Wie war ich doch erfreut und aufgeregt, auf dieses Buch zu stossen und konnte kaum erwarten, es in den Händen zu halten und mit dem Lesen zu beginnen. Noch bevor es soweit war, dachte ich bereits daran, als nächstes den zweiten Band zu kaufen. Dazu wird es nun aber nicht mehr kommen.
Selten hat mich ein Buch so enttäuscht und aufgeregt wie dieses. Diese Aufregung ist jedoch nicht mehr der Freude geschuldet.
Ich weiß nicht, welche Zielgruppe genau angestrebt wird. Dem Vorwort und Pressestimmen zufolge richtet sich das Buch an Mediziner, Psychotherapeuten, Heilpraktiker, weitere Fachleute und auch an Laien. (Diese Aussage wird auch für "Selbstheilung durch Vorstellungskraft" gemacht.) Und nur deswegen fühle ich mich überhaupt zu dieser Kritik genötigt. Ich selbst bin wohl irgendwo im mittleren Bereich anzusiedeln. Einige Jahre nach Erlangen eines Hochschuldiploms auf technischem Gebiet wandte ich mich von der Technik ab und dem Menschen zu. Wenn man ein grosses Auge zudrückt, ist das nicht ganz unähnlich dem Werdegang des Autors, nur dass ich nie auf einem Gebiet dissertierte. Seit einigen Jahren arbeite ich im Bereich der KAM (Komplementär- und Alternativmedizin). Von daher rührte auch mein grosses Interesse an diesem Buch. Ich zolle Herrn Schmid grössten Respekt für das Zusammentragen der ganzen Quellen und dem Versuch, eine Ordnung und einen roten Faden in das Thema und in das Buch zu bringen. Wenn ich es recht verstehe, wurde das Buch zuerst in englischer Sprache geschrieben und dann mit Hilfe von Frau Schweizer-Voigt übersetzt und auch lektoriert. Auch ihr gilt mein grösster Respekt. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es gescheiter gewesen wäre, das Lektorat jemand anderem zu überlassen. Wenn es "hart auf hart" kommt, sagt der Schweizer Bürger gerne, dass ja Deutsch (Schrift-/Hochdeutsch) nicht seine Muttersprache ist. Das kann ich auch gerne akzeptieren. Wenn dieses Buch jedoch für den ganzen deutschsprachigen Markt bestimmt ist, sollte dringend ein oder mehrere deutsche Muttersprachler das Lektorat führen. Diese Bemerkung ist nicht bösartig gemeint, da der Inhalt des Buches extrem anspruchsvoll ist!
Bis zur Hälfte des Buches war noch ein gewisser Spass- und Spannungsfaktor vorhanden und ich freute mich auf das mythopoetische Kapitel, um doch noch endlich auf einen besser lesbaren, oder gar poetischen Schreibstil zu stossen. Vergebliche Vorfreude. Der Autor schreibt auch Gedichte? Aha.
Als Jugendlicher hörte ich mal von einer 13-Worte-Regel. Jetzt wurde ich im Netz fündig, wo das genau herkommt. Es führte mich zu Ludwig Reiners: ein Satz bis 13 Wörtern ist sehr leicht verständlich ... ab 31 Wörtern sehr schwer verständlich. Schachtelsätze können sehr schön sein, vor allem, wenn man sie selber schreibt, weniger, wenn man sie lesen muss. Das kurze Kapitel mit dem bezeichnenden Titel "Das chaostheoretische Modell der nichtlinearen Dynamik" liefert hier ein kleines gutes Beispiel. Wie viele Punkte (Sätze) könnte man in diesem Kapitel mit 162 Wörtern (Quellenklammern ausgelassen) vermuten? Es sind genau 5. Das Buch ist leider voll davon. Wenn ein Schachtelsatz so elegant daher kommt, wie bei Thomas Mann, dann macht das Lesen vielleicht noch Freude. Wenn aber solche Sätze vor allem eine Aneinanderreihung von Fremdwörtern sind, dann ist das ärgerlich. In einem Laien-Haushalt sollte durchaus ein Fremdwörterbuch zu finden sein. Wie oft musste ich nachschlagen - und wie oft hat mir mein Buch mit 50'000 Fremdwörtern nicht weiterhelfen können! Und wie oft blieb selbst eine kleine Recherche mit den Suchmaschinen des Internets unbefriedigend! Damit nicht genug. Wenn ich einen Schachtelsatz fünfmal lesen muss, weil ich eben über dessen Holprigkeit stolpere, und ich dann beim fünften mal Lesen sicher bin, dass hier wieder die wenigen vier Fälle der deutschen Sprache falsch angewandt wurden, dann ist das ärgerlich. Und wenn das bei jedem zweiten Umblättern passiert, und ich hier die 2. Auflage (!) des Buches lese, dann ist das nur noch schwach.
Ob sich Physiker auch für Laien verständlich ausdrücken können? Da fällt mir sofort Fritjof Capra ein.
Ob sich Psychiater auch für Laien verständlich ausdrücken können? Da sag ich nur Manfred Spitzer.
Auf jeder zweiten Seite ist von Seele die Rede, doch konnte ich selbige in diesem Buch nicht finden. Leider auch keine durchscheinende humorvolle Atmosphäre. Selten habe ich ein "verkopfteres" Buch gelesen. Schade.
Idee, Inhalt und Mut für dieses Buch verdienen 5 Sterne. Die Null für die sprachliche oder gar didaktische Umsetzung wiegt jedoch schwerer. Übrig bleibt noch ein Zusatzstern für Fleiss.