So blutrot das Cover des Buches - so blutig geht es auch im dritten Band der sog. "Vartanian-Saga" zur Sache. Karen Rose entführt den Leser von Beginn des Buches an in eine "Dunkelwelt", in der Kinderhandel und Kinderprostitution verbunden mit extremen Gewaltexzessen den Ton wie den den Takt für die folgenden immerhin 610 Seiten angeben. Gerne würde ich den Plot dieses Thrillers hier etwas genauer widergeben, jedoch ist dies angesichts der verwirrenden Komplexität (s.u.) nur in einer absoluten gekürzten Fassung möglich:
Worum geht es also? Im Anschluss an einen anscheinend im vorhergehenden Band "Todesbräute" geschilderten Mordfall betreten zu Beginn des Buches die beiden Hauptfiguren, Agent Luke Papdopoulos und die Staatsanwältin Susannah Vartanian, die Bühne und begeben sich auf die Suche nach verschwundenen jungen Mädchen in die "Dunkelwelt" des Kinderhandels und der Kinderprostitution. Zusammen mit einem fitten Ermittlungsteam verfolgen sie die in den Kinderhandel verstrickten finsteren Gestalten, decken zahlreiche Komplotte, Erpressungen und weitere dunkle und böse Taten auf, dabei immer wieder behindert durch unbekannte Informanten, die den "finsteren Gestalten" in die Hände spielen und die Ermittlungen so erschweren.
Auch an Leichen mangelt es nicht, so darf man "getrost" davon ausgehen, alle 20-30 Seiten eine weitere Leiche vorzufinden, deren Tod das Ermittlungsteam kurz schockiert, bevor sie ihre "tapfere Suche" nach den vermissten Mädchen wieder aufnehmen und dabei zugleich auch das "Knäuel" der zahlreichen Beziehungen zwischen Tätern - Opfern - Ermittlern nach und nach entwirren. Am Schluss dürfen alle aufatmen, die entführten Kinder ebenso wie das heroische Ermittlerduo Vartanian und Papdopoulos, die sich endlich glücklich in den Armen liegen, nachdem sie mit vereinter Kraft die beiden Hauptbösewichte enttarnt und überwältigt haben.
Man möge mir diese zugegebenermaßen etwas süffisante Zusammenfassung dieses "Thrillers" verzeihen, aber nachdem ich die ersten 150 und die letzten 200 Seiten nur noch mit verdrehten Augen und/oder Kopfschütteln sowie zunehmendem Ärger lesen konnte, ging es leider nicht anders. Die Gründe für meine seltsamen Äußerungen sind dabei vielfältig, zwei möchte ich hier besonders nennen:
Zunächst: Da ich die ersten beiden Bände der "Vartanian-Saga" nicht gelesen habe, habe ich von Beginn des Buches an das Vergnügen, von der Autorin in ein "Meer der Namen" geworfen zu werden, aus dem es zunächst kaum ein Entkommen gibt. Karen Rose schafft es, nicht allein neue Entführungs- und Mordfälle zu schildern, sie rekurriert gleichzeitig anscheinend auch auf Morde, die in einem anderen Band die Hauptrolle spielten, und die mit den neuen Morden im Band "Todesspiele" verbunden sind. So besteht das erste "Vergnügen" im Buch darin, sich Namen über Namen merken zu müssen, bis einem der Kopf schwirrt. Kostprobe gefällig? Nun, es werden zu Beginn 13 Mädchen entführt, einige davon werden von 4 Personen getötet, der Rest verschleppt. Einige der Bösen haben natürlich auch noch nette Decknamen, die mit später eingeführten Personen identisch sind, die dann auch noch alle irgendwie miteinander verwandt-verschwägert-verschwippschwägert sind... Hinter diesen vier gibt es den ominösen Hintermann, der mit bis zu 5 Informanten arbeitet. Dazu kommt der im anderen Band geschilderte Mordfall, der mit den hier geschilderten Taten eng verbunden ist, so dass wir auch noch 13 weitere Frauen sowie 7 "böse Buben" kennen lernen "dürfen". Das so entstandene "Personenwirrwar" sowie die zahlreichen Mordfälle werden dann von einem 8köpfigen Ermittlerteam versucht zu entwirren, wobei dann noch weitere Personen hinzukommen, die usw. usw....
Knapp gesagt: Karen Rose will mit diesem "Personenkosmos" einfach zu viel und mutet so dem Leser gleich zu Beginn viel zu viel zu. So unterlässt sie es, den Leser, der die beiden anderen Bände nicht kennt, wenigstens kurz in die Hauptfiguren, deren Vorgeschichte und deren Verbindungen untereinander einzuführen. Wie solch eine Einführung - und zwar in jedem Band neu! - möglich ist, ohne dass es langweilig wird, zeigt z.B. Cody MacFadyen in seinen Romamen um die Agentin Smoky Barrett. Hier hätte Karen Rose eine Menge lernen können!
