In die beschauliche Welt des niedersächsischen Dorfes Wiedensal, das zwar als Geburtsort Wilhelm Buschs gewisse Brühmtheit besitzt, aber auch schon bessere Tage gesehen hat, brechen Chaos und Verbrechen ein: Innerhalb weniger Tage verschwinden fünf Menschen, eine junge Frau wird durch ein entsetzlich grausames Messer-Attentat lebensgefährlich verletzt.
Alle Verschwundenen haben Feinde - eine eifersüchtige Ehefrau, ein auf Rache sinnender Mitschüler, erbschleichende Verwandte -, für den gewaltsamen Tod eines Jeden gäbe es ein Motiv. Und einen Verdächtigen.
Philip Lessing, Biologie-Lehrer in Berlin, aber aus Wiedensal stammend, besucht just in jenen Tagen seine an Alzheimer erkrankte Tante Luise. Und gerät, als sich nachts mysteriöse Gestalten um Luises Haus schleichen und deren sowie das Leben seiner 16-jährigen Tochter Blümchen bedrohen, ins Zentrum der Ermittlungen nach dem oder den mutmaßlichen Mörder(n).
Das Szenario, das Jan Beinßen für seinen dritten Roman "Todesstreich" entwickelt, wiegt den Leser zunächst in Sicherheit. Das größte Problem des Ich-Erzählers Lessing während des Besuchs bei der Tante scheint es zu sein, das mit einer kräftigen Libido gesegnete Töchterchen bei Laune und ihr die Verehrer vom wohl geformten Leibe zu halten. Denn, so Lessing lakonisch: "Sie hat Brüste wie Pamela Anderson und ein Gemüt wie Pipi Langstrumpf."
Stimmung und Tempo des Romans kippen, als der Erste aus dem Dorf spurlos verschwindet: Stollmann, Experte für Leben und Werk des berühmtesten Sohnes der Gemeinde. In kurzen Abständen verschwinden nun die Anderen, Lessing sorgt sich um Tante und Tochter - und verliebt sich, obschon glücklich verheiratet, Hals über Kopf in die rätselhafte Ärztin des Dorfes.
Geschickt führt Beinßen seine Romanfiguren durch die zunehmend spannendere Handlung. Wobei ihm immer wieder beeindruckende Szenen und Dialoge gelingen: wenn die Ärztin Lessing über die Krankheit der geliebten Tante aufklärt; als Luise feststellen muss, dass das Leiden ihr die Fähigkeit zum Schreiben genommen hat; ein Tauchgang, der Lessing beinahe das Leben kostet. Oder der erste Kuss, den sich Lessing und Pia, die Ärztin, geben. Und dessen Intensität der in elf Ehejahren offenbar Abgestumpfte erstaunt - und schon beinahe philosophisch - analysiert: "Die Bedeutung des Küssens war mir abhanden gekommen."
Nach und nach lässt Beinßen seinen Helden die Verdächtigen ermitteln: eine Schar von Okkultisten, die Menschen opfern; einen zwielichtigen und offenbar durchgeknallten Künstler, der die hohe Kunst des Mordens perfektioniert; einen fanatischen Insektenforscher, der so Nahrung für seine Killer-Ameisen beschafft - und die Ärztin, die auf diese Art Rache nimmt für schwärende Wunden aus der Vergangenheit ihrer jüdischen Familie. Alle haben ein Motiv, alle erscheinen auch dem Leser verdächtig - und alle sind sie unschuldig.
Die wahren Täter entlarvt Beinßen/Lessing in einem furiosen Finale, das hier natürlich nicht verraten wird. Nur so viel: Im Gegensatz zu vielen anderen Krimis, deren Täter ein routinierter Leser allzu oft erahnt, werden in "Todesstreich" am Ende nicht die "üblichen Verdächtigen" verhaftet.