"Das Todesjahr des Ricardo Reis" des großen José Saramago ist ein phänomenaler Roman. Das Buch ist eine wunderbare Hommage an einen der bedeutendendsten Dichter Portugals, an Fernando Pessoa. Es ist gleichzeitig Rückblick und Deutung der Geschichte Portugals zur Zeit von Salazar.Und damit ein eminent politischer Roman. Und: es ist eine großartige Dichtung.
Ricardo Reis ist eines der Heteronyme, eine der Masken, eines der Spiegelbilder von Fernando Pessoa. Eines also seiner vielen Ichs als Mensch und als Dichter. Der Leser begegnet Ricardo in den letzten Monaten seines Romanlebens. Aus Brasilien zurückgekehrt in seine Heimat, nach Lissabon, verbringt Reis seine Zeit erst in einem Hotel, später in einer eigenen Wohnung. Der Arzt, der Gedichte schreibt (wie sie auch der Pessoa-Reis geschrieben hat), erlebt seine Stadtim politischen und gesellschaftspolitischen Umbruch. Und nicht nur seine Stadt, sondern die Welt, in der sich Kriege abspielen, Diktaturen entstehen und Bürgerkriege stattfinden.
Mehr noch: Ricardo Reis gerät in die Fänge des portugiesischen Geheimdienstes, wird überwacht, Die Gründe sind fadenscheinig. Allerdings beeindruckt ihn das weniger. Mehr dafür ist er beeindruckt von Lidia, Zimmermädchen in dem Hotel, in dem Ricardo Reis lebt. Und dann gibt es noch das Mädchen mit dem gelähmten Arm, zu dem er eine platonische Liebesbeziehung entwickelt.
Wer also ist dieser Ricardo Reis? Die Figur, die Pessoa geschaffen hat oder die, die der Dichter Saramago geschaffen hat? Ist er nur eine flüchtige Erscheinung, der das Leben noch gerade einmal neun Monate Lebenszeit zugestanden hat? Existentielle Fragen diskutiert er mit einem nächtlichen Besucher - mit seinem Schöpfer und Alter ego Fernando Pessoa, der im Jahre der Rückkunft von Ricardo Reis - also 1935 - gestorben ist. Über seinen Tod will er mehr wissen, forscht in Zeitungsarchiven. Dabei trifft er auch auf Àlvaro de Campos, Alberto Caeiro und eben - ja wen? Auch auf Ricardo Reis? Was also ist Imagination, was ist Fiktion und Realität? Dieser Pessoa - spöttisch und ironisch - verdächtigt jedenfalls Reis, "eine Affäre mit der Wirklichkeit" zu haben.
Immer wieder findet Saramago neue Vermutungen über das eine und andere, über den einen und anderen. Am Ende hat der Leser das Gefühl, dieser Ricardo Reis ist eine rein "ätherische Existenz".
Der Roman ist ein meisterhaftes Vexierspiel, brillant konstruiert und blendend geschrieben. José Saramago weiß auf der geamten Klaviatur der Literarischen Formen souverän zu spielen. Ein komplexes Werk, ein hervorragender Roman und - für den, der sich auf das Buch einlässt - eine faszinierende Lektüre.