Nachdem ich nunmehr schon beim 6. Band dieser Reihe angekommen bin, kann ich nicht umhin, hier eine Rezension einzufügen, die ich eigentlich als summarisch für die gesamte Reihe ansehen möchte.
Als bekennender ELLIS PETERS-Fan und ihres ‚Mittelalter-Detektivs’ Bruder Cadfael kam ich nicht umhin, mir auch PETER TREMAYNE (ein Pseudonym; ironischerweise heißt er nämlich eigentlich PETER B. ELLIS) einmal zu Gemüte zu führen. Es ist hilfreich, die Bände in chronologischer Reihenfolge zu lesen, beginnend mit dem ersten Band mit dem (nach meiner Meinung nichtssagenden) Titel „Nur der Tod bringt Vergebung“. Dieser nunmehr 6. Band spielt auch im Südwesten Irlands und zeigt Schwester Fidelma samt Dauerbegleiter Bruder Eadulf als Emissäre ihres Bruders, des Königs Colgù von Cashel bei einem Hinterwäldler-Stamm. Dabei bleibt es nicht aus, dass auch neben einem Ritualmord weitere Gewaltverbrechen geschehen und im Verlauf der Recherchen Fidelma sich selbst als Verdächtige sieht. Jetzt ist Eadulf ausnahmsweise mal gefordert.
Im Mittelpunkt dieser Reihe: Schwester Fidelma. Neben ihrer Bestimmung als Nonne übernimmt sie noch die Funktion einer „dalaigh der Brehon-Gerichtsbarkeit“ (so eine Art Staatsanwältin im Irland des 7. Jhdts.). Dies muss sie wohl gebetsmühlenhaft andauernd wiederholen, um sich Respekt zu verschaffen. Wohl eher ein Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins gepaart mit einem gehörigen Schuss Eitelkeit (und darin an Hercule Poirot erinnernd, der auf jeder zweiten Seite darauf hinweist, dass er Belgier und eben nicht Franzose sei). Und wenn dann immer noch einer nicht vor Ehrfurcht erstarrt ist, muss die königliche Herkunft unserer Protagonistin herhalten. Ich empfinde es nicht als Nachteil, wenn diese Fidelma-Reihe sehr viel Wissenswertes aus der Zeit der Kelten des 7. Jahrhunderts aus Irland vermittelt und dabei uns am Alltag des Früh-Mittelalters teilhaben lässt – ganz im Gegenteil!
Es ist ein typischer Krimi. Das bedeutet, dass außer der Hauptperson die Charakterisierung der weiteren Figuren eher oberflächlich und wenig facettenreich bleibt – in dieser Eigenschaft durchaus in der Tradition Bruder Cadfaels. Tiefer gehen da schon die Landschaftsbeschreibungen, die einem ein plastisches Bild der „grünen Insel“ verschaffen. Denn eins ist sicher: der englische Keltologe TREMAYNE ist begeistert von Land, Leuten, Kultur, Sprache und Geschichte Irlands! Das spürt man auf jeder Seite.
Fidelma als „Miss Marple des Mittelalters“ zu bezeichnen, wird ihr wohl nicht gerecht. Dies Attribut würde ich eher ELLIS PETERs „Bruder Cadfael“ zuerkennen. In ihrer omnipotenten Art erinnert sie eher an IAN FLEMINGs James Bond. Fidelma ist mit ihren 28 oder 29 Jahren gerade einmal halb so alt wie ihr ca. 550 Jahre später angesiedeltes ‚alter ego’ Cadfael, spricht (mindestens!) 5 Fremdsprachen perfekt (was machen wir in unserem heutigen Bildungssystem bloß falsch?), ist ein Experte für Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte (sie kann – natürlich – Aischylos genauso perfekt rezitieren wie Philokrates oder Aristoteles), kennt sich mit der Entzifferung der Runenschrift genauso gut aus wie mit der Botanik, Medizin und Gerichtsmedizin (ihr ist die Bedeutung des Blutkreislaufs schon 950 Jahre vor William Harvey (der bislang als Entdecker desselben galt) bekannt). Und auf ihrem eigentlichen Bereich, die Jurisprudenz, ist sie natürlich unschlagbar. Damit nicht genug, reitet sie noch wie der Teufel (Entschuldigung!), ist eine Meisterin im troid-sciathagid (fragen Sie mich nicht, wie man das ausspricht; aber es ist so eine Art Iren-Judo) und bringt schon vertiefte Kenntnisse über die Takelage von damaligen Handelsschiffen mit. Und singen kann sie natürlich auch. Es würde mich nicht wundern, wenn Fidelma in den nächsten Romanen en passant Island entdeckt; herausfindet, dass die Erde eine Kugel ist, die sich um die Sonne dreht, das Penicillin entdeckt und die Sixtinische Kapelle ausmalt. Neben ihr können die anderen Figuren nur verblassen. Vor allem ihr Adlatus Eadulf (typisch Mann hat er überwiegend immer nur eins im Sinn: Essen – da kann es dann auch schon mal passieren, dass man sich dumpf brütend gedankenverloren ein paar Giftpilze reinstopft - und das, obwohl man doch ihm, dem ausgebildeten Apotheker, allzu oft seine profunden Botanik-Kenntnisse attestiert), von dem sie schwärmt und dessen „geistreiche Diskussionen und seinen Humor“ sie so sehr schätzt. Da muss mir was entgangen sein, denn neben ihr wirkt dieser „Bruder in christo“ wie ein geistig zurückgebliebener „Normalo“ und die angesprochenen Diskussionen beschränken sich entweder auf das Herbeten irgendwelcher Passagen geistlicher Literatur oder Eadulf kommt voreilig zu irgendwelchen naheliegenden und damit natürlich völlig falschen Schlüssen. Diese „Diskussionen“ enden dann meist auch schon spätestens nach 2 oder 3 Einwänden oder - werden von ihm wider Erwarten doch einmal einige grundlegenden Fragen gestellt – das Gespräch wird wegen irgendwelcher dringender Angelegenheiten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Wie in der Politik auch: ein „später“ gibt es dann meist nicht. Bewundernswert, wie eben dieser Eadulf die leicht besserwisserische, um nicht zu sagen: arrogante Art seiner Begleiterin stoisch erträgt. (Ich erwarte schon den letzten Band der ‚Fildelma’-Reihe, in dem sich Eadulf in rasender Wut Fidelma mit den Worten: „Ich halte es nicht mehr aus…“ wirr lachend auf sie stürzt).
Ähnlich wie bei 007 geht es auch nicht nur um die Aufklärung profaner Morde, sondern stets steht mehr auf dem Spiel: mal steht der Fortbestand der (kirchen- und welthistorisch sicherlich sehr bedeutenden) Synode von Whitby auf dem Spiel oder es geht um die Verhinderung kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Gruppen – sei es in England, Rom oder Irland.
Bei all der Kritik muss aber festgehalten werden, dass die Bücher spannend geschrieben sind (immerhin bin ich schon beim 6. Band angelangt) und sich als kurzweilige Lektüre für gemütliche Winterabende, lange Flug-, Bahnreisen oder Krankenhausaufenthalte eignen. In seinen kirchenhistorischen und philosophischen Remineszenzen kommen sie aber an ECOs "Der Name der Rose" nicht heran, ist aber mindestens genauso spannend und schon deshalb werde ich sicher auch die Folgebände lesen!