Das vorliegende Werk bemüht sich um eine wissenschaftliche Grundlegung des zwar sehr populären, aber intersubjektiv nur schwer valide zu konkretisierenden Wirklichkeitsphänomens "Todesnäheerfahrung". Zu diesem Zweck stellen verschiedene Autoren in neun Aufsätzen wissenschaftliche Annäherungsweisen und den gegenwärtigen Stand der Forschung vor.
Die Arbeiten legen umfangreich die methodologischen Schwierigkeiten psychologisch-psychoanalytischer, psychiatrischer und neurobiologischer Erklärungen des Phänomens dar, problematisieren jedoch auch Einzelaspekte von Nahtodeserfahrungen: den betroffenen Personenkreis, Strukturmerkmale der Erfahrung, Fallbeispiele, Nähe und Distanz zu anderen außeralltäglichen Erlebnissen, die Beeinflussungsfaktoren des menschlichen Gedächtnisses usw.
Ein weiterer Hauptteil widmet sich der kulturellen Konstruktion der Todesnäheerfahrung. Empirische Untersuchungen - etwa zum Unterschied der Todesnäheerfahrung in Ost- und Westdeutschland - stehen neben philologisch-exegetischen Auseinandersetzungen mit der esoterischen und belletristischen Literatur zu Nahtodeserfahrungen. Herausgearbeitet werden die frappierenden historischen und kulturellen Unterschiede des Phänomens aber auch Einzelaspekte wie der Wirklichkeitsakzent erlebter Symbolik, die Stellung von Todesnäheerfahrungen zum "Leib-Seele-Problem" und die Subjektivierung "unsichtbarer Religion". Insgesamt erscheinen im Umgang mit diesem schwierigen Phänomen (noch zu entwickelnde!) neuartige "biopsychosoziale Konzepte" (Lydia Andrea Hartl) unumgänglich.
Bemerkenswert ist der abschließende Aufsatz von Knoblauch, Schnettler und Soeffner. Die Autoren schlagen vor, die Todesnäheerfahrung nicht motivisch-substantialistisch, sondern formal-noetisch zu definieren, als "Erfahrungsstil" bzw. "Sinnprovinz" im Sinne von Alfred Schütz. Merkmale des Erfahrungsstils der Todesnäheerfahrung sind: die subjektive Überzeugung, in der Nähe des Todes gewesen zu sein und eine herausragende Erfahrung von außergewöhnlicher Intensität zu machen, die gut erinnerlich ist, sich durch Wachheit und Bewußtheit, starke Emotionen sowie eine Kontinuität des Ichs auszeichnet. Erfahrungen, die diesen Stil aufweisen, werden als zusammengehörig empfunden und bilden deshalb eine "Sinnprovinz". Organ der Todesnäheerfahrung ist das Bewußtsein im engen Wechselspiel mit seinen materiellen Voraussetzungen und ganz besonders mit der jeweiligen Kultur. Ergo: die Todesnäheerfahrung steht - wie alle anderen Erfahrungen auch - in einem sinnhaften Kontext. In einer Krisensituation löst das Bewußtsein automatisch den als besondere Sinnprovinz ausgewiesenen Bewußtseinszustand aus, zugleich aber auch die entsprechenden, diese Sinnprovinz tragenden physiologischen Prozesse. Quintessenz eines solchen "anthropologischen Ansatzes": Neurophysiologische Vorgänge, Bewußtseinsprozesse und sozial vermitteltes Wissen wirken auf eine solche Weise zusammen, daß sie - quasi unwillkürlich - Erfahrungskomplexe erzeugen, die als eigenständige Wirklichkeit erscheinen.
Die Aufsatzsammlung leistet allen beruflich mit dem Phänomen "Todesnäheerfahrung" befaßten Fachleuten gute Dienste, vor allem auch mit Blick auf die Erschließung weniger bekannter Wissen-schaftsliteratur. Der interessierte Laie wird, abgesehen vom Schlußaufsatz, weniger auf seine Kosten kommen. Ihm ist die keineswegs geringerwertige aber erheblich zugänglichere Monographie von Hubert KNOBLAUCH: "Berichte aus dem Jenseits. Mythos und Realität der Nahtod-Erfahrung" (1999) anzuraten. Eine weiterführende gemeinverständliche Einführung und Vertiefung findet er bei: Carol ZALESKI: "Nah-Todeserlebnisse und Jenseitsvisionen. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart" (1993) und vor allem: Paul EDWARDS: "Reincarnation. A Critical Examination" (1996)