Der von Regisseur Mike Figgis (LEAVING LAS VEGAS, STORMY MONDAY, ONE NIGHT STAND) 1990 inszenierte Psycho-Krimi TODESTRAUM-DER LETZTE ZEUGE SCHWEIGT heißt im Original LIEBESTRAUM und als Basis zur Titelverleihung fungierte selbstverständlich Franz Liszt's Komposition 'Liebestraum Nr. 3'. Gleich zu Beginn des Films, noch während der Opening Credits, ist allerdings eine Cover Version von 'Liebestraum' zu hören, nämlich die jazzig-swingende Variante von Earl Bostic ... man sieht, wie ein Mann diese Platte auflegt, sich dann einer attraktiven, jungen Frau nähert und mit ihr Sex hat. Doch sie werden dabei von jemandem überrascht, jemand tritt aus den Schatten hervor, zieht eine Waffe und macht davon Gebrauch ... den Plattenspieler verläßt der 'Saft' und die Platte kommt zum Stillstand - auf ihrem Label im Zentrum liest man: LIEBESTRAUM. Dieser Vorfall ereignete sich im Ralston Kaufhaus in Elderstown und dies bereits in den 50er Jahren.
Jetzt (= 1990) trifft der architekturbewanderte Journalist Nick Kaminsky (Kevin Anderson) in Elderstown ein, um seine sterbenskranke Mutter (Kim Novak) im Krankenhaus zu besuchen - aufgewachsen bei Adoptiveltern hatte er sie nie zuvor kennen gelernt. Kurz nach seiner Ankunft wird Nick auf das längst stillgelegte Ralston Gebäude aufmerksam, dessen Architektur ihn fasziniert. Schon am nächsten Tag nähert er sich dem Haus erneut und trifft dort Paul Kessler (Bill Pullman) wieder, mit dem zusammen er vor 10 Jahren aufs College ging. Paul leitet die Abbrucharbeiten im Fall des Ralston Buildings und lädt Nick für den Abend zur Geburtstagsparty seiner Frau ein. Hier enthüllt sich Nick ein skurriles Gesellschaftsbild (der Leiter des Krankenhauses, in dem Nick's Mutter liegt, ist auch auf der Party und hat seine nymphomanische Frau, die in der Pathologie arbeitet, mitgebracht ... und dann ist da ein städtischer Cop, der noch über einen Restbestand Blut im Alkohol zu verfügen scheint. Der macht sich nicht nur an Paul's Frau heran, sondern fährt Nick später im Dienstwagen per 'Highspeed' zurück zu dessen Hotel - mit Umweg durch ein Bordell!), vor allem aber lernt er Paul's Frau Jane kennen (Pamela Gidley, vielen sicherlich noch bekannt als Theresa Banks aus TWIN PEAKS-THE MOVIE), deren Fotographien vom Ralston Building ihm gefallen ... doch es sind nicht allein Jane's Fotographien und die Empfindungen wachsen auf beiden Seiten! Nick setzt Paul davon in Kenntnis, daß er sich gern ein wenig im Gebäude umsehen würde, da er beabsichtigt, einen Artikel über selbiges zu schreiben (Jane gedenkt sein Projekt durch weitere Schnappschüsse zu unterstützen) und erhält von Paul, der zwischenzeitlich nach Chicago muß, das O.K. sowie folgenden Rat: "... du kannst dich darin austoben, [...] aber tob' dich niemals in Jane aus!" Natürlich weiß Nick Paul zu beruhigen, doch Nick's Träume sprechen bereits eine ganz andere Sprache. Seine Träume sind zuweilen aber auch unklar, surreal und geben dem Zuschauer bereits Hinweise auf die bislang nicht eindeutigen Familienverhältnisse, über die aber Nick's Mutter Aufschluß geben kann, die jetzt häufiger aus ihrem weggetretenen Zustand erwacht. Sie erzählt Nick, während seiner Besuche im Hospital von früher, von seinem Vater und zwischenzeitlich kommen Nick und Jane sich während der gemeinsamen Aufenthalte in der Ralston Kaufhausruine immer näher - auch sie war einst ein Adoptivkind, das verbindet. Zwischen dem Sex mit Jane (dem gegenüber sich beide nicht länger versperren), seinen Träumen und Halluzinationen und den Gesprächen mit seiner Mutter drängen sich Nick langsam Eindrücke und in der Folge Verdachte auf ... er recherchiert, erfährt die Ursachen der Tragödie, die sich vor Jahrzehnten im Ralston Haus ereignete und kommt in etwa zeitgleich seiner eigenen Familiengeschichte auf die Spur - und ebenfalls der Parallele. Kann das Wissen um die Vergangenheit eine 'Wiederholung von Geschichte' in der Gegenwart verhindern? Denn im Ralston Haus, wo sich damals das Mordszenario zutrug und dieser Tage Nick's und Jane's Zusammenkünfte stattfanden, haben die beiden jetzt Sex ... und Paul, soeben aus Chicago zurück, befindet sich in diesem Moment auf direktem Weg dorthin ... bewaffnet!
