Durch den ARD-Zweiteiler "Die Flucht" ist Vertreibung und Flucht aus Ostpreußen ein sehr präsentes Thema in den Medien. In diesem Buch geht es aber nicht um diese Menschen, sondern um ein monströses Verbrechen an den Gefangenen des Danziger Konzentrationslagers Stutthof. Nach Beginn der sowjetischen Offensive in Ostpreußen am 12. Januar 1945 herrschte bei der SS Panik. Es galt, diese Leute loszuwerden. Das KZ musste geräumt werden. Die durch schreckliche Lebensbedingungen bereits sehr geschwächten Opfer wurden durch Eis und Schnee Richtung Küste getrieben. Etliche starben bereits auf dem Weg oder wurden wie räudige Hunde erschossen. Diejenigen, die das Bernsteinwerk in Palmnicken erreichten, sollten dort lebendig begraben werden. Einige Einheimische wussten das zu verhindern. So zog die SS mit diesen erbarmungswürdigen, völlig schutzlosen Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, weiter und trieb sie auf das Eis des zugefrorenen Meeres oder erschossen bzw. erschlugen sie am Strand.
Das Buch ist eine absolut beklemmende Lektüre, kaum zu ertragen und atemstockend. Hier wird eine apokalyptische Geschichte erzählt; eines der letzten großen Holocaust-Massaker in dieser unseligen Zeit. Diese Geschichte erzeugt nicht nur Albträume, sie besteht aus Albträumen.
Jahrzehntelang wurden diese Gräuel totgeschwiegen. Nun reden Zeitzeugen. Martin Bergau war ein 16-jähriger Zeitzeuge. Seine Erlebnisse hat er bereits in den 1990er Jahren in dem Buch "Der Junge von der Bernsteinküste" veröffentlicht. In diesem Buch hat er die Erlebnisse anderer Überlebender, die zu diesem Zeitpunkt naturgemäß Kinder oder Jugendliche waren, gesammelt. Allen war es ein Anliegen, diese Welt nicht zu verlassen, ohne ihre Erinnerungen an diese Zeit zu hinterlassen. Weitere Dokumente ergänzen diese Aufzeichnungen; darunter Auszüge aus den Akten eines Ermittlungsverfahrens, das zu Beginn der sechziger Jahre gegen den Hauptbeschuldigten, SS-Obersturmführer Weber, eingeleitet wurde. Es wurde eingestellt, nachdem er Selbstmord begangen hatte.
Einen Trost bieten auch hier nur die Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um andere Leben zu retteten. Es ist gut, dass es sie in allen Diktaturen gibt. Sie sind die Lichter in dunkelsten Zeiten und sichern moralisch das Überleben der Überlebenden und ihrer Nachkommen.
Wir dürfen nicht vergessen. Das was den Holocaust möglich machte, ist nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Welt verschwunden.