagoge, jüdischem Volksheim, Rabbinerseminar und Jeschiwa, dazwischen die kleinen Läden der koscheren Bäcker, der Schächter und Schuster, der Hausierer und Obsthändler, Huren, Leihbüchereien und Buchläden mit ihren hebräischen Ladenschildern. «Was waren sie hier? Angewehter Staub am Rand einer anderen, noch dazu einer grossen und bedeutenden Kultur welche Verführung, von den Schwingen dieses Rades mitgerissen zu werden, täglich und stündlich versucht, die vom Judentum angelegten Ketten als Ketten vergangener Zeiten abzuwerfen (. . .) ein Volk musste für sich leben, wenn es seine Eigenart behaupten wollte» (Beradt).
Liberales, orthodoxes und sozialistisches Judentum trafen aufeinander. Das Arbeitszimmer des Rabbiners war zugleich Presse-, Sozial-, Wirtschafts- und Erziehungsamt. Während Jossel und Chane in der Dragonerstrasse bei dem Schnorrer Berl Weinstein Unterkunft gefunden haben, treffen in der Grenadierstrasse um die nächste Ecke Beradts Helden aufeinander: der junge Frajm Feingold aus Piaseczno und Seraphim aus Krakau, der Bettler Abraham Fischmann aus Kowno, der Spitzel Geppert und der Dieb Blaustein, der Betrüger Himmelweit, der Lumpenhändler Lewkowitz und die beiden Schwägerinnen Julchen und Riwka Hurwitz, die in einer feuchten Hofdurchfahrt ihre Wäschestücke und Trikotagen feilbieten. «Der russische Jude verkörpert seine Vergangenheit, der getaufte seine Zukunft», heisst es bei Gronemann. «Ohne den Zustrom aus dem Osten gäbe es bei dem enormen Abfluss hier kein deutsches Judentum mehr. Der Übergang vollzieht sich in wenigen Generationen; Ostjude, orthodox, konservativ, gemässigt, liberal, Reform, Taufe das sind die Wegzeichen.»
Zwei Seiten einer Strasse
Zwei Romane, die im Zeichen der jüdischen Renaissance (Martin Buber) der vorigen Jahrhundertwende geschrieben wurden und aus dem innerjüdischen Diskurs heraus den Alltag der Juden zwischen nationaler und Religionsgemeinschaft, Akkulturation und Konversion einer befeindeten Minderheit beleuchten und von hier aus einen fernen Schein auf die zionistischen Siedlungsprojekte in Palästina werfen. Sie sollten zusammen gelesen werden, denn sie gehören zusammen wie «Zwei Seiten einer Strasse», so der ursprüngliche Titel von Beradts Roman.
1933 war das Manuskript eigentlich schon abgeschlossen; Beradt verlor sein Anwaltspatent. Während seines Exils in den USA arbeitete er weiter an dem Buch dem Einzigen, was ihn mit Europa noch verband. 1942 bot er es, wie Eike Geisel im Nachwort berichtet, der Jewish Publication Society zum Druck an, die lehnte ab wegen «unsympathischer Zeichnung des Ostjuden». Nach Beradts Tod 1949 in New York versuchte Beradts Frau, die Schriftstellerin Charlotte Beradt, noch einmal 1957, den Roman in Deutschland zu verlegen. Rowohlt-Ledig, ihr erster Verleger, machte Ausflüchte, und der Claassen-Verlag sagte ein Jahr später mit der paradoxen Begründung ab: «Hätten wir den Antisemitismus von 1933 bis 1945 nicht in der scheusslichen und unmenschlichen Form gehabt, würde ich keinen Augenblick zögern, diesen Roman zu bringen.» 1965 wurde das Manuskript bei Heinrich Scheffler in Frankfurt verlegt, ohne nennenswerte Resonanz.
Gronemann erging es nicht viel besser. Seine Autobiographie liegt ungedruckt im New Yorker Leo-Baeck-Institut. Was da nachwirkte, war ein Antisemitismus ohne Juden, die Furcht vor der tief verwurzelten Erinnerung an den hässlichen Juden, den arische Mörder zur Zielscheibe ihres Ausrottungsfeldzugs genommen hatten, an den Mauschler und Schnorrer, an schwarze Mäntel und Lumpen, Huren, Hausierer und geschäftstüchtige Ghettorabbiner in den verrufensten Vierteln deutscher Grossstädte.
Eike Geisel macht in seinen umfangreichen (und schwer lesbaren) Vor- und Nachworten, die den Roman «Die Strasse der kleinen Ewigkeit» vor allzu goutantem Verzehr schützen sollen, kein Hehl aus seiner Wut gegenüber dem konservatorischen Gestus der Berliner Stadtsanierer und einem blühenden Scheunenviertel-Tourismus, der nichts im Sinn zu haben scheint als die simple Umschichtung antijüdischer Ressentiments und historischer Scham, eine «frivole Aneignung, deren profaner Zweck darin besteht, die historische Arisierung auf alternative Weise zum Abschluss zu bringen». Die Instandbesetzung der erloschenen jüdischen Kultur Berlins nach der Lektüre der beiden Romane erscheint sie einmal mehr als Zenotaph (Geisel), ein leeres Grab, ein luxuriöser Philosemitismus ohne Juden. Selbst die alten Strassennamen sind verschwunden, sie bezeichneten ehemals den Kasernengürtel um die Spandauer Vorstadt. Nichts erinnert an die einstigen Bewohner. 1908 war mit dem Abriss der noch halbländlichen Ställe und Scheunen begonnen worden. An ihre Stelle traten Mietshäuser mit tiefen Hinterhöfen. Das Flair dieser Gegend strahlt nun unter dem alten Schmutz hervor. Die heutigen Bewohner zahlen die teuersten Mieten von Berlin, die neuen russischen Einwanderer leben an den Stadträndern.
Beatrix Langner
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