Mike Figgis' ausgefeilte und dabei ausgesprochen surrealistische Inszenierung von LIEBESTRAUM hat viele nur allzu oft zum direkten Vergleich mit Hitchcock verleitet - ein hohes und dabei nicht gänzlich unberechtigtes Lob, sicherlich auch begünstigt durch das letzte Auftreten Kim Novaks vor der Kamera (ihre Präsenz in Hitchcock's VERTIGO hat Filmgeschichte geschrieben), bevor sie sich aus dem Filmgeschäft verabschiedete. Eine Homage an Kubrick's KILLER'S KISS (deutsch: DER TIGER VON NEW YORK) ist, bedingt durch die Schaufenster-Puppen-Szenarios im Ralston Kaufhaus, ebenso wenig zu übersehen, wie Einflüsse des europäischen Films. Überdies überzeugt LIEBESTRAUM zweifelsfrei als eigenständiger Film, den es sich lohnt, mehrmals anzusehen ... was empfohlen ist, denn seiner Subtilität in ihrer Gänze wird man beim ersten Mal sicher nicht vollständig gewahr (oder sollte es nur mir allein so ergangen sein???). Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart, Klassik und Jazz, Orgasmus und Todeseintritt, hauptsächlich Farbe und ein Touch von schwarz/weiß, europäisches und amerikanisches Kino aufeinander, in einer Mixtur aus Realität, Traum/Alptraum, Intuition, Halluzination, Erkenntnis und Surrealismus - obwohl eindeutig ein Krimi, darf dieser Film gleichfalls als filmisches Kunstwerk bezeichnet werden. Zu diesem Charakter trägt entscheidend auch das vordergründig völlig überflüssige/nutzlose Szenario im Bordell bei, in das der volltrunkene Cop Nick verschleppt. Man achte auf die Hure Cindy (und, auf sie bezugnehmend, später auf die Krankenschwester an Kim Novak's Bett), die penetrant mit obszönen Texten auf Nick einwirkt, in Kombination zu der Mona Lisa Kopie an einer Wand im Hintergrund, während ein leicht bekleideten Mädchen auf einem Klavier Liszt's 'Liebestraum' spielt - diese Szene wirkt in ihrer Absurdität nicht nur irgendwie 'nicht real', sondern schon surreal. Und auf eben dieses Element verstand Regisseur Figgis sich gleichermaßen bei der Inszenierung von Traumszenen oder der Verquickung von Traum und Realität ganz hervorragend, ohne jemals den 'roten Faden' der Storyline aus den Augen zu verlieren, für deren musikalische Untermalung er sich, über den 'Liebestraum' hinaus, ebenfalls verantwortlich zeichnete. Daß dieser Krimi sich absetzt von vielen, ebenfalls gelungenen Wegbegleitern seiner Zeit (zweite Hälfte 80er/erste Hälfte 90er) und seines Genres, versteht sich somit von selbst. Das liegt natürlich ebenfalls an seinen Darstellern: Kevin Anderson und Bill Pullman sind absolut okay, glänzen tun Pamela Gidley und ebenfalls Kim Novak, obwohl letztere das Krankenbett (mit einer furiosen Ausnahme) nicht verläßt. Der Effekt eines weiteren 'Hauptdarstellers' ist bei allem aber nicht zu unterschätzen, auch wenn dieser stumm ist und nur gelegentlich eingeblendet wird - er ist dennoch immer präsent: Das Ralston Haus. Im übrigen ist mir selten so bewußt geworden, wie im Fall von LIEBESTRAUM, wieviel vom Schnitt eines Films abhängt.
Ca. 5 Jahre später erschien Mike Figgis' Film LEAVING LAS VEGAS, der für einen Oscar (und weitere Nominierungen) sorgte, den Nicholas Cage (absolut verdient) als 'Bester Hauptdarsteller' in Empfang nehmen durfte - LIEBESTRAUM, der eine Auszeichnung (welcher Art auch immer) ebenfalls verdient hat, soll daher an dieser Stelle mit verdienten 5 Amazon-Sternen ausgezeichnet werden, er ist es, aufgrund des außergewöhnlich inszenierten Verlaufs der Story mit ihren Wendepunkten und Enthüllungen, in jedem Falle wert. Angesehen werden kann er in englischer, deutscher, französischer und spanischer Sprache (alle in Dolby Surround), dieselben Sprachen (sowie die skandinavischen und auch die griechische) stehen auch als Untertitel zur Verfügung. Bild: 1.85:1 & 16:9 (Widescreen). Als Extra bietet diese MGM-DVD den Original Kino-Trailer. Jedem Psycho-Krimi-Fan, der 'Verschachtelungen' schätzt, unbedingt empfohlen!!!
-- theSilentNoirFreak