Inhalt
Ein Lokführer zieht die Notbremse - doch vergebens: Der junge Mann auf dem Gleis, der Abiturient Claus Wagner, ist tot. Kommissar Löschner ermittelt im Umfeld des Schülers und befragt Claus' Eltern, Lehrer, Mitschüler und Freundin Inge. Was trieb den Schüler zu seiner Verzweiflungstag?
In in sich abgeschlossenen Rückblenden wird Claus' tragische Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Wie in einem Kaleidoskop erscheinen in den sechs Folgen offenbar gleiche Versatzstücke in stets neuen, überraschenden Zusammenhängen. Erst am Ende wird das Zusammenwirken aller Ereignisse sichtbar, all die Momente des Scheiterns und Fallengelassenwerdens, die Claus Wagner letztlich zum Selbstmord führten.Als Fazit von Löschners Ermittlungen bleibt nur, dass "einige allen Grund haben, sich mit sich selbst zu unterhalten"...
Episoden:
Disc 1:
01 Das fehlende Motiv
02 Die Eltern
03 Die Lehrer
Disc 2:
04 Die Mitschüler
05 Die Freundin
06 Claus Wagner
Bildbewertung:
Selten hat mich ein TV-Mehrteiler derart emotional beschäftigt, mich mit seiner Art der in Szene gesetzten und erzählten Geschichte zugleich tief bewegt und fasziniert, aber im selben Moment ein mulmiges Gefühl hinterlassen, wie dieses 1980 entstandene Fernsehspiel.
Die Drehbücher für die insgesamt sechs Folgen, dieses im Auftrag des ZDF durch die "Elan-Film Gierke Company" produzierten Fernsehspiels, stammen aus der Feder des Schauspielers und Drehbuchautors Robert Stromberger (1930-2009). In seinem Wirken schrieb er auch die Drehbücher zu solchen TV-Serienklassikern wie "Diese Drombuschs", "PS - Geschichten ums Auto" oder auch "Die Unverbesserlichen". Verantwortlich für die Regie bei dem Fernsehspiel "Tod eines Schülers" zeichnete Claus Peter Witt, zu dessen umfangreichen Schaffen als Regisseur u.a. Produktionen wie "Diese Drombuschs", "Die Gentlemen bitten zur Kasse" oder auch von 1990-2000 "Die Lindenstrasse" gehören, um hier nur einige wenige zu nennen.
In einer sehr stimmigen Inszenierung und einer beinahe den Atem raubenden geradezu perfekt aufgebauten und strukturierten Dramaturgie, wird in sechs in sich geschlossen erzählten Rückblenden, aus Sicht verschiedener Gruppen und Menschen versucht, den Grund für das Warum und Weshalb für den Suizid des erst neunzehnjährigen Abiturienten Claus Wagner (Till Topf) zu finden.
Nachdem in der ersten Folge der eigentliche Tathergang durch die Polizei dokumentiert und aufgezeigt wird, zeigen und vermitteln die folgenden, jeweils ca. eine Stunde dauernden Episoden, einen immer wieder neuen und überraschend anderen Teil des Lebens und Seins des Abiturienten Claus Wagner. Diese den Zuschauer fordernde und in der Gestaltung der Dramaturgie durchaus polarisierende Darstellung immer wieder neuer Einzelheiten, beschäftigt, in ihren Widersprüchlichkeiten und verschiedensten Sichtweisen, aufs immer wieder Neue. In dem Moment, wo man meint den wahren Grund und Auslöser für den Selbstmord von Claus gefunden zu haben, lässt die folgende Episode, aus Sicht der nächsten Menschen aus seinem Umfeld dargestellt, diese Theorie wieder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.
In der Art der Darstellung und Erzählweise nimmt sich die Produktion viel Zeit. Dieser für einige etwas betuliche Stil, ruft sicher bei dem einen oder anderen eher an heutige Sehgewohnheiten gewohnten Zuschauer etwas Verwirrung hervor, zeigt sich aber im Laufe der Handlung als genau Passend und auch notwendig gewähltes stilistisches Mittel in der Umsetzung der Inszenierung. Neben Till Topf in der Rolle des Claus Wagner, sind weiterhin Günther Strack und Eva Zlonitzky als seine Eltern zu sehen. Weitere Rollen sind mit Ute Christensen, Hans-Helmuth Dickow, Rolf Beuckert, Klaus Herm u.v.a.m. besetzt.
