Kurz vorneweg: mir hat Morddeutung ausgesprochen gut gefallen. So musste ich auch diesen Roman direkt nach Erscheinen haben und verschlingen.
16.9.1920- die Wall Street wird zum Schauplatz des ersten Terroranschlages in der Geschichte der USA. Mittendrin Stratham Younger und Colette Rousseau, die sich gerade mit Captain Littlemore treffen. NY versinkt im Chaos, Polizei und FBI ermitteln.
Hintergrund für das Treffen: die Französin Rousseau, eine Schülerin Marie Curies, hat am Vorabend eine merkwürdige Botschaft von einer Frau namens Amelia bekommen- anbei ein Backenzahn; sie und Younger suchen Littlemores Hilfe. Kurz drauf wird Colette von einem finsteren Gangster namens Drobac entführt... So viel zu den aktuellen Geschehnissen.
Doch auch in der Vergangenheit liegen weitere Geheimnisse: warum weigert sich Colettes Bruder Luc beharrlich zu reden? Younger, der im Großen Krieg als Arzt in Frankreich weilte bringt die Rousseaus zu Freud ... Und was hat es mit Colettes mysteriösem Verlobten Hans Gruber auf sich? Es gibt viel zu entwirren ...
Es fällt mir schwer meine Eindrücke kurz zu fassen: Zunächst war ich verwirrt- viele Handlungsstränge in NY, in Wien und Prag. Desweiteren Rückblenden zu Kriegsschauplätzen und nach Wien um Youngers & Colettes Geschichte zu erklären. Auch viele Charaktere machen es am Anfang etwas schwierig. Aber bekanntlich mag ich so was- also für mich genau das Richtige ... und mit der Zeit wird es auch recht spannend!
Gelungen fand ich v.a. die Entwicklung Stratham Youngers, der sich als Figur mit Kanten und Ecken und recht eigenwilligen Ansichten zur Psychoanalyse entpuppt- (ja er ist nun etwas kritischer zu Freuds Theorie eingestellt und praktiziert auch nicht mehr). Man erfährt auch wie sich die Beziehung zu NORAH (uns allen aus dem ersten Roman bekannt) gestaltet hat.
Auch die anderen Charaktere sind interessant und vielschichtig gezeichnet, teils auch überzogen und skurril wie z.B. der Industrielle Brighton, der medial veranlagte("Spinner") Fischer, der FBI-Chef Flynn (wunderbar in seiner Inkompetenz und amüsante Schlagabtäusche mit Littlenore) und ein österreichischer Graf (insgesamt sehr amüsant).
Eine weitere große Stärke des Romans: Gekonnt hat Rubenfeld Fiktion und Realität verwoben- ist der Anschlag des 16.9.1920 doch Fakt- wurde allerdings nie aufgeklärt... Interessant dazu auch die Anmerkungen des Autors am Ende!
Weiterhin atmosphärisch mal wieder sehr dicht und gelungen lässt er die Zeit während und nach dem 1. WK in Frankreich und dem zur Bedeutungslosigkeit verkommenen Wien wieder auferstehen. Auch die Ängste und Sorgen der US-Amerikaner, die Prohibition, die aufkommende bolschewistische Bewegung, die Situation Mexikos ... werden hautnah und überzeugend dargestellt.
Das Ganze wird mit jeder Menge informativer Fakten unterlegt. Man erfährt Einiges über: W. Wilsons Geisteszustand, den nahenden Wahlkampf (und dem Ränkespiel der Senatoren), über Freuds Niedergeschlagenheit nach dem Tod seiner Tochter; über die Erklärung von Kriegskrankheiten wie "Granatenschock" und dessen Behandlung via Elektroschock... über Marie Curies Entdeckung der Radioaktivität und ihr skandalöses Verhalten usw ...
INSOFERN ein ungemein unterhaltsames, amüsantes, informatives und kurzweiliges Buch, dem man kleine Schwächen wohlwollend nachsieht ...
Die da wären: zum Teil unlogisches bis abstruses Verhalten einiger Charaktere- was will Colette wirklich von Hans (etwas vorhersehbar von Anfang an)? Warum macht Younger sich für sie stets zum Affen ... Weiterhin die teilweise zu ausladenden Nebenhandlungsstränge, die v.a. zu Beginn die Lektüre etwas schwierig anließen und ein recht häufiger Szenewechsel (sehr gut für eine Verfilmung geeignet, aber nicht das Beste für den Erzählfluss)... Man muss stets sehr konzentriert und aufmerksam lesen, um die kleinen Details auch mitzubekommen und wenn sie wieder aufgegriffen werden auch zu verstehen. Das ist mitunter etwas anstrengend.
Das sind in meinen Augen aber "kleine" Fehler, die mich nicht wirklich gestört haben. Denn ansonsten ein wirklicher Pageturner. Insgesamt besser noch als der Erstling!
Zurückversetzt in die Zeit der 20er erahnt man die aufkommenden Roaring Twenties (eine Epoche, die ich sehr interessant finde). Zudem interessante und vom Schicksal gebeutelte Charaktere, die um so echter wirken. Atmosphärisch sehr dicht in der Beschreibung und Darstellung der Schauplätze, sei es das gebeutelte Wien, das verwinkelte Prag oder die Wall Street. Darin liegen die Stärken dieses historischen Thrillers- wer nur nach Spannung sucht ist hier fehl!
Ganz wunderbar fand ich, dass Rubenfeld auch Handlungsstränge aus dem ersten Roman zu Ende führt- sehr interessant für alle, denen das erste Buch und die Figur Norahs gefallen hat.
Alles in allem: absolut empfehlenswert-bedingt lesen, wenn einem er erste Teil gefallen hat! Andererseits: wem Morddeutung zu verworren und langatmig war und das dortige Halbwissen und die ausladenden Handlungsstränge als nervig abgetan hat- sicher nicht empfehlenswert!
Noch ein Tipp: erst Morddeutung lesen, nicht gleich mit Todesinstinkt einsteigen, denn v.a. die Entwicklung Youngers nimmt oft Bezug auf ersteren!