Es existieren etliche Liebesgeschichten, die lassen einen automatisch an die tragische Romeo & Julia-Problematik denken. Man erwartet nichts anderes, als dass es höchst dramatisch, konfliktreich, leidenschaftlich ... und vor allem gefährlich zugeht. Denn eine Liebe die nicht sein darf und von vornherein in einer Tragödie zu münden scheint, bringt genau diese Eigenschaften mit sich. Die jugendliche Mafia-Lovestory "Tod oder Liebe", passenderweise einer italienischen Schreibfeder entsprungen, bildet da keine Ausnahme. Es wird geliebt und gelitten. Und über allem lauern die Fragen: Was ist richtig? Was ist falsch? Und wie bricht man aus einem vorherbestimmten Leben aus? Das alles verspricht Unterhaltung + Drama pur. So sei es! Aber warum bin ich mit dem Gelesenen nur bedingt glücklich?
Das Grundgerüst ist schnell erzählt: Mädchen verliebt sich in Junge, und umgekehrt. SIE, ist die unverstandene Tochter eines Richters und die neue an der Schule, eigenbrötlerisch und nachdenklich. ER, ist der Handlanger eines brutalen Mafia-Bosses, verstrickt in illegale Machenschaften, gut aussehend und selbstbewusst. Beide leben sie völlig unterschiedliche Leben und doch ähneln sie sich mehr, als sie denken. Was könnte da passender sein, als ein gemeinsames Schulprojekt, um sich näher zu kommen?
Was so wunderschön mit Biancas Briefen an einen gewissen Daniele beginnt, dessen charakterliche Bedeutung sich erst allmählich entschlüsselt und der Realität erschütternd Nahe kommt, gestaltet sich "Tod oder Liebe" leider zu etwas, das man nur allzu oft in jugendlichen Liebesgeschichten wiederfindet: die gefühlsverwirrten Schmetterlinge werden bereits nach wenigen Seiten in Startposition gebracht, damit das Liebesdrama rasch beginnen kann. Demgemäß braucht es nicht lange, bis Bianca & Manuel einander erblicken, sich ineinander vergucken und eifersüchtig umeinander her schleichen. Wer es prickelnd und gefühlvoll mag, ist hier genau richtig! Denn anders als in amerikanischen Jugendbüchern, scheint für die leidenschaftlichen Italiener zu gelten: wenn Amor seine Finger im Spiel hat, gehört körperliches Vertrauen einfach dazu. Natürlich Jugendbuchgetreu und dennoch feurig wie schön umgesetzt!
Der stetige Perspektiven-Switch aus Manuels, Biancas und einer weiteren Sichtweise, schafft unterdessen eine gewisse Nähe zu den Liebenden, wenngleich die Wahl des allwissenden Erzählers synchron für eine anfänglich wirkende Distanziertheit sorgt. Doch, war ich auf den ersten Seiten noch stark angetan, erschien mir die verbotene Gefühlsentwicklung einfach einen Ticken zu rasant und wenig nachvollziehbar. Kaum in der Handlung angekommen, liegt eine romantische Spannung in der Luft, obwohl beide nur flüchtige Gespräche miteinander teilen. Eine leichte Ernüchterung schlich sich zwischen die Seiten! Das liegt zum Teil an Biancas Charakter und das eigentlich von vornherein deutlich wird, wie alles sein Ende finden könnte. So manche Plot + Charakterentwicklung schlägt gewohnt berechenbare Wege ein und bedient genau das, was man von einer Liebesgeschichte mit kriminellem Touch erwartet. Dadurch hebt "Tod oder Liebe" sich aber nicht unbedingt von der breiten Masse ab.
Biancas Handlungen erschienen mir zunehmend naiv und verzweifelt, wenn sie die gutgemeinten Warnungen bezüglich ihres attraktiven Mitschülers in den Wind schießt und alles versucht, um Manual nahe zu sein, der seinerseits immer wieder beton, dass er ein gefährlicher "Bad Boy" ist. Frühere Bedenken und Grundeinstellungen werden dabei munter über Bord geworfen, was wohl wiederum das tiefe Verliebtsein unterstreichen soll. Salvis setzt indes auf eine lebendige und ausdrucksstarke Wortwahl, die leicht poetische Ausmaße annimmt (Biancas Briefe sowie zitierte Songtexte von Pink Floyd). Das klingt nicht nur schön, sondern liest sich auch wunderbar. Allerdings beschlich mich mitunter das Gefühl, dass die dramatische Erzählweise sowie Biancas Hintergründe, die Story einfach überstrapazieren. Manche Situationen und Empfindungen erschienen mir dadurch eher gewollt und nicht echt.
Komplett betrachtet, erzählt Salvi eine Liebesgeschichte, die sich um Rache, Familienprobleme, Selbstfindung und natürlich die Liebe dreht. Fesselnde wie romantische Momente sind also vorprogrammiert und besonders im letzten Drittel schöpft die Autorin aus den Vollen. Es gilt schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, sich von eingefahrenen Mustern zu befreien und herauszufinden, was man für sich selbst vom Leben erwartet - eingebettet in die atmosphärische wie schmucke Kullisse Italiens, die von zwielichtigen Clans/Geschäften überschattet wird. Für mich wurde Tod oder Liebe somit zu einer netten Lovestory mit unterhaltsamen Spannungsmomenten. Der erhoffte WOW-Effekt blieb jedoch aus. Schade!
Kurz gesagt:
Ich bin während Salvis Mafia Lovestory weder vor Desinteresse gestorben, noch habe ich mich unsterblich in die Handlung/Charaktere verliebt. "Tod oder Liebe" erzählt eine lesenswerte Geschichte über Rachegelüste, Selbstfindung & Liebe - nach dem altbewährten Liebe-auf-den-ersten-Blick-Prinzip und mittels einer ausdrucksstarken wie emotionalen Wortwahl. Leider wurde ich mit den weniger einzigartigen Charakteren nicht 100 % warm und habe schon reichlich vergleichbare Geschichten dieses Genres gelesen, wenn nicht sogar (für mich) bessere. Fans von derartigen Liebesgeschichten dürften jedoch auf ihre Kosten kommen - es wird gefühlvoll, dramatisch und jugendlich romantisch! Die Sternebewertung fällt da nicht leicht und dehalb wähle ich den Mittelweg: 3 Sterne!