"Todesmarsch" ist sicherlich das am besten ausgearbeitete, makaberste und erschütternste Buch Bachmans, die nicht selten wie leichte Fingerübungen gegen die üblichen Stephen King-Bücher wirken.
Kennzeichen der Geschichte über 100 Jugendliche und junge Männer, die freiwillig einen Marsch quer durch die USA beginnen und im Falle des Stehenbleibens erschossen werden, so daß nur der Ausdauernste gewinnt, ist sein gar nicht mal so abwegiger Realismus. King erwähnt zwar eine Militärdiktatur in den USA, doch das spielt weniger eine Rolle als die Wirtschaftskrise, die sich offenbar über den Staat gespielt hat.
Bachman konzentriert sich ausschließlich auf den Marsch (speziell auf "seinen" Gänger Garraty), beginnt kurz vor dem Start und endet mit dem Tod des Vorletzten, ein in sich geschlossener Kosmos aus Leben, Erkenntnis und Tod.
Im Zeitalter von Extremsportarten und Mediengeilheit ist die Idee dann auch ganz originell, dass sich die Läufer auf eine 1:100-Chance einlassen, mag das auch zunächst eine unsinnige Idee zu sein. Die wahrhaft nötigen und wirklichen Gedankenprozesse erarbeitet das Buch dann nebenbei, im Kopf seines Protagonisten und dessen Mitstreiter. Die Läufer werden in ihrer Unterschiedlichkeit zu einem Querschnitt jeder modernen Gesellschaft, ihr Antrieb variiert von Gier, über den Wunsch nach Popularität, Zerstörungswut und blanker Not. Bachman (King) baut die Charaktere mit leichten Strichen auf, malt sie aus, gibt ihnen in ihrer Läuferqual Tiefe, um sie später allein durch ihrer aller Tod gnadenlos abzuservieren.
Dabei muß er gar nicht so oft auf Gewaltdarstellungen zurückgreifen, allein die Situation ist dermaßen erschreckend, daß die Erschießungen kaum noch schrecken können. Trotzdem wirkt Kings Prosa, wenn etwa ein Wadenkrampf Garraty in absolute Todesnähe bringt oder sich die Läufer kurz vor ihrer Erschießung in Todesergebung voneinander verabschieden.
Den Wert des Lebens erst in Todesnähe zu erfahren, ist dabei symptomatisch für eine meist gedankenlose Gesellschaft.
"Todesmarsch" ist furchterregend und gerade deswegen unheimlich fesselnd, ein mörderisches Gedankenspiel, zwar schon vor einem Vierteljahrhundert geschrieben, aber immer aktueller werdend.