Meine "Vorrednerin" in diesem kritischen Forum hat behauptet, Doris Gercke beschreibe in ihrem Buch "Tod in Marseille" den langsamen Wandel der Stadt. Das ist so nicht richtig: Der "IST-Zustand" wird vielmehr beschrieben und dabei freilich auf die Tage zurückgeblickt, als die Stadt noch schöner war. Zweifellos ist dieses Städteporträt die Stärke des Buches, von dem ich mir in dieser Hinsicht vielleicht sogar noch etwas mehr erwartet hätte. Eine weitere Stärke ist die "Schreibe" von Doris Gercke: Sie ist intelligent und trotzdem flüssig, kommt ohne Anführungszeichen bei Dialogen aus. Eine alte Säuferin aus La Gomera zum Zentrum des Romans zu machen, fand ich gewagt - das Experiment ist allerdings geglückt. Was ihr allerdings manche Bella-Block-Fans übel nehmen werden ist, dass Bella selbst erst spät auf den Plan tritt. Und damit sind wir bei den Punkten, die ich für die Schwächen dieses Buches halte (wer es selbst noch kennen lernen will, sollte jetzt hier nicht weiterlesen). Der "Bösewicht" wird zwar am Ende von dem noch größeren "Bösewicht" vergiftet; dass aber ausgerechnet der Hamburger Reeder Gerd-Omme Nissen, der Drahtzieher des von ihm inzenierten Versicherungsbetruges und des Untrergangs eines seiner Frachtschiffe ist, am Ende überhaupt nicht belangt wird, ist geradezu abstrus. Die urlaubsreife Bella Block juckt das alles nicht - sie erlebt ihre Marseiller Abenteuer, und weiter nichts. Soll uns das sagen, dass man gegen solche Wirtschaftskriminelle eben nichts ausrichten kann? Zudem sei noch auf einige Schwächen hingewiesen, was den Stil des Erzählten betrifft. Die ersten Passagen von "Tod in Marseille" wirken erzwungen, zudem wechselt das Tempus an einigen Stellen, was aber nicht mit erzählerischen Kniffen begründbar ist. Wurde hier nicht vollständig durchkorrigiert? Mit Gedichtzitaten hätte uns Doris Gercke besser verschont. Sie wirken fast alle montiert und sind nicht mit der Sory verbunden, und deshalb verzichtbar. Ach ja: Spannung kommt nicht auf bei diesem Roman. Zumindest ist er dennoch gut lesbar. Unschön sind die überschüssigen leeren Seiten in der Taschenbuchausgabe - das macht einen billigen Eindruck. Besser zur gebundenen Ausgabe greifen?