Damals, wie sicher auch heute mit Veröffentlichung der DVD, bietet die Thematik und die Umsetzung dieses Fernsehspiels reichlich Diskussionsstoff. Bereits 1981 nach der Erstausstrahlung, gab es neben der Auszeichnung mit der "Goldenen Kamera" auch massive Kritik und Vorhaltungen gegen die Produktion. Ein damals vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit erstelltes Gutachten, attestierte der TV-Serie in seiner Wirkung auf den Zuschauer, einen unmittelbaren Zusammenhang mit der um nach der Ausstrahlung um bis zu 175 % gestiegenen Suizidhäufigkeit im Bahnbereich von männlichen Jugendlichen, in der Altersgruppe und Gesellschaftsschicht wie von Claus Wagner im Fernsehspiel. Einen ähnlichen, wenn auch nicht mehr ganz so starken Anstieg der Suizidfälle verzeichnete man auch bei der Wiederholung der Sendung im folgenden Jahr. Die Serie wanderte fortan in den "Giftschrank" beim ZDF und wurde in den darauf folgenden Jahren kaum noch und wenn dann zumeist nicht vollständig gezeigt. Selbst im Jahre 2009, als anlässlich des Todes des Drehbuchautors Robert Stromberger, der Mehrteiler ohne größere Ankündigung im Nachtprogramm gezeigt wurde, zeigte man den vierten Teil, in dem sich die Mitschüler mit dem Suizid ihres Klassenkameraden beschäftigen, nicht.
In Anbetracht der Brisanz und Komplexität des in diesem Fernsehspiel behandelten Themas, bin ich für meinen Teil etwas überrascht, ob der durch die FSK festgelegte Altersfreigabe von 12 Jahren für diese DVD-Veröffentlichung. Nicht ohne Grund werden im Innentext des Covers Kontaktmöglichkeiten zu sich mit der Thematik des Suizids und von Depressionen beschäftigender Ansprechpartner und Hilfe anbietender Institutionen aufgelistet.
Das Bild von den beiden DVDs im Format 4:3 Vollbild mit seiner Laufzeit von ca. 6,5 Stunden, wurde ganz offensichtlich nicht für diese Veröffentlichung bearbeitet. So zeigt sich das zur Ansicht kommende Bild in der zu erwartenden, nicht sonderlich guten, eben dem Stand der damaligen Technik entsprechenden und machbaren Qualität eines Fernsehspiels aus dem Jahre 1980. Wobei ich persönlich der Meinung bin, dass hier nicht der bildlichen Qualität dieser Veröffentlichung das Hauptaugenmerk gelten sollte, sondern vielmehr der inhaltlichen Thematik.
Das zur Ansicht kommende Menü der beiden DVDs bietet, in seiner Gestaltung mit Filmsequenzen und der Musik von Eugen Thomass gehalten, den Zugriff auf die je drei pro DVD befindlichen Einzelfolgen. Zu jeder der Folgen gibt es einen abschließenden Kommentar von Professor Dr. Klaus Peter Jörns. Diese Kommentare können über das DVD-Menü ebenso wie die Folgen auch separat zur Wiedergabe gestartet werden. Ein Kapitelmenü kommt nicht zur Ansicht, jedoch sind innerhalb der einzelnen Folgen Marker gesetzt die Kapitelsprünge ermöglichen. Extras gibt es leider keine auf den DVDs dieser Veröffentlichung.
Tonbewertung:
Die Qualität des zu Gehör kommenden Tons im Format Dolby Digital 2.0 befindet sich ähnlich dem Bild auf dem, den technischen Möglichkeiten des Jahres 1980 zu erwartendem Niveau. Ohne große Effekte ist er in seinen Dialogen zumeist gut verständlich. Vom Klangvolumen ist er recht mittig und ein leichtes Grundrauschen macht sich bemerkbar. Leider bietet die Veröffentlichung keinerlei Untertitel oder andere Sprachen außer der bereits aufgeführten deutschen.
Gesamturteil:
Die beeindruckende und grandios in Szene gesetzte dramaturgisch überzeugend umgesetzte Verfilmung unter der Regie von Claus Peter Witt, nach dem Drehbuch von Robert Stromberger, kann ohne Wenn und Aber, als ein wahres Highlight deutschen Fernsehschaffens, der letzten Jahrzehnte, gewertet werden. Selbst in Anbetracht der seit der Produktion 1980 vergangenen vielen Jahre, hat dieser Fernsehmehrteiler nichts an Aktualität und beklemmender Brisanz und Wirkung auf den Zuschauer verloren. Vielmehr empfinde ich die Aktualität der in der Serie vermittelten Botschaft, in unserer jetzigen und heutigen immer mehr leistungsbezogenen und härter werdenden Ellenbogengesellschaft so passend, als sei das Fernsehspiel eine gerade eben erst fertig gestellte Produktion.
Autor: Torsten
Fernseh-Serien-Auf-DVD.de