Hat man dann endlich das "Meer der Namen" durchschwommen und sich mit Müh und Not ein wenig Überblick verschafft, beginnt das Kopfschütteln erneut. Der Grund hierfür liegt in der Verbindung zweier m.E. nicht "kompatiblen" Themen: von Kinderhandel und -prostitution mit einer schwülstigen und unglaubwürdigen Lovestory: Karen Rose wagt sich mit ihrem Band an ein sehr heißes Eisen heran - Kinderhandel und Kinderprostitution. Ein Thema, das nun wirklich niemanden kalt lässt und das diejenigen, die in diese "Dunkelwelt" geraten, sei es als Opfer, sei es als Ermittler, psychisch wie physisch bis an die äußersten Grenzen stark belastet, wenn nicht gar zerbricht. Dies weiß auch Karen Rose, wenn sie z.B. sehr eindrücklich schildert, wie Agent Papadopoulos gefundene Festplatten mit Kinderpornographie auf der Suche nach Hinweisen durchsehen lässt. Mehr als einmal "bricht ihm das Herz" während der Agent sich diese Bilder ansieht. Und immer wieder versucht er einen Weg, um mit diesen Bildern und mit dem Erlebten umzugehen, so wie seine Kollegen es ebenfalls tun.
Auf diesem Hintergrund wirkt es daher mehr als platt, wenn Karen Rose nun auf die seltsame, eher schon abstruse Idee verfällt, parallel zu den "bluttriefenden Ermittlungen" - ich habe die Leichen irgendwann gar nicht mehr gezählt - eine Lovestory zwischen der Staatsanwältin Vartanian und Agent Papadopoulos zu entwicklen, die sich weit unterhalb jedes Bollywood-Films bewegt. Anders ausgedrückt: Wie glaubhabt ist es, dass jemand, der gerade aus einem Keller kommt, in dem mehrere junge Mädchen ermordert worden sind und in dem er u.a. seinen besten Kumpel lebensgefährlich angeschossen vorgefunden hat, ein paar Minuten später ins Auto hüpft und fasziniert und verliebt die "junge und tapfere Staatsanwältin" betrachtet, die gerade kurz zuvor ein entflohenes junges, missbrauchtes wie gefoltertes Mädchen in den Armen hielt, aber nun beim ersten Anblick des tapferen Recken kaum noch atmen kann und sich sogleich zu dem edelmütigen Mann hingezogen fühlt. Ach wie schön ist Bollywood!
Leider geht es auf diesem Niveau weiter und man ist als Leser immer wieder erstaunt, wie die schlimmsten Gräueltaten, seien es Foltermorde oder Exekutionen, seien es Missbrauch oder Mordversuche, unser unter ständigem Dauerstress und Schlafentzug stehendem "Heldenpaar" entsetzen und schockieren, bevor sie sich dann nur wenige Minuten später wieder in ihr verliebtes Umeinanderwerben versenken und sich nach sexueller Erfüllung verzehren, um dann endlich - natürlich nach einem lockeren 36-Stunden-Tag, an dem die Staatsanwälten nebenbei fast ermordert worden wäre - gemeinsam ins Bett zu fallen! Man ist beeindruckt... Dass unsere Heldin Susannah Vartanian selbst nicht allein eine traumatische Kindheit erlebte, sondern in der Vergangenheit gleich zweimal vergewaltigt wurde, ist auch hier kein Problem. All diese schrecklichen Erlebnisse werden bei zärtlichem Liebesgeflüster besprochen und lösen sich sanft in Luft auf - wer braucht schon Psychiater oder gar eine Psychotherapie?
Langer Rede, kurzer Sinn: Karen Rose fertigt den Leser mit Klischees ab, die angesichts der gewählten Themen Kinderhandel und Kinderprostitution umso mehr ins Auge fallen und verärgern. Die Love-Story ist derartig unglaubwürdig, dass sie, sorry, jedem Groschen-Liebesroman vom Hauptbahnhof Konkurrenz macht und hat in diesem Thriller absolut gar nichts zu suchen. Hätte sich die Autorin einfach nur der Story gewidmet, wäre sicherlich ein spannender Thriller herausgekommen, denn immer dann, wenn sie die sülzige Love-Story einmal beiseite lässt, wird das Buch richtig spannend.
Vielleicht gibt es ja Leser, die solch eine Love-Story als wohltuenden Kontrast zu den geschilderten Untaten, Morden und Gewaltexzessen empfinden, sozusagen als Ausgleich zu all dem Schlimmen, dem Karen Rose uns in dieser "Dunkelwelt" hier begegnen lässt. Für mich ist diese Love-Story mehr als deplatziert und unangemessen sowie angesichts dessen, was im Buch geschildert wird, absolut unglaubwürdig. Da Karen Rose es also nicht lassen kann, die Spannung, die immer dann entsteht, wenn die beiden Turteltäubchen sich einmal auf den Fall und nicht auf sich konzentrieren, durch diese unsägliche Romanze ständig zu unterbrechen, sind hier m.E. 2 Sterne mehr als gerechtfertigt.